In einem dunklen Raum

ist eine schwarze Katze schwer zu fangen,

besonders, wenn sie nicht da ist.  (Konfuzius)

Selbst wenn die Welt um uns herum zusammenbricht, oder auch wenn wir ihr mit Verachtung den Rücken kehren, bleiben wir immer noch von ihr konditioniert. Die alte Geschichte von der Welt hat uns durch und durch geprägt. Wir werden in ihre Logik hineingeboren, werden kulturell an ihre Weltsicht angepasst und sind von ihren Sitten durchdrungen. Und dieser Prozess ist so allgegenwärtig, dass er fast unsichtbar bleibt. Wie die Antwort des Dogon Stammesältesten nahelegt, nehmen wir genau die Dinge für gegeben, die an der Wurzel unserer Krise liegen und wiederholen sie unwillkürlich in allem was wir tun.

Weisheitstraditionen, indigene Weltanschauungen und heilige Geschichten helfen uns, einen Teil dieser Last, die wir aus dem Zeitalter der Separation mit uns tragen, sichtbar zu machen, wie der Dogon-Älteste die herrschende Annahme in Frage stellte, dass Zeit knapp sei. Je mehr wir uns daran gewöhnen, die Welt auf die neue Art zu sehen, desto größer wird unser Wunsch, uns von den belastenden Gewohnheiten der alten zu befreien. Es ist nicht nur so, dass sie nicht mehr damit übereinstimmen, wer wir sind und wer wir werden, sondern uns wird auch klar, dass wir, gefangen in diesen Gewohnheiten, gar nicht anders können als die Welt nach ihrem Ebenbild zu gestalten. Die Gewohnheiten der Separation abzulegen, ist daher mehr als eine Frage der Selbstkultivierung; sie ist ausschlaggebend für unseren Erfolg als Aktivistinnen, Heiler und Agenten des Wandels.

Wie ich ausführen werde, ist es keine triviale Angelegenheit, diese Gewohnheiten des Sehens, Denkens und Tuns zu verändern. Erst einmal müssen sie sichtbar gemacht werden. Dann müssen wir die Veränderung auf eine Art und Weise angehen, die nicht selbst wieder zu diesen Gewohnheiten gehört – und so viele unserer Vorstellungen über Herangehensweisen an den Wandel beruhen auf der Weltsicht von Unterwerfung, Urteil und Gewalt. Drittens müssen wir mit einer Umgebung klarkommen, die unsere alten Gewohnheiten verstärkt, nicht nur durch ökonomische und gesellschaftliche Instrumente, sondern durch ein unablässiges Sperrfeuer subtiler Botschaften, wodurch genau die Dinge als selbstverständlich erscheinen, die wir verändern wollen.

Die Debatte über Schuldenabbau versus steuerliche Anreize geht vom ökonomischen Wachstum als etwas unhinterfragbar Gutem aus. Die Frage der Einwanderungsreform nimmt die soziale Konvention von Grenzen und Ausweisen als gegeben. Die Statistiken über Armut in der Dritten Welt unterstellen, dass Geld ein gutes Maß für Reichtum sei. Die Auswahl an Nachrichten im Fernsehen suggeriert, dass diese die wichtigsten, bedeutsamsten Dinge wären, die passieren. Überall in der Öffentlichkeit gibt es Schilder mit Aufschriften wie “Notbremse. Missbrauch wird bestraft.” Sie unterstellen, dass es die Strafen wären, die die soziale Ordnung aufrechterhalten, so wie die allgegenwärtigen Sicherheitskameras unterstellen, dass die Menschen überwacht werden müssten. Und vor allem suggeriert uns die Normalität der gesellschaftlichen Routinen, dass dieser Lebensstil normal sei.

Für viele Leute ist der mächtigste der Verstärkungsmechanismen dieser Gewohnheiten der Separation das Geld. Meist gereichen die Handlungen, die von Liebe inspiriert sind, nicht unserem finanziellen Eigeninteresse zum Vorteil; im Gegenteil, gerade das Geld scheint solche Handlungen oft zu verhindern. Ist es vernünftig? Ist es zweckmäßig? Kann man es sich leisten es zu tun? Für andere Menschen ist der Verstärkungsmechanismus eine religiöse Lehre oder sozialer Druck oder die Angst vor Familie und Freunden. “Es wird nichts nützen.” “Es ist nicht sicher.” “Es ist sonderbar.”

Sie haben wahrscheinlich schon die Erfahrung gemacht, mit welcher Kraft die alte Geschichte Sie wieder einsaugen kann. Man hat eine transzendente Erfahrung vom Einssein gemacht, von Flow, von Verbundenheit, von Mitgefühl oder ein Wunder erlebt, und man sieht mit völliger Klarheit, wie man von nun an ganz anders leben wird. Das könnte eine Erfahrung sein, die die Menschen als spirituell beschreiben oder vielleicht auch eine so nüchterne wie: vollkommen verstehen, welchen Einfluss ein Lebensstil mit hohem CO2-Ausstoß auf den Planeten hat. Es könnte ein inspirierendes Buch oder Seminar, ein Training für Gewaltfreie Kommunikation oder ein Kurs über die Philosophie von Yoga sein. In den Tagen und Wochen nach dieser Erfahrung lebt man mühelos dem entsprechend, was man erkannt hat. Vielleicht betrachtet man jeden rundherum als eine Emanation des Göttlichen. Aber nach einer Weile verlangt es eine Kraftanstrengung, sich an das, was erst so klar und mühelos war, zu erinnern, sich die Erfahrung zu vergegenwärtigen. Man braucht Disziplin wo vorher keine nötig war. Man muss eine Übung daraus machen das Göttliche in allem zu sehen, während es vorher offensichtlich und mühelos war. Oder man beginnt wieder mehr mit dem Auto zu fahren und Kompromisse einzugehen. Das Leben geht wieder in den Normalzustand über.

Was hier passiert, ist, dass die Menschen gewöhnlich eine neue Geschichte nicht von sich allein aus am Leben halten können. Eine Geschichte kann nur von einer Gemeinschaft getragen werden, deshalb versuchen die Menschen Gemeinschaften zu etablieren, die spirituellen Ideen gewidmet und von den zersetzenden Einflüssen der dominanten Geschichte von der Welt abgeschirmt sind. Bis zu einem gewissen Grad können wir das Gleiche tun, indem wir uns mit Menschen umgeben, die nach ähnlichen Werten leben.

Wie stark auch immer er ist, kein äußerer sozialer oder ökonomischer Druck hätte die Macht, uns in der alten Geschichte gefangen zu halten, liefe sich nicht auf der Basis von etwas, das in uns ist. Stärker als alles Äußerliche sind es unsere eigenen Gewohnheiten, die uns zurück in die alte Geschichte ziehen, nachdem wir den Blick auf eine neue erhascht haben. Diese Gewohnheiten sind so tief eingraviert, dass wir uns ihrer selten bewusst sind; und wenn, dann nehmen wir meist an, sie gehörten zur menschlichen Natur. Viele von ihnen fallen in drei Kategorien: Gewohnheiten der Knappheit, Gewohnheiten des Urteils, und Gewohnheiten des Kampfes. In den nächsten paar Kapiteln werde ich einige dieser Gewohnheiten beleuchten, den kulturellen und persönlichen Daseinszustand, aus dem heraus sie entstanden, und die neuen Gewohnheiten des Interbeing, die sie ersetzen können.

Sie werden feststellen, dass Ihnen viele der Gewohnheiten der Separation vertraut sind. Die gängigen religiösen Lehren sowie die populäre Moral sind voll von Anordnungen dagegen; weil nämlich beide, Religion und Kultur, Samen der Wiedervereinigung in sich tragen. Aber es ist schwer für uns, diesen Lehren Folge zu leisten, weil sie mit den vorherrschenden Mythen und Strukturen der Zivilisation unvereinbar sind. Also werden sie zu Regeln: Verboten, Geboten, etc., und somit zu Kräften einer der wichtigsten Gewohnheiten der Separation, nämlich der das Selbst zu unterwerfen. Das lässt sich nicht vermeiden. Eingetaucht in eine Geschichte, die einen als atomisiertes, abgeschnittenes Individuum in einer Welt bestehend aus dem Anderen definiert, umgeben von Institutionen wie Geld, die diese Geschichte inszenieren und verstärken, scheinen Lehren wie die Goldene Regel tatsächlich dem natürlichen menschlichen Verhalten zuwiderzulaufen. Für das separate Selbst scheint Eigennutz der Hingabe entgegenzustehen.

Kein Wunder, dass die religiösen Autoritäten beim Versuch, die Regeln in Einklang zu bringen mit der Welt, in der wir lebten, das Universum in zwei Sphären, die irdische und die himmlische, die materielle und die spirituelle aufteilten. Ja, räumten sie ein, die materielle Welt sei zwar sündhaft und unsere Körper, die ja von dieser Welt sind, auch, aber da gebe es noch etwas anderes, eine andere Welt mit anderen Regeln. Um nach diesen zu leben, müssen wir den Verlockungen der materiellen Welt und des Fleisches widerstehen.

Bitte beachten Sie jeden Impuls, den Sie vielleicht haben, das Programm der Selbstunterwerfung auf die Gewohnheiten der Separation anzuwenden, die ich beschreiben werde. Es gibt auch einen anderen Weg.

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Knappheit ist eines der Merkmale, die das moderne Leben definieren. Eines von fünf Kindern weltweit hungert. Wir führen Kriege um knappe Ressourcen wie Öl. Wir haben die Meere und die Böden geplündert. Weltweit müssen Menschen und Regierungen sparen und mit weniger auskommen, weil das Geld knapp ist. Kaum jemand würde bestreiten, dass wir in einem Zeitalter der knappen Ressourcen leben; viele würden sagen, es sei gefährlich anders zu denken.

Auf der anderen Seite ist es nicht schwer zu sehen, dass der Großteil dieser Knappheit künstlich ist. Nehmen Sie die Nahrungsmittelknappheit: riesige Mengen, manchen Schätzungen zufolge bis zu 50% der Produktion, werden in der entwickelten Welt verschwendet. Gigantische Ackerlandflächen sind der Produktion von Ethanol gewidmet, und noch größere Flächen der Kulturpflanze Nummer eins in Amerika: dem Rasengras. Unterdessen wird Ackerland, das der Nahrungsmittelproduktion gewidmet ist, gewöhnlich mit chemie-intensiven, maschinengestützten Methoden bewirtschaftet, die eigentlich weniger produktiv sind (per Hektar, nicht pro Einheit von Arbeitskraft) als arbeitsintensive Biolandwirtschaft und Permakultur.i

Ähnlich ist auch die Knappheit natürlicher Ressourcen ein Artefakt unseres Systems. Nicht nur, dass unsere Produktionsmethoden verschwenderisch sind, auch was produziert wird, trägt wenig zum Wohlergehen der Menschheit bei. Technologien der Ressourcenschonung, des Recycling und der erneuerbaren Energien dümpeln unentwickelt vor sich hin. Ohne wirklich etwas opfern zu müssen, könnten wir in einer Welt der Fülle leben.

Vielleicht nirgendwo sonst ist die Künstlichkeit der Knappheit so offensichtlich wie beim Geld. Wie das Beispiel der Nahrungsmittel zeigt, ist der Großteil der materiellen Bedürfnisse in dieser Welt nicht auf das Fehlen von etwas Realem zurückzuführen, sondern auf das Fehlen von Geld. Paradoxerweise ist gerade Geld das einzige, was wir in unbegrenzten Mengen produzieren können: es sind ja nur Bits in Computern. Und trotzdem erschaffen wir es auf eine Weise, die es inhärent knapp macht, und das erzeugt die Tendenz zur Konzentration von Reichtum, also Überfülle für einige Wenige und Knappheit für den Rest.

Selbst Reichtum bietet kein Entrinnen vor der empfundenen Knappheit. In einer Studie vom Center on Wealth and Philanthropy am Boston College aus dem Jahr 2011 über die Superreichen wurde die Einstellungen gegenüber dem Reichtum in Haushalten mit einem Nettowert von 25 Millionen Dollar oder mehr (einige viel mehr – der Durchschnitt lag bei 78 Millionen Dollar) ermittelt. Erstaunlicherweise antworteten die meisten mit nein, wenn sie gefragt wurden, ob sie sich finanziell abgesichert fühlten. Wie viel würde es brauchen um finanzielle Sicherheit zu erlangen? Sie nannten Zahlen, die im Durchschnitt 25% höher waren als ihr gegenwärtiges Vermögen.

Wenn jemand mit einem Vermögen von 78 Millionen Dollar ein Gefühl der Knappheit empfinden kann, hat das offensichtlich viel tiefere Wurzeln als ökonomische Ungleichheit. Die Wurzeln liegen nirgendwo anders als in unserer Geschichte von der Welt. Knappheit beginnt mit unserer Ontologie, mit unserem Selbstbild und unserer Kosmologie. Von dort aus infiltriert sie unsere sozialen Institutionen, Systeme und Lebenserfahrungen. Wir sind von einer Kultur der Knappheit so tief durchdrungen, dass wir sie mit der Realität verwechseln.

Die meistverbreitete, lebensverzehrende Form von Knappheit ist die Zeitknappheit. Wie es der Dogon Mann veranschaulicht, nehmen “primitive” Menschen im Allgemeinen Zeit nicht als etwas Knappes wahr. Sie betrachten ihre Tage, Stunden oder Minuten nicht als etwas Zählbares. Sie haben nicht einmal ein Konzept von Stunden oder Minuten. “Ihre Welt,” sagt Helena Nordberg-Hodge in ihrer Beschreibung der Landbevölkerung in Ladakh, “ist eine zeitlose.” Ich hörte Berichte von Beduinen, denen es beliebte, nichts zu tun als den Sand der Zeit verrinnen zu sehen, von Pirahã, die vollkommen gefesselt davon waren ein Boot am Horizont erscheinen und es Stunden später wieder verschwinden zu sehen, von indigenen Menschen, die sich damit begnügten, buchstäblich dem Gras beim Wachsen zuzusehen. Das ist ein Reichtum, der uns nahezu unbekannt ist.

Zeitknappheit ist in die Geschichte von der Wissenschaft eingeschrieben, die alles messen möchte, und so alle Dinge zu etwas Endlichem macht. Sie begrenzt unsere Existenz auf einen einzelnen biographischen Zeitstrahl, die endliche Spanne für ein separates Selbst.

Zeitknappheit beruht auch auf der Knappheit von Geld. In einer Welt der Konkurrenz, könnte man in jedem Moment mehr tun um voranzukommen. In jeder Sekunde hat man die Wahl seine Zeit produktiv zu nützen. Unser Geldsystem verkörpert die Maxime des separaten Selbst: Mehr für dich ist weniger für mich. In einer Welt der materiellen Knappheit kann man es sich nie “leisten”, entspannt eine Pause zu machen. Das ist mehr als eine reine Ansicht oder eine Wahrnehmung: Geld, wie es heute existiert, ist nicht, wie manche behaupten, “reine Energie”; zumindest ist es keine neutrale Energie. Es ist immer nur beschränkt vorhanden. Wenn Geld wie unseres als verzinste Schuld geschaffen wird, dann gibt es notwendigerweise immer mehr Schulden als Geld. Unsere Systeme spiegeln unsere kollektiven Wahrnehmungen wider.

“Mehr für dich ist weniger für mich” – dieses Axiom definiert die Separation. Wahr in einer auf Konkurrenz basierenden Geldökonomie ist es trotzdem falsch in Kulturen des Schenkens in denen, weil allerorts geteilt wird, mehr für dich auch mehr für mich ist. Die konditionierte Knappheit geht weit über den Bereich der Ökonomie hinaus und manifestiert sich als Neid, Eifersucht, die Kunst, den Anderen um eine Nasenlänge voraus zu sein, gesellschaftliche Konkurrenz und mehr.

Die Geldknappheit wiederum hat ihren Ursprung in der Knappheit von Liebe, Intimität, und Verbundenheit. Das grundlegende Axiom der Ökonomie besagt so viel wie: Menschen sind motiviert ihr rationales Eigeninteresse zu maximieren. Dieses Axiom ist eine Manifestation von Abgetrenntheit und, ich wage zu behaupten, von Einsamkeit. Jeder dort draußen ist ein Nutzenmaximierer und auf sich selbst gestellt. Man ist allein. Warum scheint das so richtig zu sein, zumindest für die Ökonomen? Woher kommt die Wahrnehmung und Erfahrung des Alleinseins? Teilweise entsteht sie aus der Geldökonomie selbst, in der wir von standardisierten Waren umgeben sind, die aus ihrer ursprünglichen Beziehungsmatrix gerissen wurden, und in der Gemeinschaften von Menschen, die Dinge für sich und füreinander tun, durch bezahlte professionelle Dienstleistungen ersetzt werden. Wie ich in “Ökonomie der Verbundenheit” beschreibe, wird Gemeinschaft aus Geschenken gewoben. Geschenke in verschiedenen Formen schaffen Bande, weil ein Geschenk Dankbarkeit erzeugt: den Wunsch, es zurück- oder weiterzugeben. Eine Geldtransaktion ist im Gegenteil aus und vorbei, wenn einmal Waren und Geld die Besitzer gewechselt haben. Die beiden Parteien gehen getrennter Wege.

Die Knappheit von Liebe, Intimität und Verbundenheit ist auch unserer Kosmologie zueigen, die das Universum als aus austauschbaren Bausteinen zusammengesetzt betrachtet, die nur Dinge sind, ohne Empfindung, Sinn oder Intelligenz. Sie ist auch ein Resultat des Patriarchats und seiner dazugehörigen Besitzgier und Eifersucht. Wenn etwas in unserer menschlichen Welt im Überfluss vorhanden ist, dann sollte es Liebe und Intimität sexueller oder nicht-sexueller Natur sein. Es gibt so viele von uns! Hier wie sonst nirgendwo ist die Künstlichkeit von Knappheit so offensichtlich. Wir könnten im Paradies leben.

Manchmal leite ich in einem Workshop eine Übung an, bei der zwei Menschen einander lange Zeit fest in die Augen schauen. Nach dem Abflauen des anfänglichen Unbehagens, wenn die Minuten verstreichen, erleben die meisten Menschen eine unbeschreiblich süße Intimität, eine Verbundenheit, die all die oberflächlichen Posen und Masken überwindet, die die täglichen Interaktionen prägen. Diese Masken sind viel filigraner als wir meinen würden – sie können nicht mehr als einer halben Minute des einander wirklich Anschauens widerstehen; vielleicht gilt es ja deswegen als unhöflich jemandem mehr als nur ein paar Sekunden direkt in die Augen zu schauen. Das ist die ganze Intimität, die wir uns normalerweise erlauben. Das ist der ganze Reichtum, den wir im Moment gerade bewältigen können. Manchmal sage ich nach dieser Übung zur Gruppe: “Können sie sich das vorstellen: Ein solches Glück ist immer zu haben, es ist weniger als sechzig Sekunden entfernt, und doch leben wir Jahre lang ohne es. Erlebten die Menschen es jeden Tag, würden sie dann immer noch einkaufen wollen? Trinken? Spielen? Töten?”

Wie nahe ist diese schönere Welt, von deren Möglichkeit unsere Herzen wissen? Sie ist näher als nahe.

Welches Bedürfnis jenseits der klassischen Überlebensbedürfnisse ist wichtiger für einen Menschen als jenes berührt, gehalten, gekost, gesehen, gehört und geliebt zu werden? Welche Dinge konsumieren wir zur vergeblichen Kompensation der Nichterfüllung dieses Bedürfnisses? Wie viel Geld, wie viel Macht, wie viel Kontrolle über andere Menschen braucht es, um das Bedürfnis nach Verbundenheit zu stillen? Wie viel ist genug? Wie sich aus der oben erwähnten Studie des Boston College schließen lässt, ist keine Menge je genug. Erinnern Sie sich daran, wenn Sie das nächste Mal denken, dass die Gier die Schuldige an Gaias Leiden sei.

Ich könnte noch viele anderen Arten von Knappheit aufzählen, die in unserer Gesellschaft so normal sind, dass sie uns gar nicht mehr auffallen. Knappheit an Aufmerksamkeit. Knappheit am Spiel. Knappheit am Zuhören. Knappheit an Dunkelheit und Stille. Knappheit an Schönheit. Ich lebe in einem hundert Jahre alten Haus. Was für ein Unterschied zwischen den normalen fabrikneuen Warenobjekten und Gebäuden, die uns umgeben, und den alten Heizkörpern in meinem Haus, die die ganze Nacht lang rasseln und zischen, mit ihren gewölbten Eisenteilen, ihren unregelmäßigen Ventilen und Verbindungsstücken, die mit einem Hauch mehr Sorgfalt gemacht wurden, als es notwendig gewesen wäre, die eine Lebensqualität zu besitzen scheinen. Ich fahre an den Einkaufsmeilen und Shoppingcenters vorbei, an den Parkplätzen und Autohändlern, an den Bürogebäuden und Bauabschnitten, jedes Gebäude ein Beispiel für Kosteneffizienz, und ich wundere mich: “Nach fünftausend Jahren architektonischer Entwicklung ist es das hier, was wir erreicht haben?” Hier sehen wir den materiellen Ausdruck der Ideologie des Messbaren (von Quadratmetern, von Produktivität pro Arbeitskraft) auf Kosten all dessen was Qualität hat: Heiligkeit, Intimität, Liebe, Schönheit, und Spiel.

Wie viel des Hässlichen braucht es, um das Fehlen des Schönen zu ersetzen? Wie viele Abenteuerfilme braucht es, um das Fehlen von Abenteuer zu kompensieren? Wie viele Filme mit Superhelden muss man sich anschauen, um die verkümmerte Verwirklichung der eigenen Großartigkeit zu kompensieren? Wie viel Pornographie, um das Bedürfnis nach Intimität zu befriedigen? Wie viel Unterhaltung, um das fehlende Spiel zu ersetzen? Es braucht unendlich viel davon. Das ist eine Frohbotschaft für das Wirtschaftswachstum aber eine Hiobsbotschaft für den Planeten. Zum Glück erlauben unser Planet und unser zerfetztes soziales Gewebe nicht, dass es noch viel länger so weitergeht. Wir haben das Zeitalter der künstlichen Knappheit fast hinter uns gebracht, wir müssen es nur noch schaffen, die Gewohnheiten aufzugeben, die uns noch an es binden.

Aus der Knappheit, die uns durchdringt, entstehen die Gewohnheiten der Knappheit. Aus der Zeitknappheit entsteht die Gewohnheit der Eile. Aus der Geldknappheit entsteht die Gewohnheit der Gier. Aus der Knappheit an Aufmerksamkeit entsteht die Gewohnheit anzugeben. Aus der Knappheit an sinnvoller Arbeit entsteht die Gewohnheit der Faulheit. Aus der Knappheit an bedingungsloser Akzeptanz entsteht die Gewohnheit der Manipulation. Das sind nur einige Beispiele – es gibt so viele verschiedene Reaktionen auf jedes dieser fehlenden Dinge, wie es Menschen gibt.

iSiehe Kapitel 2 von “Ökonomie der Verbundenheit” und meinen Artikel “Permaculture and the Myth of Scarcity” für ausführlichere Erörterungen mit Literaturhinweisen.