Wie machen wir das? Diese Wunderwelt voller Dinge, die wir nicht geschehen machen können, ist eine Welt der Geschenke. Um in ihr leben zu können, müssen wir die alten Automatismen der Kontrolle, des Fest- und Zurückhaltens loslassen. Wir müssen lernen die Welt mit den Augen des Geschenks zu sehen. Heute leben die meisten von uns in beiden Welten, der alten und der neuen; daher passieren Wunder für uns zufällig. Sie scheinen die Gesetze des physikalischen oder gesellschaftlichen Universums zu verletzen – was zu erwarten ist, weil diese Gesetze von der Sichtweise des separaten Selbst geprägt sind.

Trotz meines Aufrufs zur Naivität möchte ich hier auch eine Warnung aussprechen, weil man auf dieser Welt auch unmöglichen Hirngespinsten nachjagen kann. Es gibt Trugbilder, die einen von der anstehenden Arbeit ablenken. Wie können wir unterscheiden, ob wir uns einer Sache verschrieben haben, die realistisch möglich ist, oder ob wir uns selbst täuschen und nicht einer Vision sondern einer Illusion nachjagen? Ich möchte keinesfalls einer leichtgläubigen Blauäugikeit das Wort reden, die jedem Phantasma vertraut, wenn es nur tröstlich erscheint.

Jede Menge New Age Lehren über “Reality Creation” wollen uns weismachen, dass wir nur unsere Gedanken und Ansichten mit dem, was wir auf der Welt “manifestieren” wollen, in Einklang bringen müssen, dann werde es erscheinen. Ich verwende hier sarkastische Anführungszeichen, aber manche dieser Lehren sind sogar recht anspruchsvoll. Man kann sich viele Situationen ausdenken, in denen der Glaube tatsächlich Wirklichkeit erzeugt. Zum einen enthalten unser Glaube und unsere Geschichten Rollen für uns selbst, die wir spielen müssen, um überhaupt irgendetwas auf dieser Welt zu erreichen. Zum Beispiel wird man ohne den Glauben daran, dass es möglich ist, ein Einrad zu fahren, eher nicht die vielen Wochen üben, die es braucht, um es zu erlernen. Ohne den Glauben daran, dass ein Musikfestival stattfinden kann, wird keiner das tun, was nötig ist, damit es Wirklichkeit wird. Nur wenn jemand glaubt “ich kann es tun”, wird er es überhaupt versuchen. Wenn sich unsere Ansichten ändern, ändern sich auch unsere Motivation und unsere Wahrnehmung. Wir tun neue Dinge und sehen neue Möglichkeiten.

Über diese banalen Mittel für die Übersetzung von Glauben in Wirklichkeit hinaus sehe ich auch etwas Geheimnisvolleres am Werk. Es wirkt tatsächlich eine Art Magie, wenn ein Mensch einen tiefgreifenden Wandel in seiner Weltsicht vollzieht. Die eher banalen Beispiele, von denen ich erzählt habe, stehen vielleicht für ein allgemeineres Prinzip. Das Problem mit den New Age Lehren über Reality Creation und das Gesetz der Anziehung liegt nicht so sehr in ihrer Metaphysik als vielmehr in ihrer Anwendung. Ich sehe zwei Hauptschwierigkeiten: Erstens ist es nicht so einfach die eigenen Ansichten zu ändern, wie wir uns das gerne vorstellen. Normalerweise können wir unseren Glauben an etwas nicht durch einen Willensakt ändern, weil ein Glaubenszustand ein Seinszustand ist.i Der Glaube an etwas ist nicht nur eineEinbildung in unseren Köpfen. Wenn Sie vielleicht wie ich versucht haben, Ihre “Sie einschränkenden Ansichten” durch Affirmationen und Ähnliches zu verändern, stellten Sie möglicherweise auch fest, dass, selbst wenn Sie zu sich selbst wiederholten: “Jetzt mache ich die Erfahrung vollkommener finanzieller Fülle” oder “Jeden Tag in jeder Hinsicht wird mein Leben besser und besser”, ein Teil von Ihnen denkt: “Jaja, genau. Ich werde das glauben – aber erst, wenn sich die ersten Erfolge einstellen.” Wenn sich die Erfolge aber nicht einstellen, verwerfen Sie vielleicht das ganze Reality Creation Programm als einen Haufen New Age Quatsch. Aber in Wahrheit haben Sie das Grundprinzip weder bewiesen noch widerlegt, weil Sie einen vorgetäuschten Glauben oder zumindest einen ambivalenten Glauben hegten. Ein Teil von Ihnen mag es ja geglaubt haben, aber fühlte es sich wirklich richtig an? Hatten Sie wirklich das Gefühl, es sei möglich?

Das führt zu einem zweiten Problem: Es liegt nicht in unserer Macht zu entscheiden, was wahr oder möglich ist. Manche Lehren fordern, man solle damit beginnen eine Vision zu entwerfen, aber das wird missverstanden; der richtige Weg zu beginnen ist es eine Vision zu empfangen. Ich nenne sie: “Die Vision dessen, was geboren werden möchte.” Wenn wir sie nicht selbst erfunden haben, spüren wir, dass sie ein eigenes Sein besitzt. Die Zweifel mögen immer noch auf uns einstürmen, aber hinter den Zweifeln wird ein Wissen sein, das wir hegen, weil wir etwas gesehen haben. Die Zweifel entstehen aus den Verletzungen, die ich hier genannt habe: dem wiederholten Vertrauensbruch an unserem Idealismus, den Bruchlandungen unserer Seele, den Auswirkungen der schonungslosen Hässlichkeit der industriellen Gesellschaft. Wir denken: “Was, wenn ich nur ein Dummkopf bin? Wenn ich so eine Gnade nicht verdient habe? Wenn die Menschheit sie nicht verdient? Wenn wir unsere Gelegenheit verpasst haben? Was, wenn es zerstört wird durch etwas, das jenseits meiner Kontrolle liegt?” Tatsächlich, je schöner die Vision (ob für einen selbst oder für die Welt), desto schmerzhafter sind die Zweifel, die hochkommen. Die Strahlkraft dessen, was da geboren werden möchte, beleuchtet die Schatten und bringt sie ans Licht des Bewusstseins, damit sie geheilt werden können. Ich möchte anregen, dass Sie ein Gefühl entwickeln für den Unterschied zwischen diesen Zweifeln und dem insgeheimen, nüchternen Wissen, dass Sie sich selbst zum Narren halten.

Der erste Schritt, um Veränderung zu bewirken, ist es dann also eine Vision zu empfangen, die sich richtig anfühlt. Der zweite Schritt ist, die Verletzungen und Zweifel zu heilen, die die Vision ans Licht bringt. Wenn wir das nicht tun, werden wir einen inneren Konflikt erleben, weil wir nach beiden zugleich handeln, der neuen Geschichte und der alten, zu der die Verletzungen gehören. Der dritte Schritt ist es, sich dem hinzugeben, was geboren werden möchte. Das ist kein linearer Prozess. Meist wird die Vision immer klarer, je mehr wir die Zweifel heilen, die sie verschleiern; und dadurch können wir uns wiederum noch mehr in ihren Dienst stellen. Eine größere Hingabe bringt ihrerseits neue Dimensionen der Vision zusammen mit noch tieferen Verletzungen ans Licht. Der Weg der Hingabe ist ein Weg der Selbsterkenntnis.

Wenn wir im Dienst einer Sache stehen, die echt ist, und wenn wir davon sprechen, haben unsere Worte Macht. Andere können diese Echtheit auch fühlen. Darum haben manche Menschen die scheinbar magische Fähigkeit Dinge ins Dasein zu sprechen. Wenn sie sagen, dies und jenes werde eintreten, glaubt jeder, dass es geschehen wird, selbst dann, wenn es davon abhängt, dass alle daran glauben, dass es geschehen wird.

Sich ganz in den Dienst einer Sache zu stellen, von deren Echtheit man überzeugt ist, ist die Essenz von Führung in einer nicht-hierarchischen Zeit. Eine Führende ist eine Person, die eine Geschichte trägt, jemand, die fest genug davon überzeugt ist, dass sie den Glauben für andere mittragen kann. Viele Führenden heute sind schwach, weil sie im Inneren nicht an das glauben, was sie vor sich hertragen. Wie sollen sie denn so jemand anderen dafür begeistern? Weil sie selbst nicht daran glauben, kapitulieren sie vor dem geringsten Druck und begnügen sich mit Halbheiten. Wenn man die Vernichtung aller Atomwaffen fordert aber im Grunde nicht glaubt, dass das wirklich möglich ist, wird man sich mit einem begrenzten Abkommen über das Verbot von Kernwaffenversuchen zufrieden geben. Wenn man alle Kahlschläge verhindern will aber nicht glaubt, dass das möglich ist, wird man sich mit einer Verlangsamung der Abholzung begnügen.

Je inniger unsere Hingabe für das, was geboren werden möchte, desto öfter kommt es zu glücklichen Fügungen und Zufällen, die uns ermöglichen, das zu erreichen, was jenseits unseres Verständnisses von Ursache und Wirkung liegt. Wir könnten sagen, dass die Haupt-“Technik” im Zeitalter der Wiedervereinigung die Hingabe ist. Wir stellen unsere Zeit, Energie, Fähigkeiten und unser Leben als Geschenk zur Verfügung, überantworten uns dem Vertrauen und geben die Gewohnheit auf, uns zuerst und vor allem um uns selbst zu kümmern. Erst dann können wir ganz mit der Vision in Einklang kommen. Von diesem Übereinstimmen geht eine gewaltige Kraft aus. Unser erweitertes Selbst ist viel mächtiger und weniger furchtsam als das atomisierte, separate Individuum, das, weil es von der Welt abgeschnitten ist, diese nur durch Kraftanwendung manipulieren kann; es bestaunt mit Skepsis und Verwunderung die verblüffenden Zufälle, die sich aneinanderreihen, wenn es loslässt und sich dem Dienst an einer Sache hingibt. Weil das Dinge sind, von denen wir nicht wissen, wie man sie “bewirken” kann, geschehen sie offenbar als Geschenk und bestätigen so das universelle Prinzip des Geschenks: dass am Ende immer das Geben und das Empfangen miteinander ins Gleichgewicht kommen.

Dieser ganze Prozess eines ko-kreativen Wandels beginnt nicht mit dem Glauben sondern mit der Ehrlichkeit. Zuerst müssen wir den Blick auf etwas erhaschen, das wir als echt erkennen. Eine Art von Ehrlichkeit ist es, unsere Illusionen als solche zu erkennen und das zu sehen, was direkt vor uns liegt. Das kann schmerzhaft sein. Es war demütigend zuzugeben: “Ich habe im Inneren nicht geglaubt, dass das, worum wir uns bemühten, möglich ist; die ganze Zeit habe ich es getan um dazuzugehören, um vor mir selbst und vor anderen gut dazustehen und einfach auch um die Verzweiflung abzuwehren.” Aber es gibt sogar eine noch mutigere Art von Ehrlichkeit: an eine echte Vision zu glauben, die der allgemeinen Vorstellung von dem, was möglich oder erstrebenswert ist, widerspricht. Es braucht mehr Mut an das zu glauben, von dem wir wissen, dass es wahr ist, als an das nicht mehr zu glauben, von dem wir wissen, dass es falsch ist. Für die Visionäre ist dieses Wissen der Beginn einer langen einsamen Reise, begleitet von einer Unzahl an Zweifeln sowohl innerer als auch äußerer Natur. Auf einen Augenblick der Klarheit zu vertrauen und an ihm festzuhalten, ihn in Glauben zu übersetzen und auf seiner Grundlage zu handeln inmitten all der Stimmen, die sagen, dass das verrückt oder unmöglich ist, ist keine triviale Angelegenheit.

iGelegentlich erzählen Menschen von der Erfahrung eine Ansicht durch einen willentlichen Akt verändert zu haben. Das heißt aber nicht, dass sie außergewöhnlich große Willenskraft anwendeten, um Zweifel und negative Einstellungen zu überwinden, sondern dass die Ansicht schon bereit war, sich zu verändern. Wenn die Seinsweise, die einem bestimmten Glauben entspricht, ihre Zeit gehabt hat, ändert sich der Glaube oft schon mit einem kleinen Stupser.