Politiker verkünden gerne unmittelbar nach terroristischen Anschlägen: „Wir lassen uns nicht einschüchtern!“ Sie wollen damit offenbar sagen, dass wir uns nicht aus Angst verstecken, sondern die Terroristen aufspüren, sie die Härte des Gesetzes spüren lassen und sie zur Verantwortung ziehen werden. „Seien Sie sich dessen sicher: Wir werden hart durchgreifen!“ sagen sie. Damit meinen sie erhöhte Sicherheitsvorkehrungen daheim, verstärkte Anti-Terror-Maßnahmen im Ausland und die Bestrafung der Täter und aller, die ihnen geholfen haben.

Diese Reaktionen klingen zwar hart, basieren aber alle auf Angst. Es sind die Handlungen von Menschen, die Angst vor Terrorismus haben. Bei genauer Betrachtung könnte man sagen, dass die Terroristen dadurch bereits einen Erfolg erzielt haben. Selbst wenn ihre vorgeblichen politischen Ziele nicht erreicht worden sind, hat ihr Terror den Pegel der Angst auf der Welt erhöht.

Auf Angst folgt Hass und auf Hass folgt Gewalt. Wenn wir aus Angst heraus handeln, säen wir die Saat für zukünftigen Terrorismus auf der Welt und bestätigen damit unser Bild des Terrors. Es ist so wie Martin Luther King gesagt hat (zitiert in einem wunderbar mutigen und aufschlussreichem Beitrag über die Bombenanschläge in Boston von Faluni Sheth bei Salon.com, Where does the hate come from?): „Was die Menschen begreifen müssen, ist, dass Gewalt zu Gewalt führt, Hass zu Hass und Härte zu Härte. Das ist eine Abwärtsspirale, die letztlich in der Zerstörung von allem und jedem endet.“

Gibt es eine Alternative? Ja, aber ich befürchte, dass sie so radikal ist, dass sie unsere politische Vorstellungskraft übersteigt, zumindest bis zu dem Punkt, an dem die Nutzlosigkeit von Gewalt, Hass und Kontrolle so offensichtlich wird, dass wir dies nicht mehr ignorieren können. Momentan reagieren wir auf jedes Versagen von Kontrolle mit mehr Kontrolle, auf jedes Versagen von Sicherheit mit mehr Sicherheit und auf jedes Versagen von Gewalt mit mehr Gewalt. Wo soll das enden? Wenn jedes Schulgebäude, Stadion, Einkaufszentrum, Krankenhaus, jedes Haus und jedes öffentliche Gebäude zur Festung geworden ist?

Stellen wir eine einfache Frage: Möchten wir in einer Zukunft leben, in der wir bei jedem Besuch eines Events oder Betreten eines öffentlichen Gebäudes einen Sicherheitscheck durchlaufen müssen? Das wäre eine Gesellschaft, die auf Angst errichtet ist, in der die Angst jede Ecke des öffentlichen Lebens beherrscht. Da eine Festung das spiegelnde Gegenstück eines Gefängnisses ist (Ersteres hält Menschen draußen, Letzteres hält Menschen drinnen), ist eine Festungsgesellschaft auch eine Gefängnisgesellschaft, in der jeder Trip, jedes Betreten eines Gebäudes, jeder Kauf kontrolliert und jede Tat polizeilich überwacht wird.

Stellt irgendjemand die Frage: „Was brauchen wir, um eine Gesellschaft zu errichten, in der wir jedes Jahr weniger Sicherheit benötigen und nicht mehr?“ Gibt es irgendeinen Politiker, der dieses Ziel verfolgt? Irgendwer, der solch eine Vision für die Zukunft hat? Sind wir in der Lage dazu, uns eine Gesellschaft vorzustellen, in der wir uns untereinander geborgen fühlen? Eine Gesellschaft des wachsenden Vertrauens und keine, in der wir uns Jahr für Jahr mehr wie in einem Gefängnis fühlen?

Man könnte sagen, ja, das ist ein würdiges Ziel, und deshalb sollten wir die Ursachen des Terrorismus untersuchen und ansprechen – aber natürlich müssen wir die Sicherheitsvorkehrungen solange hochhalten, bis wir soweit sind. Das wäre okay, wäre da nicht eine bedenkliche Eventualität: Was, wenn das Regime von Sicherheit und Kontrolle selbst erforderlich ist für die Bedingungen, unter denen sich Terrorismus entfalten kann?

Psychologisch gesehen macht dies in gewisser Weise Sinn. Das, was wir psychisch unterdrücken, bricht oft in spaltender und extremer Form heraus. Wenn wir in Angst leben (was wir in einem Sicherheitsstaat tun), werden wir diese Furcht sicherlich in verschiedener Form externalisiert erleben, zum Beispiel durch Terrorismus. Der unterdrückte Schatten tritt hervor. Sind die schrecklichen Ereignisse der letzten Zeit zufällige Taten von bösen Menschen? Oder könnte es sein, dass wir in diesen ein Spiegelbild unserer selbst sehen?

Banaler ausgedrückt, die in der Außenpolitik militärisch durchgesetzte Sicherheitsmentalität schafft ein Abbild ihrer eigenen Angst und ihres eigenen Hasses. Je aggressiver wir uns vor den Menschen beschützen wollen, vor denen wir Angst haben, desto mehr werden diese Menschen uns fürchten und hassen. Je weiter wir beispielsweise aus Sicherheitsbedenken präventive Drohnenangriffe ausführen, desto mehr Hass erzeugen wir. Je mehr Hass wir erzeugen, desto größer wird das Bedürfnis, den Sicherheitsapparat weiter aufzustocken.

Das gleiche gilt für die Kontrollmentalität daheim, auf der Arbeit, in der Schule, sogar für die pharmazeutische Kontrolle des Geistes durch Antidepressiva. Eine Gesellschaft, die zunehmend reglementiert, überwacht und kontrolliert wird, in der „Freiheit“ nur hinter Mauern und Zäunen ausgelebt wird, entwickelt notwendigerweise ein explosives Verlangen auszubrechen.

Ich möchte die komplexen psychosozialen Faktoren, die dazu führen, dass eine Person zu einem Massenmörder wird, nicht trivialisieren, aber ein Schlüsselfaktor ist sicherlich ein überwältigendes Gefühl der Entfremdung. Was könnte jemanden mehr entfremden, als eine standardisierte, kontrollierte, endemisch misstrauische Gesellschaft, die einen überall wo man hingeht als Verdächtiger oder Störenfried behandelt?

Um eine sichere Gesellschaft basierend auf Vertrauen und nicht auf Angst zu schaffen, müssen wir auch dementsprechend handeln. Ich habe deshalb einige bescheidene Vorschläge, wie wir auf terroristische Anschläge antworten können.

Erstens sollten wir den Teufelskreis des Terrors umkehren, indem wir nicht mit verschärfenden, sondern mit entspannenden Sicherheitsmaßnahmen reagieren. Lasst uns zeigen, dass wir uns keine Angst einjagen lassen und uns nicht hinter Kameras, Zäunen und Metalldetektoren verstecken. Mit Tapferkeit können wir eine offene Gesellschaft aufrechterhalten.

Lasst uns zweitens den Teufelskreis des Hasses umkehren, indem wir alle präventiven und strafenden Angriffe durch Drohnen und jeder anderen Art stoppen. Das sind Taten von angsterfüllten Menschen. Es braucht Mut um darauf zu vertrauen, dass wenn man der Gewalt abschwört, derjenige, den man als Feind betrachtet, dasselbe tut. Aber in einer Situation gegenseitigen Misstrauens muss einer den ersten Schritt machen. Ansonsten bestätigt jede weitere Tat nur das Misstrauen dem anderen gegenüber und die Gewalt endet nie.

Drittens: Anstelle den Tätern Rache zu schwören, lasst uns verkünden, dass sie anstelle einer Bestrafung, die Gelegenheit bekommen, die Familien kennenzulernen, deren Angehörige sie getötet haben oder die Menschen, deren Körperteile abgerissen wurden. Sie werden sich ihre Geschichten anhören und ihre eigenen erzählen. Dann wird sich gemeinsam mit Opfern, Tätern und der Gemeinschaft geeinigt, wie die entstandenen Schäden am besten behoben werden können und wie Gerechtigkeit geschaffen werden kann. Gut möglich, dass es dabei nicht zu Reue und Vergebung kommt, aber es ist wahrscheinlicher als in einem bestrafendem Rechtssystem. (Mehr zu diesem Ansatz auf der Restorative Justice Website oder in diesem Artikel.)

Solch eine Reaktion wird Hass und Angst auf der Welt reduzieren. Die Täter werden in den Augen ihrer Sympathisanten nicht zu Märtyrern werden. Jede Reaktion, die die bereits endemische Angst in unserer Gesellschaft erhöht, ist ein Sieg für die Angst. Um sich dem Terror wahrhaftig zu widersetzen, dürfen wir nicht aus dem Terror heraus handeln. Können wir den Hass solcher Taten aufnehmen und ihn in Liebe umwandeln?

Zweifellos werden die meisten Menschen sagen, dass diese Vorschläge gefährlich, unrealistisch und naiv sind, deshalb möchte ich einige Entgegnungen vorwegnehmen. Der erste Vorschlag macht uns scheinbar angreifbarer für den Terror und es einfacher für die Terroristen ihre Ziele zu erreichen. Aber tatsächlich bieten erhöhte Sicherheitsmaßnahmen uns nur eine Illusion und keinen echten Schutz. Im besten Fall werden mögliche terroristische Aktivitäten nur von einem Ort zum anderen verlegt. Wo ist der Unterschied, ob ein Anschlag von einem Flughafen in ein Stadion verlegt wird, von einem Stadion in eine U-Bahn Station, von einer U-Bahn Station in ein Einkaufszentrum? Die einzige Lösung aus Sicht von Sicherheits- und Kontrollinstanzen ist es, jedes Gebäude und jede Veranstaltung zu sichern, sodass man nur noch in die Öffentlichkeit treten kann, wenn man durchsucht und gescannt wird. Und selbst dann würde es Lücken geben, durch die ein entschlossener und kreativer Terrorist schlagen könnte. Der Newton-Amoklauf, der an einer Schule passierte, die sehr strenge Sicherheitskontrollen hatte, zeigte, dass solche Maßnahmen, wie die Chinesen sagen, „nur einen Gentleman aufhalten, aber keinen Gauner.“

Mehr noch, selbst wenn entspanntere Sicherheit zu mehr Anschlägen führen sollte, würde dies nicht bedeuten, dass die Terroristen ihre Ziele erreicht haben. Ihr Ziel ist es nicht Menschen zu töten, das ist nur das Mittel. Ihr Ziel ist es Angst zu erzeugen. Wenn unsere Reaktionen zeigen, dass wir keine Angst haben, werden wir den Terrorismus nicht ermutigen, sondern ihn abschrecken. Ich glaube, das ist es, was Jesus meinte, als er sagte man solle „die andere Wange hinhalten.“ Das ist keine Einladung ein weiteres Mal zuzuschlagen, sondern zeigt, dass der erste Schlag keine Wirkung gezeigt hat. (Für eine tiefergehende Erklärung lesen Sie bitte Walter Winks Essay, “Jesus’ Third Way.”)

Der zweite Vorschlag lädt zu dem Einspruch ein: „Wenn wir terroristische Taten und andere Verbrechen nicht mehr bestrafen, dann schreckt zukünftige Verbrecher nichts mehr ab.“ Wir ignorieren mal die schwache und oft widersprüchliche Beweislage zur Wirksamkeit von Abschreckung zur Verbrechensprävention (siehe zum Beispiel hier). Der Begriff einer bestrafenden Abschreckung fußt auf einem Weltbild, das fundamental auf Angst basiert. Er sagt aus, dass es unveränderlich böse Menschen gibt, die uns, wenn sie nicht durch persönlichen Schaden abgeschreckt werden, schreckliche Dinge antun.

Tatsächlich wird in der klassischen Theorie der Abschreckung, die ihren Ursprung in der Philosophie von Jeremy Bentham und Cesare Baccaria hat, die Kategorie der „bösen“ Menschen auf alle ausgeweitet. Bentham sagte, dass Menschen natürlicherweise handeln um ihren „Nutzen“ zu maximieren – Schmerz zu vermeiden und Vergnügen zu erfahren. Damit Menschen von Verbrechen abgehalten werden, muss es demnach negative Konsequenzen geben, um diesem universellen Verlangen nach eigenem Wohlergehen auf Kosten der anderen entgegenzuwirken.

Anders gesagt, geht die Theorie der Abschreckung von einer Welt voller abgespalteten, konkurrierenden und eigennützigen Individuen aus. Aber ist das wirklich die Welt in der wir leben? Wenn das so ist, wird ein besseres Leben nur durch mehr und mehr Sicherheit, Abschreckung, Überwachung und Kontrolle erreicht werden. In solch einer Welt ist Vertrauen töricht, genau wie jede Hoffnung auf Vergebung, Wiedergutmachung, Liebe oder einen Gesinnungswandel. Unsere Erfahrungen scheinen dies sicherlich oft zu bestätigen. Aber könnte es nicht sein, dass was wir sehen nur ein Artefakt unseres Systems und die Projektion unserer eigenen Glaubensätze ist? Wenn wir aus einer Ideologie der Gewalt und der fundamentalen Selbstsucht aller Menschen heraus handeln, schaffen wir die Welt in genau diesem Abbild.

In diesem Fall ist es vielleicht an der Zeit um aus einem anderen Weltbild der menschlichen Natur heraus zu handeln: Aus einem Glauben an das fundamental Gute, an unsere gemeinsame Menschlichkeit, an unser Verlangen nach Verbundenheit, Liebe, Hilfe und dem Wunsch einer guten Sache zu dienen. Oft genug sind die unmittelbaren Reaktionen nach schlimmen Tragödien Beweis genug für solch einen Glauben: Die Menschen kommen einträchtig zusammen um fremden Menschen zu helfen. Bei dem Bombenanschlag in Boston war es so, als ob die Explosionen den Schleier des gegenseitigen Misstrauens, der uns auseinanderhält, weggerissen haben und es erlaubt haben, einen versteckten Aspekt der menschlichen Natur zu offenbaren.

Was, wenn wir diese Taten der Selbstlosigkeit als die wahre Lektion nehmen würden? Könnten wir ein Weltbild in dieser Form schaffen? Wenn Martin Luther King recht hatte, dann ist es sicherlich auch wahr, dass Frieden zu mehr Frieden führt, Vergebung zu mehr Vergebung und Liebe zu mehr Liebe. Um eine Gesellschaft zu schaffen, in der wir uns untereinander sicher und geborgen fühlen, braucht es nicht weniger als eine Revolution.

Übersetzung von / Translation by Roman Maas