Übersetzung des Kapitels „The illness seeks the medicine“ aus dem Buch „The Yoga of Eating“ von Charles Eisenstein

Wenn Du Deinen Mitmenschen betrachtest und seine wahre Bedeutung erkennst, und dass er sterben wird, wird Erbarmen und Mitgefühl für ihn in Dir aufsteigen und schließlich wirst Du ihn lieben.– G.I. Gurdjieff

Wo das Land flach ist, fließt das Wasser hin. Alles, was die Heilkunst will, ist Schmerz zu lindern.– Jelaluddin Rumi

Kann wahre Demut und Mitgefühl in unseren Worten und Blicken sein, wenn wir nicht wissen, dass auch wir zu jeder Tat fähig sind?– Heiliger Franz von Assisi

Als Einzelne und als Gesellschaft scheinen wir uns zu Verhaltensweisen hingezogen zu fühlen, die zu unserer eigenen Vernichtung beitragen; Verhaltensweisen, die uns in einem schwachen, ungesunden und bedrückten Seinszustand festhalten. Wenn wir den Schaden sehen, der durch bestimmte Ernährungsweisen, Angewohnheiten und Lebensstile verursacht wird, entscheiden wir, eine Veränderung herbeizuführen. Eine Art Abscheu vor uns selber treibt uns zu dieser Anstrengung: Abscheu wegen unserer moralischen Fehltritte, unserem schwachen Willen, unserer selbstsüchtigen Genuss-Sucht.

Ein Mann mag von seinen häufigen Wutanfällen angewidert sein, bei denen er seine Angehörigen anschreit und beschimpft, was seine Beziehungen nachhaltig schädigt. „Was stimmt mit mir nicht?“ denkt er. Eine Frau mag ihre Nikotinsucht verabscheuen, wegen der sie sich schmutzig und willensschwach fühlt. Eine andere Frau mag ihre Unfähigkeit ablehnen, in ihren beruflichen und privaten Beziehungen für sich einzustehen. „Etwas stimmt mit mir nicht“, sagt sie, „warum lasse ich mich von anderen Menschen ausnutzen?“

Und wenn wir uns selbst verachten, lehnen wir natürlich auch andere Menschen ab, denn wer ist schon perfekt? Sich selbst zu verurteilen führt zu einem hohen Maßstab, den man an alle Menschen anlegt, nicht nur an einen selber. Manchmal versteckt sich eine verurteilende Haltung in einer unaufrichtigen Bemerkung, die falsche Bescheidenheit vorspielen soll. Oder sie äußert sich sehr direkt. Wir prangern rücksichtslose Autofahrer an, die durch ruhige Wohnviertel rasen, als wären sie eine Art von Ungeheuern, als wäre ihr Verhalten uns unverständlich. Wir blicken mit Verachtung und Selbstgerechtigkeit auf die übergewichtige Frau herab, die ihren Einkaufswagen mit Kartoffelchips füllt. Wir lachen über die Schwester eines Freundes, die sich aufgrund ihres sexuell freizügigen Verhaltens immer wieder in entwürdigende Situationen bringt und schütteln den Kopf in tadelnder Missbilligung, wenn wir die neueste Statistik über eheliche Untreue lesen.

Im Verurteilen anderer fühlen wir uns bestätigt, schaffen wir ein Bild von uns selbst, das vom Gedanken „Ich würde das niemals tun“ beherrscht wird. Dieser Gedanke impliziert einen gravierenden Mangel an bedingungsloser Selbstliebe und die geheime Furcht „Ja, ich würde das auch tun“, oder sogar die beschämende Erkenntnis: „Ja, ich habe dies schon einmal getan“.

Bitte verstehe diese Worte nicht so, dass sie eine Verachtung von verurteilenden Menschen beinhalten. Das wäre scheinheilig. Dennoch ist der Grund, nicht zu urteilen, zu messen, zu verachten und andere zu beneiden, nicht, dass man vermeiden möchte, scheinheilig zu sein; es geht nicht darum, diese Dinge zu vermeiden, da man sie „nicht tun sollte“ oder weil sie „falsch“ wären – alle diese Gründe sich gleichermaßen verbunden mit der Verurteilung von sich selber und anderen.

Lasse es mich noch einmal wiederholen: Sage Dir nicht, dass Du Dich selber nicht verurteilen solltest. Du wirst Dich sonst in Widersprüche verstricken. Denn wenn Du Dich tief gehend damit beschäftigst, was „sollte nicht“ bedeutet, wirst Du sehr wahrscheinlich eine stillschweigende Verurteilung verurteilender Menschen darin entdecken.

Darüber hinaus ist es nicht nur sinnlos, sondern auch unnütz, sich selber dazu zu zwingen, sich nicht zu verurteilen. Das kommt daher, dass eine verurteilende Haltung von selbst vergeht, wenn Mitgefühl entsteht; und Mitgefühl entsteht natürlicherweise und mühelos, wenn man mit nüchternem und klaren Verstand versteht, wie das Verhalten einer Person entstanden ist.

Solch ein Verständnis kann in zwei Sätzen, die man nicht zu leichtfertig ablehnen sollte, da sie sehr subtil und vielschichtig sind, zusammengefasst werden:

(1)Du würdest dich so wie jemand anderes verhalten, wenn du er oder sie wärest

(2)Die Krankheit weist den Weg zum Heilmittel

Die meisten Menschen widersprechen der ersten Äußerung sofort. „Nein“, protestieren sie, „wenn ich Andrea Yates gewesen wäre, hätte ich mir professionelle Hilfe gesucht, ich hätte nicht meine fünf Kinder in der Badewanne ertränkt.“1 In dieser Äußerung übertragen wir unser eigenes Verständnis der Erfahrung, ein Mensch zu sein, auf Andrea Yates. Was es eigentlich bedeutet, ist: „Wenn Andrea Yates ich gewesen wäre, hätte sie dieses nicht getan.“ Aber Andrea Yates war Andrea Yates und wie kannst Du überhaupt wissen, wie es war, in ihrer Haut zu stecken? Es scheint beinahe unmöglich, sich dieses vorzustellen, aber ich habe mir sehr, sehr viel Mühe gegeben, es trotzdem zu versuchen. Ich habe versucht, mir eine so tiefe, erbarmungslose Verzweiflung vorzustellen, eine alles verzehrende Hoffnungslosigkeit von beinahe unvorstellbarem Ausmaß, eine so ohnmächtige Niedergeschlagenheit, vollkommen und gnadenlos, dass ich meine fünf Kinder eines nach dem anderen ertränken könnte; die Kinder, die ich getröstet und geliebt habe, die ich gefüttert und bei denen ich die Windeln gewechselt habe, denen ich etwas erklärt und die ich behütet habe, die ich zu kleinen Persönlichkeiten habe heranreifen sehen, Tag für Tag, Jahr um Jahr; diese bekannten Gesichter, von mir, ihrer mit Schwächen behafteten Mutter, vollkommen abhängig. Und ich stelle mir die Tat an sich vor: Wie ich meinen Blick von ihrer Verwirrung abwende, die sich in Furcht, Verzweiflung und schließlich in Todesangst verwandelt; wie ich versuche, die Schreie der anderen Kinder zu ignorieren, die warten ohne zu wissen, was als nächstes passiert; die nur verstehen, dass irgendetwas sehr, sehr falsch läuft und trotzdem vielleicht noch an einem kleinen Rest Vertrauen festhalten. Und wie nach dem Verbrechen die unvorstellbar quälenden Schuldgefühle kommen, die zu massiv sind, um sich ihnen zu stellen, aber zu drängend, um sie zu ignorieren; Höllenqualen ohne jedwede Hoffnung. Ich war sehr bemüht, mir das vorzustellen, da dies mein Weg ist, mich persönlich weiterzuentwickeln. Wie muss sich jemand fühlen, wie muss jemand sein, um solch ein Verbrechen zu begehen? Wer weiß, was sie erlebt hat, um zu solch einem Punkt im Leben zu gelangen? Wie kannst Du wissen, dass Du – nicht als Du selbst, sondern als Andrea Yates, in genau den gleichen Lebensumständen wie sie – nicht das dasselbe getan hättest wie sie? Was mich persönlich angeht, ich weiß es nicht.

Ich habe für mein Beispiel vielleicht das abschreckendste Verbrechen gewählt, dass man sich überhaupt vorstellen kann. Es ist sehr viel einfacher, mir Umstände vorzustellen, in denen ich mit einem Auto durch ein ruhiges Wohngebiet rasen würde. Ich stelle mir vor, dass ich unter Zeitdruck stehe, ich mich vielleicht unverletzbar und stolz fühlen möchte, die Kontrolle zurückgewinnen will in einer Welt, in der ich mich aller Macht beraubt fühle.

Es ist einfach, mir vorzustellen, dass ich übergewichtig bin und meinen Einkaufswagen mit Kartoffelchips und Süßigkeiten belade. Vielleicht weil ich ein Trostessen brauche in einer Welt, die mir zu wenig Trost spendet; weil ein süßes Vergnügen einen Ersatz bietet für einen Mangel an Süße im Leben, für unerfüllte Hoffnungen und gescheiterte Beziehungen; gut zu mir selber sein auf die einzige Weise, die ich kenne (vielleicht weil dies auch die Art war, wie meine Eltern ihre Liebe zeigten) in einer Welt, die kaum gut zu mir ist.

Es ist leicht, mir vorzustellen, viele wechselnde Sexpartner zu haben in einer Welt bar jeder Intimität, auf der Suche nach einer Seelenverwandtschaft in einer Gesellschaft, die uns Menschen vereinsamen lässt. Und wenn ich nur einen kleinen Hauch dieser Seelenverwandtschaft in der Vereinigung zweier Körper im Rahmen einer rein sexuellen Beziehung finde, wie ich diese wieder und wieder suche; mit dem Ziel meine Einsamkeit zu lindern; mit dem Wunsch, geliebt zu werden, einen anderen bedingungslos zu lieben, als hätte man sich gerade frisch verliebt. Ich kann mir viele Umstände vorstellen, in denen Promiskuität wie von selbst entsteht.

Wenn Du Dich vollkommen in eine andere Person hineinversetzt, und Dir vorstellst, wie es ist, sie zu sein und fühlst, was sie fühlt, wirst Du kein Bedürfnis mehr haben, sie zu verurteilen. Andere werden dies bemerken und Dir vertrauen und überrascht sein, dass Du Dinge über sie weißt, die sie Dir nie erzählt haben. Wenn Du so handelst, wirst Du Demut spüren, eine tief empfundene Demut, die zwanglos aus dem Verständnis folgender Einsicht erwächst: „Ich würde sicherlich so handeln wie Du, wenn ich an Deiner Stelle wäre.“

Es ist für diese Überlegungen ausreichend, zu behaupten, dass wir alle verletzte Seelen sind. Mehr oder weniger haben wir alle Verletzungen in dieser Welt erlitten. Die Reaktion auf diese Verletzungen, die wir als Fehler, Sünde oder Verbrechen bewerten mögen, jämmerlich, verachtenswert oder abscheulich, ist, wie das obige Beispiel verdeutlicht, natürlich und vollkommen verständlich. Und nicht nur verständlich, sondern sogar weise – und berührend. Und so gelangen wir zu dem zweiten Satz „Die Krankheit weist den Weg zum Heilmittel“.

Beginnen wir mit der Frage des Drogenmissbrauchs. Normalerweise betrachtet unsere Gesellschaft Alkohol- und Drogenabhängigkeit entweder als eine moralisch verwerfliche Schwäche oder als eine „Krankheit“, ein Begriff der heutzutage mit der Vorstellung eines ohnmächtigen Opferdaseins einhergeht. Trotzdem gibt es eine andere Art, Drogenmissbrauch zu sehen, die weder arrogant noch bevormundend ist, und die, wie ich im Weiteren darlegen werde, letztendlich den Betroffenen wieder mehr Handlungsspielraum gibt: Drogenmissbrauch ist eine Art der Selbstmedikation, und Drogenabhängigkeit ist im Grunde genommen ähnlich zu sehen wie jede Abhängigkeit von einer Medizin, die einem hilft, „normal zu funktionieren“.

Es ist interessant und höchst bedeutsam, dass das Wort „drugs“ im Englischen sowohl von Ärzten verschriebene Arzneimittel als auch Drogen wie Alkohol, Kokain, Heroin, etc. bezeichnet. Sogar in der Schulmedizin haben die physiologisch wirksamen Bestandteile solcher Drogen wie Opium, Kokain oder ihrer chemischer „Verwandter“ wichtige medizinische Anwendungsbereiche. Ziehe deswegen die Möglichkeit in Betracht, dass Drogen wie Alkohol in der Tat mächtige Arzneimittel mit einem weit größeren Anwendungsspektrum sind, als normalerweise angenommen.

In der Medizin wird der „chemische Bruder“ von Heroin, Morphin, und sein „Cousin“ Codein als Schmerzmittel verwendet. Wenn Du Schmerz in einem umfassenden Sinne betrachtest, ist es dann ein Wunder, dass gequälte Seelen sich zu diesen Drogen hingezogen fühlen?

Sehr viele Alkoholiker und Süchtige, die ich gekannt habe, sind außergewöhnliche Menschen von herausragender Intelligenz und Empfindsamkeit und oft auch mit einem besonderen musikalischen oder künstlerischen Talent. Wie können wir weniger empfindsamen Menschen sie dafür beschuldigen, wenn sie versuchen, ihre Sensibilität in einer sehr schmerzhaften Welt zu betäuben?

Alkohol kann Schmerzen betäuben, aber seine Wirkungen sind nicht darauf beschränkt. Alkohol kann uns auch helfen, offener oder durchlässiger zu werden und unsere „Rüstung abzulegen“. Ich kenne viele Menschen, die ihre einzigen intimen Begegnungen, abgesehen von Sex, nur unter dem Einfluss von Alkohol erleben können. Manche Menschen sind nur unter Alkoholeinfluss dazu fähig, bestimmte Wahrheiten ehrlich (zu ihrem Vorteil oder ihrem Schaden) auszusprechen. Darüber hinaus kann Alkohol uns auch empfindsamer für künstlerische Inspiration werden lassen. Uralte Stammeskulturen haben Alkohol alle als ein göttliches Geschenk, als einen (inspirierenden) „Geist“2 betrachtet.

Damit der Leser nicht denkt, dass ich Drogenmissbrauch verherrliche, muss ich unbedingt nachtragen, dass unter normalen Umständen Drogen und Alkohol einzig und allein die Symptome einer Erkrankung beeinflussen. Schmerz zu betäuben wirkt sich noch lange nicht auf die dahinter liegenden Ursachen aus. Viele pharmazeutische Arzneimittel behandeln auch nur die Symptome einer Erkrankung, und sogar solche, die eine unmittelbare Ursache behandeln, z. B. Penicillin für Mittelohrentzündungen, wirken sich nicht auf die tiefer liegenden Ursachen aus (Warum ist eine Person überhaupt anfällig für Mittelohrentzündungen?). Die meisten Arzneimittel, besonders solche gegen chronische Erkrankungen (und genau darüber spreche ich hier), lindern bloß die Symptome; sie machen den Zustand erträglicher. Für eine gewisse Zeit erlauben sie Menschen, wieder „normal“ zu funktionieren.

Drogenabhängige Menschen haben vielleicht einen sehr viel besseren Grund dafür, sich selber (mit den Drogen) zu behandeln als die meisten von uns es sich vorstellen können. Instinktiv fühlen sie sich zu einer Substanz hingezogen, die die Symptome ihrer beschädigten Seele erträglicher machen. Wenn ich einen Süchtigen sehe, sehe ich sehr häufig ein Kind, das einfach nur will, dass der Schmerz aufhört.

Wir können nun einen gedanklichen Sprung über chemische Substanzen hinaus machen, um auch andere Arten von Süchten, Ablenkungen, Schwächen, Trieben und Lebensstilen zu berücksichtigen.

Als ich einst gegen Mitternacht auf einem sechsspurigen Highway durch New York fuhr, wurde ich Zeuge wie eine Gruppe von Motoradfahrern bei dichtem Verkehr mit 150 km/h nur knapp an mir vorbeischrammte, sich zwischen den Autos durchschlängelte, die mit einer Geschwindigkeit von 100 km/h langsam dahinschlichen – eine Form der Freizeitbeschäftigung, die, wie ich denke, nur wenige Menschen gut heißen würden. Dennoch fand ich, dass die jungen Abenteurer etwas wunderschönes und berührendes an sich hatten, als sie Leib und Leben aus Übermut auf’s Spiel setzen. Lass einmal verurteilende Gedanken wie „Was stimmt mit Ihnen nicht?“ oder „Ich würde so etwas niemals tun!“ beiseite. Frage dich anstelle dessen: „Wie müsste mein Leben aussehen, damit ich so etwas tun würde?“, „Welche seelische Notlage würde durch so ein Verhalten gelindert werden können?“ Stelle Dir ein hoffnungslos langweiliges und aussichtsloses Leben vor, eine fade und sinnlose Ausbildung ohne jedwede Zukunftsperspektive auf dem Arbeitsmarkt. Eine Seele, die schon fast an den von ihr durchlaufenen Institutionen zerbrochen ist, die wütet, um etwas von ihrer Lebendigkeit zurückzugewinnen. Wenn wir jugendliche Rebellion verdammen oder sie mit einem besserwisserischen und herablassenden Blick abtun, leugnen wir, dass Rebellion angemessen und gerecht sein kann. Vielleicht zeigt ihre Rebellion, so destruktiv sie auch sein mag, dass allen Widrigkeiten zum Trotz, noch Leben in ihnen steckt; vielleicht können wir in diesen Draufgängern den Heldenmut und die Unbezwingbarkeit des menschlichen Geistes erkennen, verzerrt zwar – beinahe zur Unkenntlichkeit – aber dennoch vorhanden. Warum zieht sie solches Verhalten an und nicht mich? Ist es einfach so, dass ich mit einer Tugend namens Verantwortung gesegnet bin? Oder deutet es auf eine bestimmten Mangel oder Verzerrung in ihrem Erleben hin? Vielleicht therapieren sie sich selber, so gut wie sie es eben können.

So bereitwillig verurteilen wir menschliche Schwächen! An anderer Stelle habe ich über die schädliche, betäubende und entseelende Wirkung des Fernsehens geschrieben. Trotzdem können wir auch Fernsehen als eine Medizin begreifen; wie eine Schmerztablette für ein eintöniges und ödes soziales Leben; ein künstliches Lagerfeuer, um die allgegenwärtige Einsamkeit des Lebens in unserer modernen Gesellschaft zu lindern.

In The Yoga of Eating schreibe ich über die Verlockungen, die der übermäßige Konsum von Zucker, dieses alltäglichen „Essensgiftes“, mit sich bringt. Zucker ist bloß ein billiger Abklatsch der feinen „Süße“ der Intimität und der seelischen Verbundenheit; aber wenn Beziehungen „bitter“ geworden sind und das Leben sinnlos erscheint (wie es so häufig in materialistischen Gesellschaften anzutreffen ist), ist sogar das Verlangen nach künstlicher Süße überwältigend.

Denke nun an die „lässliche Sünde“, die darin besteht, sich selbst – wann immer es möglich ist – im Spiegel zu betrachten. Denke darüber nach, welchen Schmerz diese Angewohnheit lindern würde? Wie würdest Du sein, wenn Du Dich in jeder reflektierenden Fläche betrachten müsstest, die Dir am Tag begegnet? Ein Spiegelbild gibt Sicherheit: Ja, ich bin da. Ja, ich bin okay. Ich sehe gut aus. Ich kann mich so mögen. Es mag eine armselige Vergewisserung im Angesicht des gähnenden Abgrunds der Selbstentfremdung sein, die uns alle mehr oder weniger heimsucht, aber zumindest für einen Moment lindert sie die Angst.

Zu behaupten, dass diese Medikamente bloße Schmerzstiller seien, eine bestehende Abhängigkeit nur verstärken und keine wirkliche Heilung bringen würden, ist nur die halbe Wahrheit, aber nichtsdestotrotz aufschlussreich. Es ist offensichtlich, dass man die grundlegende Unzufriedenheit und Langeweile, die von komplexen, tiefsitzenden sozialen, karmischen und biographischen Einflüssen verursacht wird, nicht dadurch auflöst, dass man mit einem Motorrad durch den Verkehr rast. Weder entsteht „spirituelle Süße“ in Deinem Leben dadurch, dass Du Süßigkeiten isst, noch werden Dir Leckereien den Gedanken vertreiben, Dein Glück nicht verdient zu haben. Fernsehen mag Dir für kurze Zeit das Gefühl geben, weniger einsam zu sein, wird Dein soziales Leben aber nicht bereichern – ganz im Gegenteil wird es dich sogar noch mehr von anderen Menschen entfremden, allermindestens in dem Sinne, dass Fernsehen schauen normalerweise eine Solo-Aktivität ist. Computerspiele, die Dich in andere Welten entführen oder realitätsferne Romane können Dich nicht für immer von einer steren und schmerzhaften Welt ablenken. Genau so wie Rauschgifte Schmerz dämpfen ohne die dahinter liegenden Ursachen zu beeinflussen, lindern alle diese Aktivitäten die Symptome einer Krankheit zumindest zeitweise, um diese leichter erträglich zu machen.

Keines dieser Heilmittel funktioniert für immer. Irgendwann einmal wird ein Heilmittel oder eine bestimmte Gruppe von Heilmitteln entweder giftig, wirkungslos aufgrund einer Toleranzentwicklung oder unbenutzbar wegen einer Veränderung der Lebensumstände. Z. B. werden Süßigkeiten giftig, wenn man an Typ II – Diabetes erkrankt. Eine Toleranzentwicklung gegenüber Fernsehen schauen (und anderen Ablenkungen) zeigt sich in Langeweile. Spiegel werden unnütz (für die oben genannten Zwecke) wenn jemand plötzlich bemerkt, dass er alt geworden ist, oder einen Unfall hat, der ihn entstellt und ihn – in seinen eigenen Augen – als hässlich erscheinen lässt. Auf die eine oder die andere Art versagt das Heilmittel. Dann treten die darunter liegenden Probleme an die Oberfläche.

Früher oder später wird eine Krise eintreten. Es ist unvermeidlich. Darum sage ich, dass die Heilmittel über die ich spreche, nicht bloße Schmerzstiller sind, sondern Schritte auf dem Weg zur wahrhaftigen Heilung. Jedes repräsentiert eine bestimmte Phase im Leben eines Einzelnen. Und die Krise zu denen sie schließlich führen, ist ein richtiges Heilmittel, eines das die tiefen Wunden an die Oberfläche bringt, um geheilt werden zu können. Oft verbirgt sich ein Hinweis auf die tiefen Wunden in der Art des früheren Schmerzmittels, das sie überdecken sollte; sein Versagen macht deutlich, was gefehlt hat, auf welche Art eine Person nicht ganz war. Bevor das Heilmittel versagt, sind uns selbst die zu unseren seelischen Wunden zugehörigen Symptome nicht bewusst, von den Wunden an sich gar nicht zu reden. Im Versagen der Heilmittel tritt die Art unserer Schmerzen endlich deutlich hervor. Ahh, denkt man, die ganze Zeit über war ich nur einsam. Die ganze Zeit über war ich ärgerlich. Die ganze Zeit über war ich ängstlich. Die Verhaltensweisen, die von der Gesellschaft als Fehler angesehen werden und von mir als schmerzstillende Medikamente, ergeben auf einmal Sinn.

Wenn Du beginnst, ein Heilmittel in diesem Sinne zu durchschauen (dank einer Krise oder einer bevorstehenden Krise), dann und nur dann ist es an der Zeit, es wegzulassen. Wenn Du probierst, die Medizin abzusetzen, bevor Du bereit bist, Dich Deiner Wunde zu stellen, bevor Du den Schmerz ohne Betäubungsmittel erträgst, wird die unvermeidliche Folge eine Verstärkung des Leids sein, was dich zurück zu dem Heilmittel führen wird oder zu einem anderen Ersatz dafür. Darum ist eine gewaltsamer Eingriff, um einen Alkoholiker am Trinken zu hindern, selten erfolgreich. Das nächste Mal, wenn Du jemandem damit in den Ohren liegst, ihre Sucht aufzugeben oder eine andere schlechte Angewohnheit, frage dich, ob Du einer kranken Person ihre Medizin wegnehmen willst. (Nimm niemals jemandem seine Medizin weg, wenn du nicht sehr deutlich siehst, dass sie ihm nicht mehr dient.)

Anstatt jemandem seine Medizin zu nehmen, trage stattdessen zur Entfernung der Umstände bei, die das Nehmen der Medizin zur Notwendigkeit machen. Als Freund sowie insbesondere als Angehöriger oder Partner könntest Du zu diesen negativen Umständen sogar beitragen. Indem wir Geheimnisse für uns behalten oder lügen, verstärken wir z. B. die Einsamkeit und die Sehnsucht nach Intimität und Nähe der uns nahestehenden Personen. Ein anderer Weg zu helfen, besteht darin, auf die Wunde unter den sichtbaren Verhaltensweisen aufmerksam zu machen, die Art des Schmerzes zu benennen. Wenn Du bemerkst, dass ein Selbstheilungsversuch für jemanden nicht mehr funktioniert, tust Du ihm einen Gefallen, wenn Du das aussprichst, so dass dessen Sinnlosigkeit noch offensichtlicher wird.

Was deine eigenen schlechten Angewohnheiten betrifft: Wenn Du nicht und bis Du nicht durch sie hindurch die Art deines Schmerzes gesehen und gefühlt hast, zwinge dich nicht, sie aufzugeben, nur weil du es „solltest“, da sie genau das sein könnten, was der Arzt verschreiben würde. Ziehe in Betracht, dass Deine Seele weise ist und das richtige Heilmittel für ihre derzeitigen Lebensumstände ausgewählt hat. Sei freundlich zu Dir und übe keine Askese um ihrer selbst willen aus.

Aber wenn Deine Medizin versagt, wende Dich nicht von den Wahrheiten ab, die das Versagen enthüllt. Wenn die Medizin nicht mehr funktioniert, höre auf sie zu verwenden. Wenn die Zeit reif ist, habe keine Angst, den Schmerz auszuhalten. Die Wahrheit kann Dir nicht schaden, aber sie kann weh tun. Es ist in Ordnung, wenn es weh tut. Ahh, die bittere Wahrheit! Trägst Du, lieber Leser, eine bittere Wahrheit in Dir, die im Moment so schrecklich für Dich ist, dass Du sie Dir nicht einmal selber eingestehen magst? Die Mittel, die Du verwendest, um sie nicht sehen und nicht daran denken zu müssen, sind Deine Medizin. Eines Tages wird sie nicht mehr funktionieren. Die Wahrheit wird sich zeigen.

Das Ausbleiben der Wirkung eines Heilmittels ist häufig dramatisch: eine schwere Erkrankung, ein Erlebnis, bei dem man nur knapp dem Tode entkommt, die demütigende Erfahrung, eine Affäre zu entdecken, ein Nervenzusammenbruch, ein Wutausbruch mit schweren Folgen oder ein Bankrott. Manchmal, z. B. im Fall von Andrea Yates, scheint solch ein Ereignis bewusst herbeigeführt. Oder Menschen verursachen unbewusst eine Katastrophe: ein Geschäftsmann, der seine Familie schon lange vernachlässigt, verschließt seine Augen vor der Tatsache, dass eine geschäftliche Transaktion ihn in den Bankrott führen wird. Sogar wenn das Ereignis vollkommen zufällig erscheinen mag, z. B. ein Flugzeugabsturz, hat vielleicht die Seele sich dieses aus freien Stücken ausgesucht.3

Wenn die Heilmittel wie das Suchen nach Nervenkitzel, Alkohol, Süßigkeiten, Fernsehen, Spiegel, usw. – Gewohnheiten, kleine „Sünden“ oder Schwächen – mit langfristig wirkenden schmerzstillenden Medikamenten verglichen werden können, dann sind die dramatischen Fehlleistungen und Katastrophen des Lebens wie große chirurgische Operationen. Ihre Konsequenzen, wie Reue, körperlicher Schmerz, Trauer oder Gefängnishaft machen es unmöglich, die Wunde zu vergessen. Leid dieser Art ist eine wahrhaftige Medizin, nicht weil sie heilt, sondern weil sie uns gar keine andere Wahl lässt, als wieder heil zu werden.

An dieser Stelle könnten wir den Satz „Die Krankheit weist den Weg zum Heilmitttel“ mit einem anderen ersetzen: „Die Krankheit ist das Heilmittel“. Oder noch besser: „Die Symptome sind die Heilmittel“. Von Gott getrennt sein ist schmerzhaft. Es ist schmerzhaft, nicht ganz zu sein. Dieser Schmerz, den wir nur zeitweise vermeiden oder dämpfen können, treibt uns erbarmungslos dazu, wieder und immer wieder zu versuchen, uns selbst zu heilen. Wir versuchen dies so gut, wie wir es können, lernen in diesem Prozess mehr und mehr darüber, verwerfen alte Maßstäbe, die wir als nutzlos erkannt haben, graben tiefer und tiefer bis wir auf den Ursprung des Schmerzes stoßen.

Um Mitgefühl mit anderen und insbesondere für uns selber zu haben, muss man nicht über wunde Punkte hinwegsehen oder die Schattenseiten ignorieren. Unsere eigene Göttlichkeit liegt nicht außerhalb unser Sünden, für die wir uns am meisten schämen; sie liegt in ihnen. In Deiner Tiefe, unterhalb von allem was Du bist und allem, was Du tust, befindet sich ein gutmütiges, unschuldiges Wesen, das sein bestes tut, um mit der verwirrenden Welt, klarzukommen, in die es gewandert ist. Du bist ein unschuldiges, aufrichtiges Kind, das in einen reißenden Strudel geworfen wurde, das nur noch mit dem dünnsten Faden mit seiner Mutter verbunden ist. Sei nicht zu streng mit Dir, denn Du hast das bestmögliche mit dem Wissen getan, das Dir zur Verfügung stand.

Wenn Du jede Handlung von Dir oder anderen als die berührende kindliche Reaktion eines unschuldigen Babies verstehst, das in einem erwachsenen Körper steckt, und das in einer Welt bestehen muss, in der unverständlicherweise so vieles schief läuft; und es strebt danach, wie es alle Lebewesen tun, Schmerz in einer sehr schmerzhaften Welt zu vermeiden. Wie Weiden im Sturm wird es hin- und hergeworfen durch äußere Kräfte, die die Macht eines einzelnen Menschen als bedeutungslos erscheinen lassen. In sich verbirgt es einen unermesslich tiefen Brunnen des Verlustes und der Trauer. Es erlebt ein Ausmaß an Schwierigkeiten und Leiden am äußersten Rand der eigenen Grenzen. Und trotz allem, strebt es vorwärts, lebt es weiter und transzendiert heldenhaft Umstände jenseits aller zumutbaren Erwartungen. Wenn Du das verstehst, wirst Du einen inneren Reichtum in jedem Menschen sehen, eine göttliche und strahlende Schönheit; und Du wirst bemerken, dass – wie alle Menschen – Du Dich so verhältst, wie Gott es tun würde, wenn Gott Du wäre.

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(1) Im März 2002, wurde Andrea Yates, eine texanische Frau, wegen mehrfachen Mordes verurteilt. Im Juni 2001 hatte sie ihre fünf Kinder eines nach dem anderen in ihrer Badewanne ertränkt und danach die Polizei und ihren Ehemann angerufen, der sich zu diesem Zeitpunkt an seiner Arbeitsstelle befand.

(2) Im Englischen „spirit“, was sowohl „Geist“ als auch im Plural („spirits“) für alkoholische Getränke stehen kann (Anm. d. Ü).

(3) Mit dieser Aussage komme ich dem New-Age-Glauben, dass „alles zu einem bestimmten Zweck geschieht“ sehr nahe, ein Konzept, das leicht missbraucht werden kann. Der Zweck mag jenseits der menschlichen Vorstellungskraft liegen, noch ist es notwendigerweise hilfreich, zu verstehen, was dieser Zweck sein mag.

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Dieser Text ist eine Übersetzung des Kapitels „The illness seeks the medicine“ aus dem Buch „The Yoga of Eating” von Charles Eisenstein, erschienen bei NewTrends Publishing, Washington, 2003.