Drogenmissbrauch hat mehr damit zu tun wie wir unser Leben leben, als mit den Substanzen selbst. Aber was hat der Kampf gegen den Drogenkonsum mit uns angestellt und was kommt danach?

Vermutlich haben Sie schon mal von diesen Suchtstudien mit eingesperrten Laborratten gehört, bei denen die Tiere zwanghaft den Schalter für die Heroinabgabe drücken, immer und immer wieder, so lange bis sie ihr Futter vernachlässigen und sich selber zu Tode hungern. Es scheint, dass diese Studien einige sehr entmutigende Dinge über die menschliche Natur implizieren. Wir können unserer biologischen Grundausstattung nicht trauen, die Suche nach Vergnügen reißt uns in den Abgrund. Deshalb müssen wir unsere biologischen Begierden mit Vernunft, Erziehung und der Einimpfung von moralischen Grundsätzen überwinden. Diejenigen, bei denen Wille oder Moral zu schwach sind, müssen kontrolliert und korrigiert werden.

Diese Rattenstudien scheinen auch die Hauptkennzeichen für den „War on Drugs“, den Krieg gegen den Drogenkonsum, zu bewahrheiten. Als erstes das Verbot: Die Ratten müssen davon abgehalten werden, überhaupt auf den Geschmack von Drogen zu kommen. Das zweite ist „Erziehung“: Die Ratten müssen so konditioniert werden, dass sie den Schalter gar nicht erst umlegen. Das dritte ist Bestrafung: Die Konsequenzen des Drogenkonsums werden so unangenehm und bedrohlich gestaltet, dass die Ratten ihr Verlangen überwinden, den Schalter umzulegen. Einige Ratten haben eben einen stärkeren Charakter als andere, für sie reicht Erziehung. Die Schwächeren müssen durch Bestrafung abgeschreckt werden.

All diese Kennzeichen des Kampfes gegen den Drogenkonsum sind Formen der Kontrolle und deshalb passen sie auch gut in die Geschichte der technologisierten Zivilisation: Herrschaft über die Natur, die Erhebung über den Status des Primitiven, das Überwinden von animalischen Trieben mit Hilfe des Geistes und der Moral und so weiter. Vielleicht war das der Grund warum die Arbeit von Bruce Alexander, in der diese Käfigrattenexperimente in Frage gestellt wurden, jahrelang ignoriert und verdrängt wurde. Seine Studien hinterfragten nicht nur den „War on Drugs“ sondern auch ganze Denkmuster, die wir über die Natur des Menschen und unsere Beziehung zur Welt haben. Alexander hat herausgefunden, dass die Ratten sich nicht mehr für die Drogen entscheiden, wenn sie aus ihren kleinen, separierten Käfigen genommen wurden und in einen geräumigen „Rattenpark“ mit ausreichend Futter, Bewegungsmöglichkeiten und sozialen Kontakten gesetzt wurden. Tatsächlich haben sich nach dem Umzug vom Käfig in den Rattenpark bereits süchtige Ratten von der Droge entwöhnt.

Hier wird impliziert, dass Drogensucht eben keine moralische Fehlentscheidung oder ein physiologischer Funktionsfehler ist, sondern eine adaptive Antwort auf äußere Umstände. Es ist grausam, Ratten einzusperren und sie zu bestrafen, wenn sie anfangen Drogen zu nehmen. Es wäre vergleichbar, Krankheitssymptome zu unterdrücken, und gleichzeitig die für die Krankheit vorteilhaften Umstände aufrecht zu erhalten. Die Studien von Alexander tragen vielleicht nicht zu der langsamen Auflösung des Kampfes gegen die Drogen bei, aber sie können zumindest eine Metapher sein.

Sind wir wie Ratten in Käfigen? Bringen wir Menschen in unerträgliche Umstände und bestrafen sie dann, wenn sie versuchen ihr Leid selbst zu lindern? Wenn ja, dann ist der Krieg gegen die Drogen unter falschen Voraussetzungen gestartet und kann niemals erfolgreich sein. Und wenn wir wie Käfigratten sind, wie sind dann diese Käfige beschaffen und wie würde eine Gesellschaft aussehen, die wie ein Rattenpark für Menschen gestaltet ist?

Hier einige Möglichkeiten wie Menschen in Käfige gesperrt werden:

  • Alle Möglichkeiten zur freien Selbstentfaltung und sinnvoller Beschäftigung werden beseitigt. Stattdessen werden Menschen zu einer Arbeit ohne Zukunft genötigt, um Rechnungen zu zahlen und Schulden zu tilgen. So werden einige verführt von anderer Menschen Arbeit zu leben.
  • Menschen werden von der Natur und von freien Plätzen isoliert. Die Natur wird allenfalls in ein Spektakel oder einen Erholungsort verwandelt, aber jegliche Vertrautheit mit dem Land entfällt. Nahrung und Medizin werden von weit her transportiert.
  • Das Leben, besonders das von Kindern, wird nach innen verlegt. So viele Geräusche wie möglich werden künstlich erzeugt, so viel Sichtbares wie möglich wird virtualisiert.
  • Gemeinschaften werden zerstört, indem Menschen in eine Gesellschaft voller Fremder geworfen werden, auf die sie nicht angewiesen sind. Die Leute um einen herum muss man nicht einmal mit Namen kennen.
  • Eine ständige Überlebensangst wird geschürt, bei der das Überleben von Geld abhängig gemacht und das Geld künstlich knapp gehalten wird. Ein Geldsystem wird etabliert, in dem immer mehr Schulden als Geld vorhanden sind.
  • Die Welt wird aufgeteilt in Besitz und Menschen in Räume eingeengt, die sie besitzen oder für die sie bezahlen.
  • Die unendliche Vielfalt der natürlichen Welt und des Handwerks mit seinen individuellen Eigenheiten werden ersetzt mit der Gleichheit von Verbrauchsgütern.
  • Soziale Interaktion wird reduziert auf die Kleinfamilie. Die funktionalen sozialen Einheiten Stamm, Dorf, Clan und Großfamilie werden zerstört.
  • Kinder werden in nach Alter getrennten Klassenräumen in einer konkurrenzbetonten Umgebung gehalten. Dort werden sie dazu konditioniert, für externe Belohnungen Aufgaben zu erfüllen, die sie nicht wirklich interessieren oder die sie nicht machen wollen.
  • Lokale identitätsstiftende Geschichten und Beziehungen werden zerstört, ersetzt werden sie durch Prominachrichten, Identifikation mit Sportvereinen, Marken und den Sichtweisen von Autoritätsfiguren.
  • Volkswissen über Heilung und Fürsorge wird delegitimiert und illegalisiert. Ersetzt wird es durch das Paradigma des „Patienten“, dessen Gesundheit von medizinischer Autorität abhängt.

Es ist nicht verwunderlich, dass Menschen in unserer Gesellschaft zwanghaft den Schalter umlegen, sei es der Schalter für Drogen, für Konsum, für Pornographie, für Glücksspiel oder für Überernährung. Wir antworten millionenfach mit palliativen Mittelnauf Lebensumstände, in denen wahre menschliche Bedürfnisse nach Intimität, Beziehung, Gemeinschaft, Schönheit, Befriedigung und Bedeutung größtenteils nicht erfüllt werden. Zugegeben, diese Käfige sind zum großen Teil von unserem eigenen Einverständnis abhängig, aber das heißt nicht, dass wir uns daraus auch vollständig befreien können, sei es angetrieben durch eine erleuchtende Eingebung oder durch lebenslange Anstrengung. Die Gewohnheiten des Eingesperrtseinssind tief in uns einprogrammiert. Wir können auch nicht entkommen, indem wir unsere Wärter niedermachen. Im Gegensatz zu den Rattenversuchen undden Verschwörungstheoretikern zum Trotz sind unsere Eliten genauso Gefangene wie der Rest von uns. Leere und suchterzeugende Entschädigungen für ihre unerreichten Sehnsüchte verführen sie zur Aufrechterhaltung des Status Quo.

Aus den Käfigen lässt es sich nicht leicht entkommen. Gefangenschaft existiert nicht durch Zufall in unserer modernen Gesellschaft, sondern ist tief in den Systemen, den Ideologien und in uns selbst verwurzelt. Ganz unten liegen die tiefsitzenden NarrativeSeparation, Herrschaft und Kontrolle. Jetzt, wo wir uns einer großen Wende nähern, einer Bewusstseinsverschiebung, beobachten wir, dass diese Narrative sich auflösen. Ihre sichtbaren Ergebnisse – Überwachungsstaat, Mauern und Zäune, ökologische Vernichtung – erreichen momentan beispiellose Extreme. Aber der ideologische Kern dieser Strukturen fängt an auszuhöhlen, ihre Basis wackelt. Ich denke, dass das (keinesfalls schon gesicherte) Aussetzen des Krieges gegen den Drogenkonsum ein frühes Zeichen dafür ist, dass diese Superstrukturen anfangen zu bröckeln.

Ein Zyniker würde sagen, dass ein Ende dieses Drogenkonflikts keinen Unterschied machen würde. Dass Drogen das Leben im Käfig nur erträglicher machen und Kraft verschlingen, die sonst zu positiven sozialen Veränderungen führen würde. In anderen Worten: Das Opium des Volkes ist Opium! Der Zyniker tut die Legalisierung von Cannabis ab, als kleine, unscheinbare Strömung gegen die unaufhaltsame Flut des Imperialismus und der Umweltzerstörung, ein Pyrrhussieg, der den Vormarsch des Kapitalismus nicht aufhalten kann.

Diese Sichtweise ist verfehlt. Drogen machen uns generell nicht zu effizienteren Käfigbewohnern, also zu besseren Arbeitern und Konsumenten. Die bekannteste und interessanterweise praktisch nicht regulierte Ausnahme ist Koffein, das den Menschen dabei hilft zu einem Zeitplan aufzuwachen, den sie nicht leben wollen und Aufgaben zu erledigen, die sie nicht interessieren. (Ich sage nicht, dass das alles ist was Koffein tut, und ich möchte keinesfalls ehrwürdige Pflanzen wie Tee und Kaffee herabsetzen, sie gehören fast zu den einzigen pflanzlichen Aufgussgetränken, die in modernen Gesellschaften noch getrunken werden.) Eine andere teilweise Ausnahme ist Alkohol, der als Stresslinderer tatsächlich das Leben in unserer Gesellschaft erträglicher macht. Bestimmte andere Drogen – Stimulanzen und Opiate – können ebenfalls diese Funktion erfüllen, aber diese sind letztlich so lähmend, dass die Hüter des Kapitalismus sie als Bedrohung sehen.

Es gibt allerdings andere Drogen, wie Cannabis und psychedelische Substanzen, die direkt zu Nonkonformität führen, die Konsumkraft schwächen und das verordnete, normale Leben weniger und nicht mehr akzeptabel erscheinen lassen. Betrachten wir einmal das Verhalten, das gemeinhin mit Marihuanakonsum in Verbindung gebracht wird. Der Kiffer ist nicht pünktlich bei der Arbeit, er sitzt lieber auf der Wiese und spielt Gitarre. Er ist nicht konkurrenzfähig – das heißt aber nicht, dass Kiffer nichts zur Gesellschaft beitragen, einige der erfolgreichsten Unternehmer des Informationszeitalters sind bekennende Marihuanakonsumenten. Generell kann man aber sagen, dass das Vorurteil, Cannabis und Psychedelika würden die etablierte Ordnung stören, nicht unbegründet ist.

In mehreren amerikanischen Bundesstaaten und auf der ganzen Welt gibt es zögerliche, aber dennoch beträchtliche Entwicklungen in Richtung einer Cannabislegalisierung. Dies bringt wohlbekannte Vorteile mit sich, was Kriminalität, Freiheitsstrafen, Medizin und industrielle Herstellung von Hanf angeht, ist aber auch aus anderen Gründen bedeutsam. Erstens impliziert dies eine Entspannung der Mentalität der Kontrolle, von Verbot, Bestrafung und psychologischer Konditionierung. Zweitens ist die Substanz Cannabis, wie ich bereits ausgeführt habe, Gift für die Käfige in denen wir leben. Drittens ist die Legalisierung Teil einer tiefen Bewusstseinsverschiebung weg von der Separation, hin zur Empathie.

Die Mentalität der Kontrolle basiert auf der Frage wer oder was kontrolliert werden soll. Im „War on Drugs“ wird dem individuellen Drogenkonsument vorgeworfen moralisch falsch gehandelt zu haben. Diese Sicht basiert auf der Theorie, die Sozialpsychologen Dispositionismus nennen. Demnach basieren die freien Entscheidungen der Menschen auf ihrem ausgebildeten Charakter und auf ihren Vorlieben. Dispositionismus erkennt zwar einen gewissen Einfluss der Umwelt an, sagt aber im Prinzip, dass Menschen gute Entscheidungen treffen weil sie gute Menschen sind und schlechte Entscheidungen, weil sie schlechte Menschen sind. Abschreckung, Erziehung und Verbote sind natürliche Folgen dieser Philosophie, genau wie das gesamte Strafjustizsystem. Verurteilung und Paternalismus, welche dem ganzen Konzept der „Verbesserung“ vorstehen, sind ein Teil davon. Dabei wird gesagt: „Wenn ich in deiner Lage wäre, würde ich anders handeln als du.“ Anders gesagt, ist es eine Durchsetzung von Separation: „Ich bin anders (und wenn du ein Drogensüchtiger bist, dann bin ich auch besser) als du.“

Dieser Glaube rechtfertigt auch den „Krieg gegen den Terror“ und eigentlich auch den Krieg gegen so ziemlich alles. Es gibt aber eine entgegengesetzte Philosophie, den Situationismus, der besagt, dass Menschen ihre Entscheidungen aus der Ganzheit ihrer Situation heraus treffen, innerlich und äußerlich. Anders gesagt, wenn ich in deiner Situation wäre, inklusive deiner gesamten Lebensgeschichte, hätte ich so gehandelt wie du. Dies ist eine Aussage der Nichttrennung, des Mitgefühls. So wie Bruce Alexander aufgezeigt hat, wird verständlich, dass selbstzerstörerisches oder antisoziales Verhalten Antworten auf Umstände und keine dispositionale Schwäche oder das Versagen von Moral sind. Situationismus fördert mehr die Heilung als den Krieg, da er versucht die Umstände, die zu Terror, Drogensucht, Krankheitskeime, Unkraut, Gier, Boshaftigkeit oder jedem anderen Symptom, gegen das wir Krieg führen, zu ergründen und Abhilfe zu schaffen. Anstatt Drogenkonsum zu bestrafen, wird gefragt aus welchen Umständen heraus er entstanden ist. Anstelle Unkraut mit Pestiziden zu vernichten, wird gefragt ob die Bodenbeschaffenheit oder die Form des Ackerbaus es zum Wachsen gebracht hat. Anstatt extrem antiseptische Hygienemittel und Breitbandantibiotika anzuwenden, wird gefragt, warum der entsprechende Körper so ein gutes Umfeld für Bazillen ist. Das heißt nicht, dass wir niemals Antibiotika nehmen sollten, oder einen gewalttätigen Verbrecher, der eine Gefahr für andere ist, nicht einsperren sollten. Aber so können wir nicht sagen: „Problem gelöst! Das Böse ist besiegt!“

Wir können feststellen, dass die Legalisierung von Drogen eine Umkehrung des Jahrtausende andauernden Paradigmas ist, das ich den „Krieg gegen das Böse“ nenne. Ursprünglich war dieser Krieg seit Anbeginn der Zivilisation mit der Bezwingung des Chaos und der Zähmung des Wilden verbunden. Im Laufe der Geschichte wurden dabei ganze Populationen und fast der ganze Planet regelrecht abgebrannt. Jetzt ist vielleicht der Zeitpunkt gekommen, an dem wir in ein sanftmütigeres Zeitalter gelangen. Es ist bezeichnend, dass ein Teil der Natur, eine Pflanze, der Drehpunkt für solch eine Umkehr ist.

Die wachsende Bewegung in Richtung Ende des Drogenkrieges könnte eine Verschiebung des Paradigmas bedeuten, weg von Verurteilung, Beschuldigung, Krieg und Kontrolle, hin zu Mitgefühl und Heilung. Cannabis ist ein natürlicher Ausgangspunkt, weil sein weitverbreiteter Gebrauch das Zerrbild des moralisch schwachen Süchtigen untragbar macht. „Wenn ich die Gesamtheit deiner Lebensumstände erlebt hätte, würde ich auch einen durchziehen – und das habe ich auch!“

Marihuana ist lange Zeit als „Einstiegsdroge“ verteufelt worden, mit dem Argument, es sei selber nicht sehr gefährlich, führe aber die Leute in die Drogenkultur und deren Gewohnheiten ein. Dieses Vorurteil ist leicht zu entkräften, aber womöglich ist Marihuana der Einstieg zu etwas anderem – der Einstieg zu einer stärkeren Entkriminalisierung von Drogen und darüber hinaus hin zu einem mitfühlenden und zurückhaltenden Justizsystem, das nicht auf Bestrafung basiert. Mehr noch, es könnte uns einen Einstieg weg von Maschinenwerten hin zu organischen Werten bieten, hinein in eine gemeinschaftliche Welt, eine ökologische Welt und keine Arena von separierten Wettstreitern vor denen man sich schützen muss, wo erobert und kontrolliert werden muss. Vielleicht haben die Konservativen Recht. Vielleicht würde die Legalisierung von Drogen das Ende der Gesellschaft wie wir sie kennen bedeuten.

Übersetzung von / Translation by Roman Maas

http://www.opendemocracy.net/charles-eisenstein/gateway-drug-to-what