All diese Sorten von Knappheit gehen auf eine gemeinsame Wurzel zurück, eine Art existentielle Knappheit, für die ich keinen Namen finde. Es ist ein Mangel an Sein, das Gefühl: “ich bin nicht genug”, oder: “es gibt nicht genug Leben”. Als Folge unseres Abgeschnittenseins von dem erweiterten Selbst, das mit dem Rest des Universums inter-existiert, lässt er uns niemals zur Ruhe kommen. Er ist eine Konsequenz unserer Entfremdung, unserer Preisgabe an ein totes, sinnloses Universum aus Kräften und Massen, ein Universum, in dem wir uns nie zu Hause fühlen können, ein Universum, in dem wie nie von einer Intelligenz getragen werden, die größer als unsere eigene ist, nie Teil eines sich entfaltenden Sinnes sein können. Sogar mehr noch als die Knappheit von Zeit und Geld ist es dieses existentielle Unbehagen, das den Willen zu konsumieren und zu kontrollieren antreibt.

Die erste daraus resultierende Gewohnheit, ist jene immer etwas zu tun. Das Hier und Jetzt ist nie genug. Vielleicht möchten Sie einwenden, dass die Menschen in der westlichen Welt unglaublich viel Zeit mit Tätigkeiten verbringen, die ganz und gar nicht produktiv sind, wenn sie fernsehen und Videospiele spielen, aber das sind Ersatzhandlungen und nicht Nicht-Tun.

Ich sage nicht, dass es schlecht ist, etwas zu tun. Was ich sage, ist, dass es eine Zeit für das Tun und eine Zeit für das Nicht-Tun gibt, und dass wir, wenn wir Sklaven der Gewohnheit des Tuns sind, zwischen beiden nicht unterscheiden können. Wie ich zuvor erwähnte, ist es Zeit zu handeln, wenn man weiß, was zu tun ist. Wenn man nicht weiß, was zu tun ist und trotzdem handelt, handelt man wahrscheinlich aus Gewohnheit.

Versteifen wir uns nicht zu sehr auf das Wort “tun” – offensichtlich verschwimmt die Unterscheidung zwischen tun und nicht-tun, wenn man näher hinsieht. Vielleicht kann ein Beispiel besser verdeutlichen, was ich meine. Kürzlich habe ich an einer eintägigen Versammlung von etwa dreißig Aktivisten aus der ganzen Welt teilgenommen, bei der es um das Thema des Lokalen ging. Wir waren alle schon einmal Redner auf Konferenzen gewesen. Der Tag fing mit einem Gespräch an, das nach ein, zwei Stunden begann, an einige tiefgreifende Fragen zu rühren, wie der Wandel herbeigeführt werden kann. Aber dann wurde es einigen von uns unangenehm, dass wir, wie wir es wahrnahmen, “nur redeten” (oder wurde es uns in Wirklichkeit unangenehm, dass wir hier an tiefere Dinge rührten?), sodass wir uns in aufgabenzentrierte Gruppen aufspalteten um “etwas zu tun”. Ein Teil unseres Gruppenbewusstseins glaubte, dass es eine Zeitverschwendung gewesen wäre, hätten wir nach diesem Tag keinen Handlungsplan, keine Stellungnahme oder sonst etwas Greifbares produziert. Wie sich herausstellte, war es gerade der Nachmittag, der sich wie eine Zeitverschwendung und der Vormittag, der sich produktiv anfühlte – trotz der Tatsache, dass nichts “getan” worden war. Vielleicht war das Problem, dass wir zu schnell versucht hatten, etwas zu “tun” bevor die Gruppe als Einheit reif dafür war. Wir handelten aus der Gewohnheit von Dringlichkeit. Wiederum, damit soll nicht gesagt sein, dass wir nie Pläne machen, Arbeitsgruppen organisieren, Arbeit delegieren oder linear und schrittweise denken sollten. Nur müssen wir eine Sensibilität dafür entwickeln, wann es die rechte Zeit ist, diese Dinge zu tun.

Wir sind wie jemand, der sich in einem Labyrinth verirrt hat. Der Mann rennt hektisch herum, landet wieder und wieder in denselben Sackgassen und kommt immer von neuem an seinen Ausgangspunkt zurück. Schließlich macht er eine Pause um zu rasten, Luft zu holen und nachzudenken. Dann mit einem Schlag versteht er die Logik des Labyrinths. Jetzt ist es Zeit mit dem Gehen zu beginnen. Stellen Sie sich vor, er sagte statt dessen: “Nein, ich kann nicht Pause machen um zu rasten. Nur wenn ich gehe, werde ich jemals irgendwohin kommen. Also darf ich nicht aufhören in Bewegung zu bleiben.” Wir tendieren dazu, diese Phasen der Pause, der Leere, der Stille und der Integration der Erfahrungen zu entwerten.

Wie findet man aus einem Labyrinth heraus? Ja, es hilft herumzugehen und es zu erforschen, aber an einem gewissen Punkt muss man stehen bleiben und nachdenken. Gibt es ein Muster in meinem Umherirren? Was weiß ich noch darüber, wie ich hier zum ersten Mal meinen Weg verlor? Wofür gibt es dieses Labyrinth überhaupt? Vielleicht ist das frühe Stadium des panischen, hektischen Herumrennens oder des zunehmend vergeblichen Tuns notwendig, aber viele von uns sind jetzt bereit einen anderen Weg auszuprobieren.

Die Lage der Erde ist zu fatal, um aus Gewohnheit darauf zu reagieren, sprich wieder und wieder die gleichen Lösungen zu probieren, die uns in unsere gegenwärtige höchste Not gebracht haben. Woher kommt die Weisheit, auf völlig neue Art zu handeln? Sie kommt aus dem Nirgendwo, aus der Leere; sie kommt aus der Untätigkeit. Wenn wir das einsehen, erkennen wir, dass uns diese Möglichkeit die ganze Zeit offenstand. Sie lag direkt vor uns; und gleichzeitig war sie in einem anderen Universum – in einer anderen Geschichte von der Welt. Ein chinesisches Sprichwort beschreibt das treffend: “So weit weg wie der Horizont und direkt vor deiner Nase.” Man kann ihr bis in alle Ewigkeit nachrennen, schneller und schneller laufen und nie ein Stück näher kommen. Nur wenn man aufhört, erkennt man, dass man schon dort ist. Genau das ist unsere kollektive Situation in diesem Moment. Alle Lösungen für die globalen Krisen liegen direkt vor uns, aber sie sind für unsere kollektive Wahrnehmung unsichtbar, so als existierten sie in einem anderen Universum.

Wenn wir in einer Geschichte gefangen sind, können wir nur die Dinge tun, die mit dieser Geschichte begreifbar sind. Oft ist uns bewusst, dass wir in einer Falle stecken (die alte Geschichte endet), aber wir haben keinen Zugriff auf irgendeine Alternative (wir sind noch in keiner neuen Geschichte heimisch). Führungskräfte von sozialen oder Umweltschutzorganisationen fühlen sich in ihrem Handlungsrahmen zwischen Spendensammeln, Mitgliederkampagnen, Pressemitteilungen und öffentlichen Diskussionspapieren gefangen. Ein neuer Skandal droht. Was tun? Schon wieder einen Appell aussenden? Auf jeder Ebene sind unsere Lösungen immer weniger wirksam, aber unsere Geschichte erlaubt keine Alternative.

Das Gleiche könnte man über die Antworten der Währungsbehörden auf die Finanzkrise sagen und allgemeiner über die Regierungen überall. An den meisten Orten hat sich das politische System in zunehmend irrelevante Debatten verstrickt, deren echte Lösungen nicht einmal zur Diskussion stehen. In den U.S.A. mitten in den Streitereien über Truppenstärken, Zeitpläne für den Rückzug und so weiter, wo ist hier der Ruf nach einem Rückzug von allen Militärbasen weltweit und der gänzlichen Abrüstung des stehenden Heeres? Das ist nicht Teil der Debatte.i Gewiss, damit das Gegenstand der Debatte werden könnte, müssten tiefsitzende Mythen über die Funktionsweise der Welt, über die Gründe für Krieg und Terrorismus und die wahren Ziele der amerikanischen Außenpolitik und so weiter bis hinunter zu unseren Vorstellungen von Gut und Böse aufgegeben werden. Für jemanden, der diese Mythen nicht hinterfragt hat, mutet ein Ruf nach der Auflösung des Heeres lachhaft und naiv an.

Und genauso: Wo im Universum der politischen Debatte über Landwirtschaft ist die Idee eines umfassenden Übergangs zur Permakultur, einschließlich großer Gärten dort wo heute Rasenflächen sind, einer Wiederbesiedlung der ländlichen Gebiete, der Kompostierung menschlicher Exkremente, und der therapeutischen Vorteile einer Wiederanbindung an den Boden? Man könnte dadurch Kohlenstoff wieder in den Boden zurückbringen, die Eutrophierung der Wasserläufe beenden, die Wasseradern wieder auffüllen, und die Desertifikation rückgängig machen. Es entstünde sinnvolle Arbeit für die Millionen, die danach suchen, und reduzierte drastisch den Verbrauch fossiler Brennstoffe – und man produzierte mehr Nahrungsmittel auf weniger Landfläche, wodurch die wilden Ökosysteme wiederhergestellt werden könnten.

Es braucht einiges Tun um diese Argumente zu belegen. Viele Autoritäten stellen kategorisch fest: “Der einzige Weg sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten zu ernähren ist der massive Einsatz fossiler Treibstoffe.” Diese Behauptung zu widerlegen erfordert die Dekonstruktion ihrer Grundannahmen über Landwirtschaft und Ernährung. Wie viele von ihnen berücksichtigen (um ein Beispiel von vielen zu nehmen), dass eine Nutzpflanze wie der Brotnussbaum der Maya in den Tropen den achtfachen kalorischen Ertrag von Mais pro Hektar produzieren kann mit höherem Nährwert und besserer Lagerungsfähigkeit, und außerdem in großen Mengen mit minimalem Arbeitseinsatz ohne Pestizide angebaut und nur einmal gepflanzt werden muss, trockenheitsresistent ist, Futter für Ziegen und Kühe bereitstellt und als eine Oberholzpflanze zusammen mit Gemüse oder Aquakultur etc. darunter gepflanzt werden kann? Dieser Baum wurde in ganz Zentralamerika abgeholzt, um Platz für Maisfelder zu schaffen.ii

Selbstverständlich kann ein Übergang zu Nutzpflanzen wie dem Brotnussbaum der Maya und hunderten anderer viel zu wenig genutzten Nahrungspflanzen nicht ohne begleitende kulturelle und wirtschaftliche Veränderungen geschehen. Die Globalisierung der Nahrungsmittelkultur, die medialen Bilder, die eine industrielle Ernährungsweise umsetzen, das kulturelle Narrativ, das landwirtschaftliche Arbeit als niedrig einstuft, das Finanzsystem, das die Landwirte dazu drängt, Nutzpflanzen als Waren zu produzieren, Richtlinien, die die bestehenden landwirtschaftlichen Praktiken als gegeben erachten, und die finanziellen Interessen der Saatgut- und Pestizidfirmen – das alles trägt zum landwirtschaftlichen Status quo bei. Schon allein die Vorstellung von einer einheitlichen Nutzpflanze, die auf einem kontrollierten Substrat wächst, geht auf die wissenschaftliche Weltanschauung von einem austauschbaren materiellen Substrat, von einheitlichen Elementen zurück, auf die wir Ordnung und Planung anwenden.

Das ist eine ganze Menge an Geschichten, die sich Schicht für Schicht ändern müssen. Deswegen sage ich eine Revolution muss ganz hinunter bis zu unserem Grundverständnis vom Selbst und Welt gehen. Als Spezies werden wir nicht überleben durch ein Mehr desselben: bessere Sorten von Getreide, bessere Pestizide, die Ausweitung von Kontrolle auf die genetische und molekulare Ebene. Wir müssen uns auf eine fundamental andere Geschichte einlassen. Darum wird sich eine Aktivistin unvermeidlich bei der Arbeit auf der Ebene der Geschichten wiederfinden. Sie wird erkennen, dass konkrete Aktionen, die sich an unmittelbare Bedürfnisse wenden, selbst wenn es ganz pragmatische sind, darüber hinaus auch noch eine Geschichte erzählen. Sie kommen aus einer neuen Geschichte von der Welt und tragen zu ihr bei.

iAußer natürlich an den politischen Rändern. Es ist aber, so weit ich weiß, keine der Optionen, über die in den großen Parteien geredet wird.

iiIch habe hier ein Beispiel genommen, das kaum gegen die heutigen Paradigmen verstößt. Ich könnte auch die von Schauberger inspirierten Wasserpraktiken nennen oder homöopathische Bodenaufbereitung, die Methoden, die in Findhorn angewendet werden, oder die Arbeit von Machaelle Small Wright mit Natur-Devas. Aber dann würden wahrscheinlich diejenigen unter Ihnen, die bereit sind , die Brotnussbäume der Mayas zu akzeptieren aber nicht die Intelligenz von Wasser oder die Natur-Devas, auch alles andere, was ich sage, nicht ernst nehmen – mitgefangen, mitgehangen. Aber nein, ich glaube doch nicht in Wahrheit an solche Dinge, oder? Spaß beiseite, die Wahrheit ist, dass ich sie gern glauben würde, aber immer noch Hilfe brauche, mich in diesen Geschichten tatsächlich heimisch zu fühlen. Als ich versuchte, die Natur-Devas zu beschwören, fraß ein Murmeltier sämtliches Gemüse in meinem Garten auf.