Die Arbeit auf der Ebene von Geschichten ist nicht nur der Schlüssel zur Erschaffung einer schöneren Welt, sie ist auch identisch mit dem, was schon immer spirituelle Praxis genannt wurde. Natürlich ist sie das: Am Grund unserer Geschichte von der Welt liegt eine Geschichte vom Selbst, mit ihrer Illusion der Getrenntheit von den anderen Menschen, von der Natur, von Gaia und von allem, was man Gott nennen könnte.

In “Ökonomie der Verbundenheit” äußerte ich meine Zweifel daran, dass man überhaupt ein einheitliches spirituelles Ziel, genannt Erleuchtung, verfolgen sollte; ja ich stellte sogar in Frage, dass es so etwas als ein einzelnes Ziel überhaupt gibt. Zu groß sind die Parallelen zum Geld, dem einen Ding, von dem angeblich alle anderen Wohltaten ausgehen. In einer Gesellschaft, in der, wie es beworben wird, Geld jedes Bedürfnis erfüllen kann, wird Geld nicht nur zu einem universellen Mittel, sondern auch zu einem universellen Ziel. Selbstverständlich erkennt man, wenn man es zu finanziellem Wohlstand gebracht hat, dass damit in Wahrheit nicht jedes Bedürfnis erfüllt werden kann; zum Beispiel nicht das Bedürfnis nach Intimität, Verbundenheit, Liebe oder Sinn. Ob wir finanziell reich sind oder nicht, wir alle wissen das im Grunde. Aber trotzdem hinterfragen wir nicht die Sinnhaftigkeit der Vorstellung, dass man nur eine einzige Sache haben muss, um alle anderen Dingen haben zu können, sondern wir verlagern statt dessen nur diese eine Sache und streben statt Geld etwas anderes an. Dem Dogma der Getrenntheit von Geist und Materie verpflichtet halten wir diese andere Sache im Gegensatz zum Geld für etwas “Spirituelles”. Manche nennen sie Gott, andere Erleuchtung, aber wir folgen noch immer dem gleichen Muster wie beim Geld: Es geht um ein einheitliches Ziel – das wichtigste, das es gibt – für das man unendlich viele Opfer bringen muss.

Das soll keineswegs heißen, es gäbe Erleuchtung oder Gott nicht. Aber vielleicht lassen wir, wenn wir die Kategorie “Gott” machen, gerade all das aus, was eigentlich auch Teil von Gott ist. Und vielleicht missachten wir in unserem Streben nach Erleuchtung unweigerlich genau die Dinge, die eigentlich für unsere Erleuchtung notwendig sind. Hier sehen wir wieder, wie gefährlich es sein kann, sich in einer Geschichte zu verlieren.

Vielleicht ist das, was geschieht, vielschichtiger als ein Aufstieg entlang einer linearen Entwicklungsachse von Bewusstsein in Richtung Erleuchtung, wie es die meiste New Age Metaphysik zu lehren scheint. Nicht ohne Grund ist die Vorstellung von einer Bewusstseinsentwicklung so verlockend. Aus groben Schemata wie “dem Übergang von der dritten in die fünfte Dimension” bis hin zu anspruchsvollen Schemata wie Spiral Dynamicsi erhellen verschiedene Karten der Bewusstseinsentwicklung ein reales Phänomen. Wir entwickeln uns ja tatsächlich. Allein, es ist nicht nur eine lineare Entwicklung. Wir betreten ein weites, unbekanntes Gelände, und jeder von uns erforscht einen anderen Teil davon.

Wenn ich schon dabei bin, möchte ich auch die Frage stellen, ob “Bewusstsein” ein einheitliches Phänomen ist, etwas, das ohne Verzerrung auf den Begriff gebracht werden kann. Ich denke, wenn wir es versuchen, begeben wir uns auf gefährliches Terrain, wo “manche Menschen bewusster als andere” sind. Die schädlichen Folgen von solchem elitären Denken sind nur zu offensichtlich. Oder, wenn alle Menschen gleichermaßen bewusst sind, dann wird es zu: “die Menschen haben es, aber die Tiere nicht,” und schon können wir Tierfabriken rechtfertigen. Oder, wenn auch die Tiere Bewusstsein haben, dann wird es zu: “Tiere mit einem Zentralnervensystem haben es aber Pflanzen nicht,” und schon spricht nichts gegen den Anbau von Monokulturen und die Behandlung von Bäumen als Dinge. Oder wenn Pflanzen auch Bewusstsein haben, was ist dann mit dem Wasser und den Bergen? Genug davon. Was, wenn “Bewusstsein” eine Bezeichnung ist, die wir vielen Dingen geben? Was, wenn unser Benennen, wie bei Gott oder der Erleuchtung, immer einen Teil auslässt – genau den Teil, den wir am dringendsten sehen sollten? Lao-tzu sagte: “Ein Name, der genannt werden kann, ist nicht der wahre Name.”

Obwohl die früheren Menschen viel mehr im Bewusstsein des Interbeing lebten als wir heute, könnten wir trotzdem sagen, dass die Menschheit von der Krise der alten Geschichte vorwärtsgetrieben neues Territorium betritt. Jeder von uns ist in mancher Hinsicht bewusst und in anderen Dingen blind. Wenn wir meinen, jemand “kapiert es nicht,” sehen wir vielleicht die Mängel dieser Person und übersehen unsere eigenen; desgleichen können andere uns anschauen und posaunen, dass wir es ebenso wenig kapieren. Der Mensch, der es nicht kapiert – das sind Sie. Wie Wayne Dyer sagt: “If you spot it, you’ve got it.ii” Wie könnte es anders sein in einer Welt des Interbeing, in der jedes in allem und alles in jedem ist?

Es gibt nicht zwei Arten von Menschen auf der Welt, die einen, die es kapieren und die anderen, die es nicht kapieren; die, die in die fünfte Dimension aufsteigen, und jene, die in der dritten steckengeblieben sind; die, die zu Gottes Auserwählten gehören, und jene, die dazu verdammt sind, in der Hölle zu schmoren. Wie oft fühlten Sie sich wie eine Fremde in einer Welt von Menschen, die es nicht kapieren und denen alles egal ist? Die Ironie dabei: Tief drinnen fühlt sich praktisch jeder so. Wenn wir jung sind, ist unser Gefühl eine Mission zu haben und unsere Vorstellung von einem herrlichen Ursprung und einer glanzvollen Bestimmung stark. Jede Karriere oder jeder Lebensweg, bei dem dieses Wissen betrogen wird, ist schmerzhaft und kann nur durch einen inneren Kampf aufrechterhalten werden, der einen Teil des eigenen Seins stilllegt. Eine Zeit lang können wir uns durch verschiedene Süchte oder triviale Vergnügungen am Funktionieren halten, von der Lebenskraft zehren und den Schmerz unterdrücken. In früheren Zeiten haben wir den Sinn, eine Mission und eine Bestimmung zu haben, vielleicht sogar ein Leben lang unterdrückt und nannten diesen Zustand Reife. Das soll nicht mehr sein. Die Geschichte von der Welt, mit der wir dieses Gefühl unterdrückt hielten, stirbt ab. Die Institutionen, die zusammenwirkten, um uns abhängig zu halten, brechen zusammen. Jeder auf seine und jede auf ihre eigene Weise beginnen wir, es durch eine je eigene Permutation von Krisen und wundersamen Erlebnissen, durch das Ausgeschlossenwerden und durch Einladungen zu kapieren.

Ich habe so geschrieben, als wäre der Übergang von der alten in die neue Geschichte ein einmaliger alles-oder-nichts Vorgang, aber in Wirklichkeit ist es komplizierter. Man kann zugleich manche Aspekte der alten und manche der neuen leben, und auf jedem dieser Gebiete wieder Erfahrungen von Krise, Zusammenbruch, von der Zeit im Raum dazwischen und vom Hineingeborenwerden in eine neue Geschichte machen.

Ein Neugeborenes ist schwach und abhängig, nur fähig auf der Welt zu bleiben, wenn es von denen, die in ihr schon gefestigt sind, genährt wird. So ist es auch, wenn wir in eine neue Dimension der Geschichte vom Interbeing hineingeboren werden. Um dort bleiben zu können, brauchen wir die Hilfe von Menschen, die schon in ihr leben und ihre Gepflogenheiten gemeistert haben. Erleuchtung ist ein Gruppenprojekt.

Heute geschieht der Durchbruch des Bewusstseins in die Geschichte des Interbeing zum ersten Mal auf einer so massenhaften Ebene, dass die alten Lehren über spirituelle Praxis, die Gurus und Meister überflüssig werden. Das Zeitalter der Gurus ist vorbei – nicht weil wir keine Hilfe von außen bräuchten, um in einer neuen Geschichte heimisch zu werden, sondern weil der Übergang bei so vielen Menschen auf so vielen verschiedenen Wegen geschieht, dass kein Mensch ganz allein die traditionelle Funktion als Guru erfüllen kann. Die, die im späten 20. Jahrhundert versuchten diese Rolle zu spielen, nahmen, wenn sie nicht das Glück hatten zu sterben oder den Anstand, sich rechtzeitig vom Guruisieren zurückzuziehen, verwickelt in Geld-, Sex- und Machtskandale ein unrühmliches Ende. Aber nicht, weil sie Scharlatane gewesen wären – die meisten waren, da bin ich sicher, Menschen mit profunden Einsichten, mystischen Erfahrungen und tiefer Praxis. Aber der Bewusstseinspegel war so angestiegen, dass er aus vielen neuen Quellen sprudelte, und niemand imstande war diese Energie zu halten.

Sicher, es gibt heute immer noch viele weise und integre Lehrer, sowohl innerhalb als auch außerhalb der traditionellen Erblinien, die viel zu bieten haben. Ich habe einige von ihnen getroffen, Menschen, viel weiser als ich, aber jede und jeder, so schien es, brauchte selbst Lehrer; und viele von denen, die ich am meisten bewundere, geben das auch offen zu. Wir können uns also durchaus nicht nur auf den inneren Guru verlassen, wie uns manche New Age Lehren glauben machen. Der Guru kann sich mittlerweile nicht mehr in etwas so Kleinem wie einem einzelnen Menschen inkarnieren, daher nimmt er die Gestalt einer Gruppe an. Thich Nhat Hanh sagt: Der nächste Buddha wird ein Sangha sein. Matthew Fox sagt: Die zweite Ankunft von Christus wird das Erscheinen von Christi Bewusstsein in jedem sein. Vielleicht könnte man es so formulieren: Die jahrtausendelange Arbeit von Heiligen, Weisen, Mystikern und Gurus nähert sich ihrer Erfüllung – sie haben sich selbst beinahe überflüssig gemacht.

iFür diejenigen aus der Integralen Community, hier ist etwas zm Nachdenken: Die Nützlichkeit der Spiral Dynamics Karte hat ein Limit, weil sie selbst ein Ausdruck des Gelben Bewusstseins ist. Sie passt daher nicht, um etwas über die Ebenen jenseits der Gelben auszusagen; bestenfalls kann sie sie in den Vorstellungsapparat des Gelben Bewusstseins übersetzen und darauf reduzieren. Bisher gab es damit keine Probleme, weil sich noch nichts Wesentliches über Gelb hinaus herauskristallisiert hat.

ii”Wenn du es siehst, hast du es auch.”