Angesichts der Tatsache wie allumfassend und tief verwurzelt die Strukturen des Mangels und des Kampfes sind, braucht uns nicht zu wundern, dass wir ihre Abdrücke in unserer eigenen Psyche wiederfinden. Wie befreien wir uns davon? Ihr Würgegriff ist so vollkommen, dass wir, wenn wir es versuchen, riskieren ihn noch zu verstärken. Zum Beispiel als ich fragte: “Wie befreien wir uns?”, erwarteten Sie da eine große Anstrengung, eine monumentale Anstrengung der Selbsttransformation? Wenn Sie dachten, dass es schwierig werden würde und anfingen, sich entweder für die Anstrengung zu rüsten oder sich müde abwendeten, war das Ihre Gewohnheit zu kämpfen.

Und jetzt, ärgern Sie sich, oder wollen Sie bestreiten, dass Sie dieser Gewohnheit unterliegen, oder sind Sie stolz den Test “bestanden” zu haben und frei davon zu sein? So oder so agieren Sie dann gemäß einer anderen Gewohnheit der Separation, Sie gewähren oder entziehen sich eine an Bedingungen geknüpfte Selbstakzeptanz. Wenn Sie Ihren Ansprüchen nicht genügen, sind Sie nicht gut genug. Selbstverurteilung, ein unerlässlicher Bestandteil im Krieg gegen das Selbst, ist eine der häufigsten Gewohnheiten der Separation.

Viele Leute haben keine Schwierigkeiten zuzugeben, hart gegen sich selbst, ihr “eigener schärfster Kritiker” oder Perfektionist zu sein. Denn schließlich geben sie bloß etwas zu, das unsere Kultur als eine Tugend hochhält: den Kampf gegen das Selbst. Wer würde schon zugeben, gegenüber anderen kritischer oder urteilender als sich selbst gegenüber zu sein? Das wäre gleichbedeutend damit, sich als Heuchler darzustellen.

Misslicherweise für das Bild des Selbstkritikers ist es unmöglich, wertend gegen sich selbst zu sein, ohne auch andere zu bewerten. Angenommen Sie schauen allabendlich auf den Tag zurück und beurteilen, ob Sie sich ehrlich, ökologisch verantwortungsvoll, verschwenderisch, ethisch oder gierig verhalten haben, und Sie loben oder tadeln sich entsprechend. Nun, was ist aber mit all den anderen Leuten da draußen, die weniger ehrlich, verantwortungsvoll oder ethisch als Sie waren? Sind diese Leute deshalb nicht so gut wie Sie? Egal ob Sie ihnen nun gönnerhafte Nachsicht gewähren oder sie verurteilen, die implizite Haltung “Ich bin besser als du” (oder schlechter als du, aber immerhin besser als irgendwer anderer) ist unausweichlich.

Was meine ich mit “Wertungsmentalität”? Wertend zu sein bedeutet nicht bloß Unterscheidungen zu treffen, Präferenzen zu haben oder Vergleiche anzustellen. Sie umfasst auch immer ein moralisches Urteil über eine Person, die Beimessung von richtig oder falsch, gut oder böse. Diese Zuschreibung kann viele Formen annehmen. Worte wie “sollte” und “sollte nicht”, “verantwortlich” und sein Gegenteil, richtig und falsch, ethisch, moralisch, gerechtfertigt, zulässig, beschämend oder andere Synonyme für gut und schlecht tauchen gewöhnlich in wertenden Aussagen auf.

Wertung ist Separation. Im Grunde besagt Wertung, dass Sie sich anders entscheiden als ich, weil Sie von mir verschieden sind. Sie besagt: “An deiner Stelle hätte ich es anders gemacht.” “Wäre ich der Vorstand eines großen Konzerns, dann würde ich nicht die Umwelt zerstören und die Öffentlichkeit darüber belügen.” “Wäre ich reich, dann würde ich mein Geld nicht für Sportwagen und Villen ausgeben.” “Wäre ich so dick, dann würde ich mich nicht zum vierten Mal am Buffet anstellen.” Ich bin besser. Ich bin nicht so ignorant. Ich bin nicht so verantwortungslos. Ich bin nicht so faul. Immerhin bin ich nicht so engstirnig. Immerhin prüfe ich die Beweise. Immerhin habe ich Bildung. Ich habe meine Schulden bezahlt. Ich esse verantwortungsvoll. Ich arbeite dafür. Zumindest bemühe ich mich wenigstens. Was ist nur los mit diesen anderen Leuten?

Das ist die Essenz der Separation: Befände ich mich in der Gesamtheit deiner Umstände, würde ich mich trotzdem anders verhalten als du.

Eine ganze Menge experimenteller Beweise zeigt, dass diese Behauptung falsch ist; dass Sie sich, befänden Sie sich in der selben Gesamtheit der Umstände, tatsächlich genauso verhalten würden wie er. Wie ich noch erklären werde, ist unsere Ausrichtung auf diese Wahrheit vielleicht der wirkungsvollste Weg, zu effektiveren Agenten der Veränderung zu werden. Es ist die Essenz des Mitgefühls, sich selbst an jemand anderes Stelle zu versetzen. Es ist die Haltung: Du und ich, wir sind eins; wir sind dasselbe Wesen, schauen durch verschiedene Augen auf die Welt hinaus und sitzen an unterschiedlichen Knotenpunkten im universellen Netz der Beziehungen.

Es ist auch sehr schwer zu akzeptieren. Ich kann mir vielleicht vorstellen, wie ich zum Dieb werde, wenn meine Kinder hungern, oder sogar wie ich besinnungslos öffentliches Eigentum vandalisiere, wenn mich meine Kindheit mit Wut erfüllt hat, aber was bräuchte es, damit ich siebenundsiebzig Menschen massakriere wie Anders Breivik und die wimmernden und auf Knien um Gnade bettelnden Opfer eines nach dem anderen erschieße? Was braucht es, dass ich mit einer Kettensäge einen mehrere hundert Jahre alten Baum umlege? Ich gebe zu, es ist sehr schwer, mich in die Lage eines Folterers, eines Kleinkinderschänders, eines Händlers von Sex-Sklavinnen oder eines Mörders zu versetzen. Aber machen wir uns doch nicht vor, besser zu sein als diese Menschen. Ein Urteil über sie spiegelt nur unseren eigenen Mangel an Verständnis und nicht irgendeinen fundamentalen Unterschied in unserem Wesenskern wider.

Ich bringe hier eine Position zum Ausdruck, die in der Sozialpsychologie auch als “Situationismus” bekannt ist. Sie besagt, dass die Gesamtheit unserer internalisierten und externen Situation unsere Entscheidungen und Überzeugungen bestimmt. Im Gegensatz dazu vertreten die meisten Menschen in unserer Gesellschaft den Standpunkt des Dispositionismus, der besagt, dass Menschen ihre Entscheidungen durch Ausübung ihres freien Willens auf Basis von relativ stabilen Dispositionen, also Wesenseigenschaften und Vorlieben treffen. Wenn jemand etwas Gutes tut, so der Dispositionist, dann wahrscheinlich, weil er ein guter Mensch ist. Der Situationist sagt: Nein, das ist ein Fehler, der “fundamentale Attributionsfehler”. Viele sorgfältige Forschung hat ergeben, dass Menschen (in unserer Gesellschaft) situationale Einflüsse durchwegs irgendwelchen Wesenseigenschaften zuschreiben, und dass sie beständig die Wirkung der Umstände auf das Verhalten der Menschen unterschätzen. Jemand sagt etwas Gemeines, und unser erster Impuls ist zu denken, es handle sich um einen gemeinen Menschen. Wir könnten später erfahren, dass die Person Zahnschmerzen hatte und unser Urteil ändern, aber der erste Impuls ist ein Urteil über Wesenseigenschaften.

Das ist kein Zufall. Dispositionismus und sein Aufseher, die Wertungsmentalität, ist in unsere Geschichte von der Welt eingeschrieben. An deiner Stelle würde ich nicht tun, was du tust, weil ich von dir verschieden bin, abgetrennt von dir. Dagegen sagt der Situationismus, dass das “ich” größer als das Individuum ist, dass das Subjekt, das Handelnde und Entscheidende das Individuum plus die Gesamtheit seiner oder ihrer Beziehungen ist. Das Selbst hat keine unabhängige Existenz. Von seinen Beziehungen zur Welt abstrahiert ist das Selbst nicht es selbst.

Jahrzehnte der Forschung zurückgehend bis zu den Milgram-Experimenten der 1960er widerlegen den scheinheiligen Glauben, dass ich anstelle jener Aufsichtsrätin, jener Politikerin, jenes Schwagers, jenes Ex-Partners, jenes Lehrers, jener Süchtigen, jener unentschuldbaren Person nicht dasselbe getan hätte, was sie getan hat. Fragen Sie sich selbst, welche Art von Mensch in einem psychologischen Experiment unschuldigen Versuchspersonen schmerzhafte, ja selbst lebensbedrohliche Elektroschocks verabreichen würde? Sicherlich würde das nur ein sehr schlechter Mensch tun. Sicherlich würden Sie es nicht machen! Nun, tatsächlich, wie es sich ergab, würden “Sie” es tun. Oder immerhin hat fast jede Person in Stanley Milgrams Labor so gehandelt, wenn die richtigen Bedingungen, die richtigen Entschuldigungen, die richtige Geschichte verfügbar waren. “Sicher kann es nicht falsch sein, wenn ein Wissenschaftler der Yale-Universität mit einem weißen Kittel die Sache leitet.” “Der Proband hat sich freiwillig gemeldet.” “Ich bin hier nicht verantwortlich, ich folge nur den Anweisungen.” Der Gedanke, dass irgendetwas Ungeheuerliches in einem Labor vor sich gehen könnte, welches mit allen Insignien der Wissenschaft an einer renommierten Universität ausgestattet ist, widerspricht der vorherrschenden Geschichte von der Welt und dem gesellschaftlichen Konsens über Rechtmäßigkeit und Anständigkeit, sodass eine Versuchsperson nach der anderen den Drehknopf auf das Maximum stellte und den Hebel betätigte.

Die eigentliche Frage war, wie es sein kann, dass höfliche Bürokraten wie Adolf Eichmann und Legionen von recht normalen Menschen für den Nazi Holocaust verantwortlich waren, die vor ihren Anstellungen als SS-Offiziere und Aufseher in Konzentrationslagern sehr gewöhnliche Werdegänge hatten. Wie lässt sich die “Banalität des Bösen” erklären? Ich werde später auf diese Frage zurückkommen, denn wenn wir uns daran machen, den Krieg gegen das Böse aufzugeben, müssen wir in der Lage sein, das Böse in einen anderen Rahmen zu stellen, wodurch es eine neue Art zu handeln motiviert. Denn es lässt sich nicht leugnen, dass einige sehr schreckliche Dinge auf der Erde geschehen. Diese Dinge müssen aufhören. Ich schlage hier nicht vor, dass wir unsere Augen vor dem verschließen, was wie das Böse aussieht. Ich schlage stattdessen vor, dass wir unsere Augen noch weiter öffnen, um die ganze Situation zu sehen – und zwar die Geschichte, die uns umgibt – die das Böse überhaupt erst hervorbringt.

Die situationistische Sichtweise ist in der Sozialpsychologie in der einen oder anderen Form weithin akzeptiert. Ein von John Darley und C. Daniel Batson durchgeführtes Experiment aus dem Jahr 1973 bietet ein weiteres Beispiel für die Macht der Situation. Sie kennen vielleicht die Geschichte vom barmherzigen Samariter aus der Bibel. Ein Mann wurde von Räubern niedergeschlagen und liegt stöhnend am Straßenrand. Ein Priester geht vorüber. Dann tut ein Levit (der ein Priesterassistent sein könnte) es ihm gleich. Zuletzt hält ein Samariter an um zu helfen. Durch dieses Gleichnis fragt Jesus, welcher der drei sich als “Nächster” des niedergeschlagenen Mannes erweist. Er sagt nicht, dass der Samariter gut war, obwohl das Gleichnis heute auch die Geschichte vom “guten” Samariter genannt wird, was nahelegt, dass er sich vom Priester und Leviten durch seine moralische Veranlagung unterschied.

In dem Experiment wurde einer Gruppe von Seminaristen (moderne Priester und Leviten in Ausbildung – den Experimentatoren fehlte es offenbar nicht an Humor) erzählt, sie müssten den Campus überqueren, um einen Vortrag über die Geschichte vom barmherzigen Samariter zu halten. Sie wurden in drei Gruppen aufgeteilt, und man gab ihnen jeweils unterschiedliche Instruktionen. Der ersten Gruppe wurde erzählt: “Sie beeilen sich besser, sie sind schon zu spät für das Seminar.” Der zweiten Gruppe sagte man: “Sie beeilen sich besser, die Veranstaltung beginnt in wenigen Minuten.” Und die dritte Gruppe bekam zu hören: “Sie können schon mal rübergehen. Die Veranstaltung beginnt noch nicht, aber hier sind wir fertig.”

Auf ihrem Weg zum Hörsaal kamen die Studenten an einem Mann (er gehörte zu den Experimentatoren) vorbei, der stöhnend im Eingangsbereich lag. Die Studenten mussten praktisch über ihn hinwegsteigen, um an ihr Ziel zu gelangen. Hielten sie an um zu helfen? Wie Sie erwarten würden, hing es davon ab, welcher Gruppe sie angehörten. Nur zehn Prozent der ersten halfen, aber 60 Prozent der dritten.

Warum stiegen jene aus der ersten Gruppe über den “Verletzten” hinweg, während die aus der dritten Gruppe anhielten um zu helfen? Offensichtlich hatte es nichts damit zu tun, dass zufällig alle guten Menschen in der dritten Gruppe gelandet waren. Vielleicht sollte die Bibelgeschichte “Der Samariter, der nicht in Eile war” genannt werden. Und vielleicht können wir nicht die Menschen beschuldigen, denen wir gern die Schuld geben. Vielleicht kann den Problemen der Welt nicht begegnet werden, indem man das Böse bekämpft.

Nicht nur unsere persönlichen Wertungen, sondern viele unserer sozialen Institutionen, vor allem das Rechtssystem, fußen auf dispositionalen Annahmen. Wir gehen davon aus, dass Personen für gewöhnlich verantwortlich für die Wahl ihres Verhaltens sind und unterscheiden zwischen einer Tat unter Zwang und einer Tat aus freien Stücken. Doch Zwang ist nur ein Extrembeispiel eines situationalen Einflusses. Kann man uns die Gesamtsumme aller Erfahrungen anlasten, die aus uns gemacht haben, was wir sind?

Genauso geht auch das Vertragsrecht davon aus, dass zwei Parteien aus freiem Willen eine Übereinkunft treffen, basierend auf ihren eigenen Interessen und Vorlieben. Ein Vertrag kodifiziert eine Art Zwang – er besagt: “Ich werde dir erlauben, mich zu zwingen, das zu tun, wozu ich mich hiermit bereit erkläre.” In alltäglichen Interaktionen verstehen wir, dass sich “die Dinge manchmal ändern”, und wir binden jemanden nicht an ein Versprechen, wenn die Situation sich stark verändert hat. Wir erkennen, dass der Mensch, der das Versprechen gemacht hat, nicht getrennt von seinen Lebensumständen betrachtet werden kann, und wenn diese sich ändern, ändert sich auch der Mensch. Die Person, die das Versprechen gegeben hat, existiert in gewissem Sinne nicht mehr. Ein Vertrag ist der Versuch, diese Wahrheit zu leugnen.

Offensichtlich hat der Situationismus immense Auswirkungen auf die Natur von Entscheidungen, freiem Willen, Motivation, moralischer Verantwortung und Strafrecht. Diese und viele andere Themen werden in dem einflussreichen und gelehrten Aufsatz: “The Situational Character: A Critical Realist Perspective on the Human Animal” von Jon D. Hanson und David G. Yosifon zusammen mit dem Begleitaufsatz “The Situation: An Introduction to the Situational Character, Critical Realism, Power Economics, and Deep Capture” ausgelotet.

Der Situationismus ist auch eine Auffassung, zu der wir direkten Erfahrungszugang haben. Haben Sie schon mal einen Moment erlebt, in dem Sie den Standpunkt eines Menschen nachvollziehen konnten, wenn wir auf einmal in ihrer oder seiner Welt sind und plötzlich alles, was sie oder er getan hat, sinnvoll erscheint? Nicht länger ist jener andere Mensch eine Art Monster, ein Anderes. Ich kann ein wenig verstehen, wie es sich anfühlt, dieser Mensch zu sein. Mit dieser Einsicht regt sich ganz natürlich Versöhnlichkeit, und es ist unmöglich zu hassen. Sie zeigt uns auch, dass, wann immer wir jemanden hassen, wir auch uns selbst hassen.