Den lieb ich, der Unmögliches begehrt.   (Goethe)

Wir betreten unbekanntes Terrain. Dass dort ein schönes Ziel liegt, hat sich uns in kurzen, besonderen Momenten offenbart, aber wir wissen nicht, wie wir dorthin gelangen. Nach unserem Verständnis von Kausalität ist es unerreichbar. Es müssen Dinge geschehen, von denen wir nicht wissen, wie man sie bewirkt. Wenn man etwas nicht “bewirken” kann und es trotzdem geschieht, wie geschieht es dann? Offensichtlich geschieht es als ein Geschenk. Sie haben vielleicht festgestellt, dass besonders großzügige Menschen wie von selbst noch mehr Geschenke anziehen. Wenn wir also unser Leben der Hingabe widmen, werden wir vielleicht mehr solcher glücklichen Zufälle erleben. Sie sind der Schlüssel zu einer kreativen Kraft, die über die alte Vorstellung von Kausalität hinausgeht.

Alles, was es heute wert ist, zur Lebensaufgabe zu werden, verlangt solche Wunder, solche Dinge, die wir nicht bewirken können, die als Geschenk kommen. Wenn Sie also ihrem Herzen in Richtung eines dieser erstrebenswerten Ziele folgen, werden Ihre Entscheidungen für viele (und manchmal auch für Sie selbst) ein wenig verrückt wirken.

Unsere Situation ist die folgende: Wir sehen das Ziel, aber wir wissen nicht, wie man es erreicht. Das gilt für alles wirklich Neue. Trotzdem den Versuch zu wagen, ist immer ein mutiger Schritt, zugleich anmaßend und bescheiden: anmaßend, weil es keine Garantie für unsere Zuversicht gibt; bescheiden, weil wir uns dem Unbekannten anvertrauen. Wenn wir uns nur auf das beschränken, von dem wir schon wissen, wie man es macht, erreichen wir auch nur das, was schon einmal erreicht wurde. Schauen Sie sich die Erde an: Was wir erreicht haben ist nicht genug.

In diesem Buch rufe ich zu einer Art Naivität auf, die paradoxerweise einer der am häufigsten benannten Kritikpunkte an meiner Arbeit ist. Vielleicht sollte ich diesen Vorwurf aufgreifen und sogar zu noch mehr Naivität aufrufen. Naiv zu sein heißt, auf die Güte anderer zu vertrauen, auch wenn es wenig Beweise dafür gibt, oder darauf zu vertrauen, dass etwas geschieht, selbst wenn man nicht weiß, wie es geschehen könnte. Natürlich ist Naivität ein Fluch, wenn sie zweckmäßiges Handeln blockiert, aber ich beziehe mich auf Situationen, in denen das Zweckmäßige ungenügend ist. An diesem Punkt steht die Welt momentan. Und hier stehen auch viele Einzelnen genau jetzt, wenn sie erkennen, dass sie die Dinge, von denen sie wissen, wie sie sie bekommen, nicht mehr haben wollen.

Paradoxerweise besteht der Weg, auf dem das Unmögliche erreicht werden kann, aus einer Vielzahl von umsetzbaren Schritten, die alle möglich sind. Viele pragmatischen Schritte, bei denen wir von jedem einzelnen wissen, wie man ihn tut, summieren sich zu etwas, von dem wir es vorher nicht wussten. Wie man geht, wissen wir; wir haben nur keine Landkarte. Ich schlage nicht vor, dass wir aufgeben sollten, das Zweckmäßige, Machbare zu tun. Nur ist das Zweckmäßige nicht ausreichend, solange es nicht in den Dienst des Unzweckmäßigen gestellt wird.

Genauso können wir nicht die für das Zeitalter der Separation typischen materiellen und kognitiven Werkzeuge aufgeben. Wir werden nicht die Vernunft für das Gefühl aufgeben, die Teĺekommunikation für Umarmungen, die symbolische Sprache für Lieder oder das Geld für Geschenke. Aber bei jedem dieser Paare hat das Erstere seinen angemessenen Rahmen überstiegen und das Letztere verdrängt. Die neue Geschichte enthält die alte; der Versuch die alte auszurotten ist selbst wieder ein Gedanke aus der alten Geschichte.

Ich möchte Ihnen ein paar Geschichten weitererzählen, die die Macht der Naivität verdeutlichen. Polly Higgins ist Rechtsanwältin und die Autorin des Buchs “Eradicating Ecocide”. In den vergangenen Jahren arbeitete sie daran, “Rechte der Natur” durchzusetzen und Ökozid zum fünften von den Vereinten Nationen anerkannten Verbrechen gegen den Frieden zu machen. Am Beginn ihres Unterfangens, so erzählte sie mir, hatte sie schnell erkannt, dass die normalen Kanäle, auf denen man versuchen konnte eine Novellierung des Römischen Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs zu bewirken, hoffnungslos langsam und kompliziert waren. Also entschloss sie sich, einen hochrangigen Beamten direkt zu kontaktieren, von dem sie erhoffte, er sei Ideen wie der ihren gegenüber aufgeschlossen. Nennen wir ihn Herrn E. Aber hunderte von Aktivisten und Organisationen haben auch Ideen, die sie mit Hilfe der Vereinten Nationen vorantreiben wollen. Wie könnte man all die Wächter umgehen und mit ihm direkt ins Gespräch kommen?

Polly war zufällig in Deutschland, als in Kopenhagen ein größerer Klimagipfel stattfand, an dem Herr E. teilnehmen wollte. Er würde gemeinsam mit anderen Beamten sowie mit extra eingeladenen Journalisten und Vertretern von Nichtregierungsorganisationen einen bestimmten Zug nehmen. “Wenn ich nur in diesen Zug käme,” dachte Polly, “dann hätte ich eine Chance mit ihm zu reden.” Aber es gelang ihr nicht, sich eine Einladung zu ermogeln. Vielleicht könnte sie sich heimlich in den Zug schleichen? Unmöglich. Reihen von Polizisten umstellten den Zug, um ihn gegen Aktivisten abzusichern, die genau das versuchen wollten. Also stieg Polly in einen anderen Zug in der Hoffnung Herrn E. vielleicht in Kopenhagen zu finden.

Ihr Fahrplan sah vor, dass sie in Hamburg umstieg. Als sie dort ihren Zug verließ, fragte sie einen Schaffner, wo denn der Zug nach Kopenhagen sei. Er wies auf den U.N.-Sonderzug. “Nein, das ist nicht mein Zug,” sagte sie, weil sie ja wusste, dass man sie dort nicht einsteigen lassen würde. Der Schaffner ignorierte das. “Ja, ja, it is this train,” sagte er mit einem starken deutschen Akzent. Sie versuchte ein paar mal zu protestieren aber erfolglos (“Ja, ja, you mit me come.”). Da nahm er ihren Koffer und führte sie zu dem Zug. Von diesem Bahnbeamten eskortiert und in ihrer anwaltshaften Kleidung, fragte niemand nach ihrer Einladung. Bald hatte sie einen Sitzplatz im Zug. Sie schrieb einer NGO-Freundin, die auf die Zugfahrt eingeladen worden war, eine Textnachricht: “Ich bin an Bord. Wagen Nummer zwei.” Ihre Freundin schrieb zurück und lud sie ein, in den Wagen zu kommen, in dem sie saß, gegenüber von einem höchst interessanten Herren. “Ich hab ihm von dir erzählt. Neben ihm ist ein Sitz frei.”

Sie wissen, um wen es sich handelte: Es war Herr E.

Das war nur einer aus einer langen Reihe von glücklichen Zufällen, die Polly vor das EU Parlament in Den Haag und vor zahlreiche andere wichtige Körperschaften brachten und dem Gesetz gegen Ökozid große Sichtbarkeit verliehen. Das ist ein perfektes Beispiel dafür, wie das Zweckmäßige in den Dienst des Unzweckmäßigen gestellt wird. Jeder hätte Polly gesagt, dass es naiv sei zu glauben, sie könnte ihre Idee auf die Agenda der Vereinten Nationen bringen, wenn das so vielen anderen Organisationen mit viel mehr Ressourcen und Beziehungen nicht gelingt. Jeder hätte ihr gesagt, es sei naiv zu erwarten, dass sie ein persönliches Gespräch mit Herrn E. führen könnte, wenn so viele anderen Aktivisten hinter einer Polizeiabsperrung hundert Meter entfernt auf Distanz gehalten wurden. Diese Art von Zufällen, die sie erlebt, sind nicht etwas, das man im Vorhinein planen kann. Oft kommen sie gerade als Störungen des ursprünglichen Plans daher. Das heißt nicht, wir sollten nicht so gut wie möglich planen und alle uns zur Verfügung stehenden zweckmäßigen Mittel ausschöpfen, aber wir sollten uns nicht von dem, was wir planen können, einschränken lassen. Wir sollten unseren Ehrgeiz nicht auf das beschränken, von dem wir wissen, wie wir es erreichen.

Diane Wilson war Kapitän eines Krabbenfangboots im Golf von Texas.i Im Jahr 1989 fand sie heraus, dass Famosa Plastics, ein Milliardenkonzern, eine Polyvinylchloridfabrik ganz in der Nähe errichten wollte. Entschlossen dieses Vorhaben zu stoppen, von dem sie annahm, dass es den Golf verschmutzen würde, startete Wilson ziemlich naiv eine Kampagne dagegen. Diese bescheidene Mutter von fünf Kindern stellte sich gegen: die Handelskammer, die lokale Regierung, die Gesetzgebung, den Gouverneur, das Umweltschutzamt des Landes und die nationale Umweltschutzagentur. Wie könnte sie jemals siegen? Was war so besonders an ihr, dass es ihr gelang gegen solche mächtigen Interessen zu gewinnen, wenn die meisten von uns außerstande zu sein scheinen, auch nur die banalsten politischen Entscheidungen zu beeinflussen?

Sicher ist ein Teil der Erklärung, dass Diane Wilson eine außergewöhnlich mutige und dickköpfige Frau ist, die dazu bereit war alles zu tun, um ihr Ziel zu erreichen: in Hungerstreik zu treten beispielsweise, oder sich selbst an den Zaun des Unternehmens zu ketten. Mit der Zeit inspirierte sie auch viele anderen Menschen sich ihrem Anliegen anzuschließen, von denen manche wussten, wie das System funktioniert. Und vielleicht ermutigte sie mit ihrer persönlichen Bescheidenheit Informanten, sie zu kontaktieren. Sie hatte keinen Plan (“Ich habe nie irgendetwas geplant: Ich hatte nur ein Ziel und war bereit, selbst ein Risiko einzugehen.”) und sie “veranlasste” diese Menschen nicht durch irgendeine Art von finanzieller oder emotionaler Manipulation, ihr zu Hilfe zu kommen. Sie bezahlte sie nicht für ihre Unterstützung und versuchte nicht finanzielle Macht mit finanzieller Gegenmacht zu bekämpfen. Diese Menschen hatten wie sie nichts zu gewinnen, nicht einmal den sozialen Nutzen als Helden wahrgenommen zu werden, weil jeder, der sich mit ihr verbündete, verspottet wurde.

Über diese Geschenke hinaus – die gemäß unserem herkömmlichen Weltverständnis nicht überraschend sind – kam Diane Wilson auch mindestens ein glücklicher Zufall zu Hilfe, als nämlich ein Beamter der US-Umweltschutzbehörde sie anrief und mit einer anderen Diane verwechselte. Er plauderte Schlüsselinformationen aus, die ihr zu einem Durchbruch verhalfen. Natürlich können wir das leicht als reinen Zufall abtun, aber könnten wir es nicht auch als das Zutagetreten einer anderen Art von Ursache-Wirkungs-Zusammenhang sehen, der sich von der auf Kraftanwendung basierenden Kausalität unterscheidet, die wir gewohnt sind?

Vor Jahren, als ich in Taiwan lebte, befreundete ich mich mit ein paar anderen jungen Amerikanern, die mir eines Tages erklärten, sie wollten ein dreitägiges Musikfestival im Freien an der Südspitze der Insel veranstalten. Wir Burschen in unseren Mittzwanzigern verkündeten bei einem Bier oft große Pläne, die am nächsten Tag vergessen waren; das Besondere war, dass diese Veranstaltung tatsächlich Wirklichkeit wurde, obwohl die Bandmitglieder kein Geld hatten, nur rudimentär Chinesisch sprachen und überhaupt nur wenige Monate im Land gewesen waren. “Wir werden Busse mieten, um alle hinzutransportieren. Wir werden Zelte mieten. Wir werden uns mit der lokalen Polizei absprechen, wer weiß.” Und dann begann die harte Arbeit – und die glücklichen Zufälle. Aus irgendeinem Grund glaubte jeder, dass zustande kommen würde, wovon diese Burschen sprachen, also trugen wir alle bereitwillig etwas dazu bei.

Keiner verdiente Geld mit diesem Abenteuer; von Anfang bis Ende wurde es im Geist des Geschenks gemacht. Aber abgesehen von den Geschenken anderer Menschen, die die Großzügigkeit der Veranstalter angelockt hatte, waren es wieder wie bei Diane Wilson mehrere ungewöhnlichen Zufälle, die wie Geschenke zu diesem Unterfangen beitrugen. Die Veranstalter brauchten einen Lastwagen, um das Equipment zu transportieren. Eines Tages fragte einer der Schüler, die bei ihnen Geschäftsenglisch lernten, ohne von ihrem Bedarf zu wissen und scheinbar ins Blaue hinein: “Ihr braucht nicht vielleicht einen LKW, oder?” und gab ihnen einen Laster. Solche Dinge passierten öfter. Eine Art Magie schien die Veranstaltung zu umgeben. Mit der lokalen Polizei gab es keine Probleme – ich erinnere mich, einen von ihnen unter den Tanzenden gesehen zu haben – weil sie die Veranstaltung aus irgendeinem Grund als nicht ihren normalen Aufgabengebieten (der Gefährdung von Recht und Ordnung, einer Gelegenheit zur Erpressung von Bestechungsgeld, etc.) zugehörig erachteten.

Lieber Leser, liebe Leserin, waren Sie jemals Teil von so etwas, wo alles im Fluss zu sein scheint, wo Sie sich immer wieder genau am richtigen Ort zur richtigen Zeit befinden um genau den richtigen Menschen zu treffen? Wo alles sich einfindet, was gebraucht wird, manchmal in letzter Minute, auf vollkommen unerwarteten Wegen? Wo eine unsichtbare äußere Macht alles und jeden zu koordinieren scheint?

Warum und wie geschieht das? Wenn wir nur irgendwie die Technik beherrschen könnten, am richtigen Ort zur rechten Zeit zu sein, wenn wir nur lernen könnten, auf der Welle der glücklichen Fügungen zu reiten, dann hätten wir Zugang zu einer Macht, die größer ist als alles, wozu uns die Welt der Kraftanwendung befähigt.

iSie erzählt ihre Geschichte im Buch “An Unreasonable Woman”.