Machen wir hier eine kurze Pause um zu fragen, wie neu denn die neue Geschichte eigentlich ist. Immerhin kennzeichnet unter anderem die Verherrlichung des Neuen und der Veränderung die alte Geschichte. Ständig wird das Alte für etwas Neues und Besseres, für das aktuellste technische Wunderding in einer endlosen Geschichte des Fortschritts aufgegeben, und die alten Beziehungen, das Wissen und die Traditionen werden entwertet. Die Fixiertheit auf das Neue kann auch zu einem Eskapismus führen, wenn man die bestehenden Probleme als irrelevant abtut, weil wir sie vermeintlich sowieso hinter uns lassen, sobald wir in die “neue” Welt eintreten. Manche sehen in der Technik unsere Rettung und hoffen, dass uns noch mehr Neues vor den desaströsen, unerwarteten Folgen des einstmals Neuen retten werde; zum Beispiel, dass die Nanotechnologie die Klimafolgen der fossilen Technologie rückgängig machen wird. Dieser Traum ist nicht neu. Also würde ich diesen Vorwurf gern vorwegnehmen und klarstellen, dass die neue Geschichte nur neu ist in Bezug auf das, was wir in der modernen “zivilisierten” Gesellschaft gewohnt sind.

Viele Leser werden erkennen, dass die Geschichte des Interbeing die Weltsicht verschiedener indigener Stämme und alter Weisheitstraditionen auf der ganzen Welt widerspiegelt. Keines der in diesem Buch formulierten Prinzipien ist in diesem Sinne neu. Aber ich hüte mich ganz bewusst davor, mich auf “indigene Weisheiten” zu berufen, erst einmal, weil ich damit eine Gleichförmigkeit quer über alle indigenen Weltanschauungen suggerierte, wodurch ihre Vielfalt unterbewertet bliebe; zweitens, weil verschiedene Bestandteile indigener Spiritualität oft aus ihrem Kontext gerissen und als Verkaufsargumente für alle Arten zweifelhafter Produkte und Ideen verwendet wurden; drittens, weil eine scharfe Unterscheidung zwischen den Zivilisierten und den Indigenen unser gemeinsames Menschsein verschleiert und eine Art von umgekehrtem Rassismus darstellt, der jene zwar oberflächlich wertschätzt aber letztendlich erniedrigt, die man als Indigene etikettiert hat.

Außerdem ist das Verständnis des Interbeing nicht einmal innerhalb der westlichen Zivilisation neu. Es stellt so etwas wie ein rezessives Gen in unserer Kultur dar, nie dominant, meist inaktiv, aber gelegentlich, in den goldenen Zeitaltern der Menschheit kommt es zu einer herrlichen, wenngleich immer nur partiellen, Expression. Trotzdem nenne ich sie eine neue Geschichte: weil sie nie zuvor Grundlage für eine ganze Zivilisation war. Sie steht in frischem Kontrast zu der Welt, die wir gewohnt sind, zur Separation, die im Geld, in der Schule, in der Religion, der Politik und allen anderen Erscheinungsformen des modernen Lebens verkörpert ist.

Ein allgemeines Interesse an indigener Spiritualität kann als die äußerste Form von Kulturmord kritisiert werden, wodurch die Geschichten, Rituale und heiligen Glaubensvorstellungen einer Kultur vereinnahmt und entwürdigt werden. Aber es erwächst auch aus einer allgemeinen Erkenntnis, dass die Indigenen ein wichtiges Wissen überliefern, das verloren ging, ein Wissen, für das wir im Westen endlich bereit sind, jetzt, wo unsere eigenen Rituale, Mythen und Institutionen zusammenbrechen.

Einstein sagte bekanntlich, dass unsere Probleme nicht mit der selben Denkweise gelöst werden können, durch die sie entstanden sind. Das ist wahr – aber wie können wir auf eine andere Weise denken? Wie können wir wirklich unterscheiden, was wahrhaft anders ist als das, von dem wir uns selbst vormachen, es wäre anders, das aber in Wahrheit nur alter Wein in neuen Schläuchen ist? Ohne das Einfließen neuer Denk- und Seinsweisen, die nicht Teil unserer alten Geschichte sind, werden wir uns in ihr immer wieder verlieren beim Versuch, die gleichen alten Komponenten immer wieder neu zusammenzusetzen. Zum Glück haben wir auf unserem Weg in die Separation drei Samen der Wiedervereinigung eingeschmuggelt, drei Kanäle auf denen Weisheiten von einst und aus künftigen Zeiten einfließen können. Vielleicht sind es auch mehr als drei! Aber so erzähle ich die Geschichte:

Die drei Samen

Vor langer Zeit machte sich der Stamm der Menschheit auf eine lange Reise an einen Ort, genannt Separation. Sie war kein Fehler, wie manche vielleicht denken, wenn sie ihre Spur der Verwüstung auf dem Planeten sehen; sie war auch kein Niedergang und ebensowenig Ausdruck eines besonders der menschlichen Spezies angeborenen Bösen. Es war eine Reise mit einem Ziel: die Extreme der Separation zu erfahren, die Fähigkeiten zu entwickeln, die in der Reaktion darauf entstehen, und das alles in einem Zeitalter der Wiedervereinigung zu integrieren.

Aber wir wussten von Beginn an, dass in dieser Reise eine Gefahr lag: uns in der Separation zu verlieren und nie wieder zurückzukommen. Wir riskierten, uns von der Natur so stark zu entfremden, dass wir unsere eigene Lebensgrundlage zerstören; wir riskierten, voneinander so gründlich abgeschnitten zu werden, dass unsere armen Egos, nackt und zu Tode erschrocken, unfähig sein würden, sich wieder der Gemeinschaft alles Seienden anzuschließen. Mit anderen Worten, wir sahen die Krise vorher, vor der wir heute stehen.

Aus diesem Grund pflanzen wir vor tausenden von Jahren drei Samen, die zu keimen beginnen würden, wenn unser Weg in die Separation sein Äußerstes erreichen würde. Drei Samen, drei Überlieferungen von der Vergangenheit an die Zukunft, drei Wege, um die Wahrheit über die Welt, das Selbst und das Wissen, wie man Mensch ist, zu bewahren und zu überliefern.

Stellen Sie sich vor, Sie lebten vor dreißigtausend Jahren und hätten eine Vision von allem, was kommen würde: symbolische Sprache, das Benennen und Katalogisieren der Welt; die Landwirtschaft, die Zähmung des Wilden, die Herrschaft über die anderen Arten und das Land; die “Maschine”, die Beherrschung der Naturkräfte; das Vergessen, wie schön und perfekt die Welt ist; die Atomisierung der Gesellschaft; eine Welt, in der Menschen sich sogar fürchten, aus den Bächen und Flüssen zu trinken, in der wir unter Fremden leben und nicht einmal die Menschen nebenan kennen, in der wir mit einem Knopfdruck auf der ganzen Welt töten können, in der sich die Meere schwarz färben und die Luft unsere Lungen verbrennt, in der wir so gebrochen sind, dass wir es gar nicht mehr wagen uns zu erinnern, dass es so nicht sein sollte. Stellen Sie sich vor, Sie sahen das alles kommen. Wie würden Sie den Menschen in dreißigtausend Jahren helfen? Wie würden Sie Information, Wissen und Hilfe über eine so große Zeitkluft schicken? Vielleicht ist es wirklich so geschehen. So kommt es, dass wir die drei Samen haben.

Der erste der Samen sind die Weisheitstraditionen: Traditionen, die tausende Jahre zurück reichen, die essentielles Wissen bewahrten und beschützten. Vom Meister an den Schüler, überall auf der Welt, gaben verschiedene Weisheitstraditionen ihre Lehren im Geheimen weiter. Hüter der Weisheit, Sufis, Zen-Meister, Kabbalisten, taoistische Magier, christliche Mystiker, Hindu-Swamis, und viele anderen versteckten sich in jeder der Religionen und bewahrten das Wissen sicher für die Zeit, in der die Welt bereit sein würde, es sich wieder anzueignen. Diese Zeit ist jetzt, und sie haben ihre Aufgabe gut gemacht. Viele spirituellen Lehrer, selbst der Dalai Lama, sagen, dass die Zeit der Geheimnisse jetzt vorbei ist. Zu früh veröffentlicht wurde das Wissen vereinnahmt, missbraucht oder meist einfach ignoriert. Als wir noch nicht das Territorium der Separationdurchmessen hatten, als wir immer noch damit beschäftigt waren, unsere Eroberung der Natur voranzutreiben, als die Geschichte vom Aufstieg der Menschheit noch nicht abgeschlossen war, waren wir noch nicht bereit, von Wiedervereinigung, Verbundenheit, Interdependenz und Interbeing zu hören. Wir glaubten, die Antwort wäre mehr Kontrolle, mehr Technologie, mehr Logik, eine besser konzipierte Gesellschaft basierend auf rationaler Ethik, mehr Kontrolle über Materie, Natur, und die menschliche Natur. Aber jetzt versagen die alten Paradigmen, und das Bewusstsein der Menschheit hat einen Grad an Aufnahmefähigkeit erreicht, der es diesem Samen erlaubt, sich über die ganze Erde zu verbreiten. Er wurde ausgebracht und keimt allerorts in uns.

Der zweite Samen waren die heiligen Geschichten: Mythen, Legenden, Märchen, Folklore und die ewigen Themen, die immer wieder in verschiedener Gestalt überall in der Geschichte auftauchen. Sie waren immer bei uns, auf dass wir, so weit wir uns auch in das Labyrinth der Separation hineinwagten, immer einen Rettungsfaden zur Wahrheit hatten, so zart und verworren er auch war. Die Geschichten nähren diesen kleinen Erinnerungsfunken in uns, der unsere Herkunft und unser Ziel kennt. Die Altvordern, die wussten, dass die Wahrheit vereinnahmt und verzerrt werden würde, wenn sie unverschlüsselt bliebe, verstauten sie in den Geschichten. Hören oder lesen wir diese Geschichten, so beeinflussen sie uns auf einer unbewussten Ebene, selbst wenn wir die Symbolik nicht entschlüsseln können. Mythen und Märchen stellen eine sehr ausgeklügelte psychologische Taktik dar. Jede Generation von Geschichtenerzählern transportiert, ohne es zu beabsichtigen, die versteckte Weisheit, die sie selbst unbewusst über jene Geschichten erfuhren, die ihnen erzählt wurden.

Ohne direkt den Mustern von Separation und Aufstieg zu widersprechen, schmuggelten unsere Geschichten und Mythen ein ganz anderes Verständnis von Wirklichkeit ein. Unter dem Vorwand “es ist ja nur eine Geschichte,” überliefern sie eine emotionale, poetische und spirituelle Wahrheit, die der linearen Logik, dem Reduktionismus, Determinismus und der Objektivität widerspricht. Ich meine hier nicht moralistische Erzählungen. Von ihnen überbringen die meisten wenig Wahrheit. Um den zweiten Samen zu überliefern, müssen wir uns unseren Geschichten bescheiden hingeben und dürfen nicht versuchen, sie für unsere eigenen moralistischen Zwecke umzubiegen. Sie wurden von Wesen geschaffen, die viel weiser waren als unser modernes Selbst. Wenn Sie Geschichten erzählen oder überliefern, behandeln Sie ihre ursprüngliche Form respektvoll, und verändern Sie sie nicht, solange nicht wirklich eine poetische Aufwallung Sie dazu drängt. Achten Sie darauf, welche Kinderliteratur sich wie eine wahre Geschichte anfühlt. Der Großteil der modernen Kinderliteratur tut es nicht. Sie können eine wahre Geschichte an der Art und Weise erkennen, wie ihre Bilder im Kopf nachklingen. Sie prägt sich in die Psyche ein. Man bekommt das Gefühl, dass neben der Handlung noch etwas anderes übermittelt wurde, etwas Unsichtbares. Meist sind solche Geschichten reich an Symbolen, die oft sogar ihren Verfassern nicht bekannt sind. Ein Vergleich zwischen zwei Kinderbüchern aus dem 20. Jahrhundert illustriert, was ich meine: Vergleichen Sie eine Geschichte von den Berenstain Bears mit der Geschichte “Wie der Grinch Weihnachten gestohlen hat”. Nur letztere hat, was den Geist einer wahren Geschichte kennzeichnet, Bestand in der Psyche und ist reich an archetypischer Symbolik.

Der dritte Samen waren die indigenen Stämme, die Menschen, die sich entschlossen, an einem gewissen Punkt vom Weg in die Separation abzuzweigen. Stellen Sie sich vor, dass sich der Rat der Menschheit am Beginn der Reise versammelte, und sich einige Mitglieder freiwillig meldeten, um in weit abgelegenen Regionen auszuharren und auf die Separation zu verzichten. Das bedeutete, dass sie es ablehnten, eine feindliche, kontrollierende Beziehung zur Natur einzugehen, und dass sie sich damit auch dem Prozess verweigerten, der zur Entwicklung von Hochtechnologie führte. Das hieß aber weiters, dass sie sich den schrecklichsten Leiden aussetzten, wenn sie von Menschen entdeckt werden würden, die weit in die Separation vorgedrungen waren. Das war unvermeidlich.

Diese Menschen vom dritten Samen haben heute ihre Mission fast erfüllt. Ihre Mission war es, einfach so lange zu überleben, dass sie lebende Beispiele davon liefern konnten, was es heißt, Mensch zu sein. Jeder Stamm überbrachte ein anderes Teilstück – manchmal auch viele Teilstücke – dieses Wissens. Viele von ihnen zeigen uns, wie man das Land, die Tiere und die Pflanzen sieht und sich ihnen gegenüber verhält. Andere zeigen uns, wie man mit Träumen und der Welt des Unsichtbaren umgeht. Manche haben Methoden einer natürlichen Kindererziehung bewahrt, die nun durch Bücher wie The Continuum Concepti verbreitet werden. Manche zeigen uns, wie man ohne Worte kommuniziert – Stämme wie die Hadza und die Pirahã kommunizieren hauptsächlich in Form von Gesängen. Manche zeigen uns, wie man sich von der Vorstellung von einer linearen Zeit befreit. Alle von ihnen geben ein Beispiel für eine Seinsweise, die wir intuitiv wiedererkennen, und nach der wir uns sehnen. Sie rühren an eine Erinnerung in unseren Herzen und wecken unser Sehnen dorthin zurückzukehren.

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Bei einem Gespräch erzählte mir der Lakota Aloysius Weasel Bear, dass er einst seinen Großvater gefragt hatte: “Großpapa, der Weiße Mann zerstört alles, sollten wir ihn nicht aufhalten?” Sein Großvater antwortete darauf: “Nein, das ist nicht notwendig. Wir werden uns bereit halten. Er wird sich selbst überlisten.” Mit dieser Antwort berücksichtigte der Großvater zwei Dinge: Erstens, dass die Separation den Samen ihres eigenen Untergangs in sich trägt, und zweitens, dass sein Volk die Aufgabe hat, es selbst zu bleiben. Aber ich denke nicht, dass das eine gefühllose Haltung ist, mit der sie den Weißen Mann seiner wohlverdienten Strafe überlassen; es ist eine mitfühlende und helfende Haltung, die anerkennt, wie ungeheuer wichtig es ist, einfach die zu bleiben, die sie sind. Sie halten etwas am Leben, das der Planet und die Gemeinschaft aller Lebewesen brauchen.

Umgekehrt ist die Faszination unserer Kultur an allem Indigenen nicht nur die neueste Form von kulturellem Imperialismus und Ausbeutung. Schon wahr, das Endstadium der kulturellen Herrschaft wäre es, die Art der Indigenen in eine Marke, ein Marketing-Image zu verwandeln. Und sicher gibt es in meiner Kultur Leute, die, von der Gemeinschaft und einer echten Identität abgeschnitten, indigene Pseudo-Identitäten annehmen und sich ihrer Verbindungen zur indigenen Kultur, ihrer Spiritualität, ihren Menschen und so weiter brüsten. Aber trotzdem erkennen wir hinter all dem, dass die überlebenden Ureinwohner uns etwas Wichtiges beizubringen haben. Ihr Geschenk, ihr Samenkorn, das sie bis zur heutigen Zeit bewahrt haben, zieht uns an. Um diesen Samen entgegenzunehmen, ist es nicht notwendig an ihren Ritualen teilzunehmen, einen Tiernamen anzunehmen oder sich auf einen indigenen Vorfahren berufen zu können. Es genügt, demütig zu sehen, was sie bewahrt haben, auf dass die Erinnerung wieder erwachen kann. Bis vor Kurzem war uns diese Sichtweise unmöglich, borniert wie wir waren durch unseren Komplex von einer kulturellen Überlegenheit und unserer vermeintlich erfolgreichen Herrschaft über das Universum. Erst jetzt, wo die Konvergenz von ökologischen und sozialen Krisen offenbart, wie falsch wir gelegen sind, haben wir einen Blick dafür, wie es andere machen.

iauf Deutsch erschienen unter dem Titel “Auf der Suche nach dem verlorenen Glück: Gegen die Zerstörung unserer Glücksfähigkeit in der frühen Kindheit” von Jean Liedloff, C.H.Beck Verlag, Anm.d.Ü.