transl:  Nikola Winter

„Ihre Dummheit ist amüsant.”

„Wir müssen Trump aufhalten. Jeder, der nicht so denkt, ist entweder dumm oder verblendet von seinen Privilegien.“

„Man sollte die Menschen dafür hassen, dass sie Johnson gewählt haben. Er ist ein Trottel.“

„Sind die Trump-Wähler so blöd, dass sie gar nicht wissen, wie blöd sie sind?“

„Die ‘Hill-bots’ können nichts anderes als die endlosen Lügen ihrem Idol Shillary1 nachplappern.“

„Jeder, der ‘Killary’ wählt, ist schon von der Dummheitspille benebelt.“

„Die werden sich nie ändern.“

„widerliche, verdorbene Menschen“

Auf Facebook oder so ziemlich jeder politischen Website liest man Kommentare wie diese, die nicht nur den gegnerischen Kandidaten oder die Kandidatin, sondern auch deren Unterstützer entmenschlichen. Viel mehr als die Aussicht, dass ein schlechter Kandidat gewinnt, macht mir die Polarisierung und Gehässigkeit Sorge, die ich in einem solchen Ausmaß noch nie erlebt habe. Es ist, als würden wir uns in Wirklichkeit für einen Bürgerkrieg rüsten.

Entmenschlichung ist ein Vorläufer des Krieges. Wenn man seine Gegner mit ihrer Moral, ihrem Bewusstsein oder ihren Ansichten nicht mehr als Menschen zu sehen bereit ist, wird man sie mit Gewalt besiegen müssen. Mit dem Appell an Moral oder vernünftigen Argumenten wird man es nicht schaffen. Genau das implizieren die oben wiedergegebenen Kommentare.

Die Entmenschlichung verläuft von oben nach unten, von den Schlagzeilen in den großen Nachrichtenportalen zu den Kommentaren auf Facebook und Twitter. Fotos von politischen Kandidaten, die ausgewählt wurden, um Verachtung zu wecken, Aussagen, die bewusst aus dem Zusammenhang gerissen wurden… das entspricht der Kriegstaktik „alles ist erlaubt“. Beide Seiten kolportieren die empörendsten Kommentare der gegnerischen Extremisten, um so gleich die gesamte gegnerische Fraktion in Verruf zu bringen. Das erinnert an die Schauergeschichten, mit denen vor dem Zweiten Weltkrieg in der pazifistischen Öffentlichkeit Kriegshysterie verbreitet wurde. In ähnlicher Weise polarisieren diese Berichte die Wählerschaft und säen Paranoia und Misstrauen.

Wer nur eine Seite mitverfolgt, weiß gar nicht, dass die andere Seite genauso schockiert über Missstände wie die eigenen Leute ist. Die meisten meiner Leser werden wahrscheinlich Artikel über bewaffnete „Umfragebeobachter“ gelesen haben, die von Trumps Agenten ausgeschickt wurden, um Wähler einzuschüchtern. Aber solange man keine rechtsorientierten Medien gelesen hat, wird man nichts von deren ernst gemeinten, entrüsteten Artikeln über Agents Provocateur aus dem Clinton-Lager wissen, die angeblich Gewalt bei Kundgebungen von Trump zu säen trachten. Beide Seiten behaupten, dass die andere übertreibt und Dinge falsch interpretiert. Jede Seite konstruiert eine Wirklichkeit, in der die andere Seite verabscheuenswert ist.

Liest man rechts- und linksorientierte Nachrichtenseiten nebeneinander, so bekommt man den Eindruck, es gäbe zwei parallele Wirklichkeiten. Ich lese beide, um jene Krankheit zu verstehen, die mein Land befallen hat. Titelgeschichten aus dem einen Lager fehlen komplett im anderen. Es ist nicht nur so, dass Nachrichten anders interpretiert werden – die beiden Seiten stimmen nicht einmal in grundlegenden Fakten überein. So beschreibt Amelia Bagwell, eine Kommentatorin auf Facebook, ihre Erfahrung, wenn sie den News-Feed einer konservativen Freundin liest: „Nachrichtenagenturen, von denen ich noch nie gehört habe, mit Sondermeldungen in dicken Schlagzeilen, die Clintons unmittelbar bevorstehende Verhaftung ankündigen. Trump ist moralisch, anständig und ehrenhaft wie kein zweiter… liebt Jesus… und ist ein perfektes Beispiel für einen gottgefälligen Familienmenschen. Wenn über die selben Geschichten berichtet wird, klingt das wie in zwei verschiedenen Sprachen. Wir sind nicht nur ideologisch getrennt sondern ganz grundlegend auf der Ebene von Basisinformationen.“

Ein solcher von Hass erfüllter Wahrnehmungsgraben erzeugt eine sehr gefährliche Situation.

Ich werde keine Meinung abgeben, ob die Kandidaten selbst schlecht sind. Wir leben in einem System, das korruptes und sogar psychopathisches Verhalten fördert. Was ich aber weiß, ist, dass die überwiegende Mehrheit der normalen Leute nicht diese comichaft verzerrten Karikaturen menschlicher Wesen sind, die die politische Rhetorik aus ihnen gemacht hat. Ihre Lebenserfahrung, ihre Geschichte, das Zusammentreffen von Umständen hat sie zu ihrer Weltsicht geführt. Genauso wie Sie.

Aussagen wie die oben zitierten schaffen ein extremistisches Klima. Nimmt man sie ernst, dann muss man daraus schließen, dass es eine erschreckend große Zahl an Menschen dort draußen gibt, die man einsperren, behandeln, gewaltsam umerziehen oder vielleicht sogar erschießen müsste. Sie sind verwerflich, abstoßend, … erbärmlich.

Hat das gegenseitige Beschuldigen einmal begonnen, verstärkt es sich von selbst, weil jeder, der sagt, Sie seien eine erbärmliche Person Ihnen seinerseits erbärmlich erscheinen wird. Wie kann er oder sie sich nur so in Ihnen täuschen? Wie kommt es, dass die anderen Ihre tiefe Menschlichkeit, die guten Gründe, die Sie für Ihre Wahlentscheidung haben, und Ihre ernsthaften Versuche, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, nicht sehen? Sie scheinen einfach hassenswert.

Und so neigt sich die politische Stimmung immer weiter in Richtung einer extremen Polarisierung. Das wird nicht gut ausgehen, egal welche Seite gewinnt.

Narrative, die entmenschlichen, sind nie die Wahrheit. Die Wahrheit kann nur in der aufrichtigen Frage: „Wie fühlt es sich an, Du zu sein?“ gefunden werden. Das nennt man Mitgefühl, und dieses erfordert die Fähigkeit zum Zuhören, zum Dialog und zu gewaltfreier und urteilsfreier Kommunikation. Nun mag es Zeiten geben, in denen solche Fähigkeiten versagen und es keine andere Wahl gibt als zu kämpfen. Aber ein Scheitern ist garantiert, wenn die vorherrschende Sichtweise den Gegner als böse, widerwärtig, abstoßend oder erbärmlich darstellt. In diesem Fall ist Krieg die wahrscheinliche Folge.

Können wir bitte aufhören, diese Voraussetzungen für Krieg zu schaffen? Können wir bitte aufhören, jene zu dämonisieren, die mit uns nicht einer Meinung sind? Können wir aufhören mit den gemeinen und herabwürdigenden Psycho-Analysen unserer Gegner? Solche Taktiken scheinen kurzfristig erfolgreich zu sein – eine Seite wird gewinnen – aber am Ende werden wir nur ein Klima von Hass und die Kriegsmentalität gestärkt haben.

Was können Sie dagegen tun? Ich schlage Folgendes vor: Sehen Sie zu, dass Sie alles, was Sie in den sozialen Medien posten, jeden Kommentar, jede Antwort im Geiste des Mitgefühls und des Respekts verfassen. Lassen Sie sich von Ihrem Schmerz nicht hinreißen zu einem Ausbruch, der wieder ein impliziter Aufruf zum Hass ist. Rühren Sie nicht die Kriegstrommeln.

1 Anm. d.Ü.: Wortspiel: shill + Hillary: Clinton als Lockvogel und Marionette im Interesse der Großkonzerne