Es ist allerdings meist nicht ein reiner Willensakt, durch den wir in die Geschichte des Interbeing übergehen. Es ist ein langer Prozess, in dem die Verletzungen der Separation heilen, ihre Gewohnheiten sich verändern, und man unerwartete Sphären der Wiedervereinigung entdeckt. Manchmal plötzlich, dann wieder allmählich, einmal durch harte Arbeit, und ein andermal durch Gnade, manchmal wie eine Geburt und manchmal wie ein Tod, manchmal schmerzhaft, dann wieder strahlend ist es ein umfassender Prozess der Metamorphose. Dies müssen wir uns vor Augen halten, wenn wir als Agenten des Wandels an den Geschichten anderer Menschen und der Gesellschaft allgemein arbeiten.

Die Frage “In welcher Geschichte soll ich leben?” führt uns zu einem scheinbaren Paradox. Teil der “neuen Geschichte” ist eine Art Meta-Bewusstsein von Geschichte an sich. Versuchen wir uns auf eine neue Geschichte einzulassen, oder versuchen wir überhaupt außerhalb von Geschichten zu stehen? Vertreter der Postmoderne würden sagen, es sei unmöglich jemals außerhalb von Geschichten zu stehen; wie Derrida es formuliert: “Es gibt kein Außerhalb des Textes”. Sie würden sagen, dass es keine Wahrheit oder Realität außerhalb unserer sozialen Konstruktionen gibt. Ich stimme dieser Position nicht zu, aber ich denke, dass sie in ihrem historischen Moment ein heilsames Gegengift für die Behauptungen des Szientismus und Rationalismus darstellte, die den Anschein erweckten, einen Königsweg zur Wahrheit bereitzustellen. Wir Menschen sind bedeutungserzeugende Wesen, Kartenzeichner, die eine Karte gegen die nächste austauschen und in ihr herumwandern, als wäre es keine Karte sondern das Gelände. Die Postmoderne befreite uns aus dieser Falle, indem sie in Frage stellte, dass es überhaupt ein Gelände gibt. Fürwahr eine diffizile Frage in Anbetracht dessen, dass selbst die Worte “es gibt” mit kartesianischen Annahmen über die Natur der Realität überfrachtet sind; mit anderen Worten, sie sind selbst Teil der Landkarte.

Das bedeutet allerdings nicht, es gäbe kein Gelände jenseits der Karte. Es bedeutet nur, dass wir mit dem begrifflichen Denken nicht dorthin gelangen. Dass die Welt durch Geschichten entsteht, ist selbst eine Geschichte. Jede Karte ist die Karte einer anderen Karte, Schicht für Schicht. Wir dekonstruieren eine nach der anderen und verstehen immer besser, wie sie entstanden sind, und welchen Mächten sie dienen, aber wie viele Schichten auch immer wir abtragen, wir gelangen auf diesem Weg nie zum Gelände. Das heißt aber nicht, dass es nicht existiert. Es kann nur auf diese Weise nicht gefunden werden, so wie man die Unendlichkeit nicht durch Zählen erreicht, oder wie Utopia nicht durch die Perfektionierung irgendeiner weiteren Technologie erschaffen werden kann, oder man nicht in den Himmel kommt, indem man einen himmelhohen Turm baut. Und genauso liegt auch die Wahrheit außerhalb des Fortschreitens von einer Geschichte zur nächsten. Das bedeutet nicht, dass sie weit weg ist; sie ist ganz nah, näher als nah. Der Himmel beginnt, wo der Boden endet; wir müssen mit anderen Augen schauen um zu erkennen, dass wir schon dort sind. Utopia ist nur eine kollektive Wahrnehmungsveränderung weit entfernt. Die Fülle ist überall rund um uns. Gerade unser verbissenes Bauen am Turm ist es, das uns dafür blind macht; es ist unser immer in den Himmel gerichteter Blick, unser ewiges Streben dieser Erde, diesem Gefühl, diesem Moment zu entkommen.

Während zwar die neue Geschichte von einem Ort jenseits und zwischen den Geschichten spricht, führt sie uns aber nicht an diesen Ort. Es ist ein Ort, an den wir öfter zurückkommen müssen, als wir es bisher getan haben, um unsere Geschichten in der Wahrheit zu verankern. Solange wir Menschen sind, werden wir immer Geschichten erfinden und inszenieren. Wir werden uns darauf einigen, was die Dinge bedeuten, werden diese Übereinkünfte über Symbole vermitteln, und wir werden sie in Narrative einbetten. So koordinieren wir die menschlichen Aktivitäten hin zu einer gemeinsamen Vision.

Die neue Geschichte gibt uns den Raum, uns wieder mit dem zu verbinden, das vor der Geschichte liegt, Kraft zu beziehen aus der Leere, die vor der Bedeutung liegt, in der die Dinge einfach nur sind. Eine Geschichte kann Wahrheit vermitteln, aber sie selbst ist nicht die Wahrheit. Das Tao, von dem man sprechen kann, ist nicht das wirkliche Tao. “Wahrheit,” schrieb Ursula K. Le Guin, “geht in den Geschichten ein und aus, wissen Sie. Was einst wahr war, ist es nicht mehr. Das Wasser ist aus einer anderen Quelle gestiegen.” Manchmal können wir diese Wahrheit erkennen, aber nicht, wie es die wissenschaftliche Methodik vorschreibt, indem wir überprüfen, wie gut diese Geschichte mit experimentellen Ergebnissen übereinstimmt. Dieser Anspruch bezieht sich selbst wieder auf eine Geschichte von der Welt namens Objektivität und ist immer das Ergebnis unbewusster Entscheidungen (Welche Fragen zu stellen ist wichtig? Welche Theorie überprüfen wir? Auf welche autoritären Strukturen beziehen wir uns, um Ergebnisse zu legitimieren?). Und diese Entscheidungen stehen ihrerseits für eine Geschichte.

Wo finden wir dann aber die Wahrheit? Wir finden sie im Körper, in den Wäldern, im Wasser, im Boden. Wir finden sie in der Musik, im Tanz und manchmal in der Poesie. Wir finden sie im Gesicht eines Kleinkindes und im Gesicht hinter der Maske eines Erwachsenen. Wir finden sie in den Augen der anderen, wenn wir hinschauen. Wir finden sie in einer Umarmung, die, wenn wir in sie hineinspüren, von Wesen zu Wesen ein unglaublich intimer Akt ist. Wir finden sie im Gelächter und in Schluchzern, wir finden sie in der Stimme hinter dem gesprochenen Wort. Wir finden sie in Märchen und Mythen und unseren eigenen Erzählungen, selbst wenn sie erfunden sind. Eine Geschichte auszuschmücken kann sie zu einem Medium der Wahrheit machen. Wir finden die Wahrheit in der Stille und Ruhe. Wir finden sie im Schmerz und im Verlust. Wir finden sie in der Geburt und im Tod.

Meine christlichen Leser werden sagen, wir finden sie in der Bibel. Ja – aber nicht in ihrem wörtlichen Sinn. Die Wahrheit schimmert durch die Worte. Für sich selbst genommen sind sie nicht wahrer als andere Worte und können (und wurden es auch) für alle möglichen Gräuel in Dienst genommen werden. Im Taoismus spricht man vom “Hindernis der Schriften”: wenn wir in die Falle tappen, die Wahrheit in den Worten selbst zu suchen statt durch die Worte hindurch an den Punkt vorzudringen, von dem aus sie entstanden.

Während wir also immer in einer Geschichte leben werden, ist es folglich notwendig, dass wir unsere Geschichten häufig in der Wahrheit verankern. Eine Geschichte in der Wahrheit zu verankern verhindert, dass wir uns zu tief in ihr verlieren bis an einen Punkt, an dem, wie heute etwa, lebendig verbrennende Kinder “Kollateralschäden”, und unsere Lebensgrundlagen “Ressourcen” sind. Solche Wahngebilde können durch Augenblicke der Wahrheit entkräftet werden. Vielleicht achtet deswegen, wie mir ein bhutanesischer Mönch erzählte, den ich traf, der König von Bhutan darauf, seine meiste Zeit in den ländlichen Dörfern zu verbringen. “Wenn ich zu viel in der Hauptstadt bin,” sagt er, “kann ich keine weisen Entscheidungen treffen.” Umgeben von den Artefakten der Separation ist es wahrscheinlich, dass wir die Geschichte verinnerlichen, deren Teil sie sind. Dann leben wir unbewusst nach dieser Geschichte.

Die Stille, die Ruhe, der Boden, das Wasser, der Körper, die Augen, die Stimme, das Lied, Geburt, Tod, Schmerz, Verlust. Beobachten Sie, was all diesen Erfahrungen, durch die wir die Wahrheit finden können, gemeinsam ist: In allen von ihnen findet in Wirklichkeit die Wahrheit uns. Sie kommt als Geschenk. Darin haben sowohl die wissenschaftliche Methodik als auch die religiösen Lehren recht, wenn sie davon ausgehen, dass es eine absolute Wahrheit jenseits dessen, was Menschen schaffen können, gibt: Beide führen sie zur Demut. Genau diese Haltung von Demut ist es, mit der wir die Wahrheit finden, in der wir unsere Geschichten verankern können.

Der Umstand, dass es notwendig ist, zur Wahrheit jenseits der Geschichten vorzudringen, in der die Geschichten verankert sind, bedeutet, dass schlaue Typen in ihren Stuben nur begrenzt etwas tun können, um eine schönere Welt zu erschaffen. (Bin ich etwa einer von denen? Schenken Sie dem Mann hinter dem Vorhang bloß keine Aufmerksamkeit!) Viel wichtiger sind jene, die uns Erfahrungen der Wahrheit (der Sinne, des Bodens, des Körpers, der Stimme und so weiter) ermöglichen – daher ist all das politisch und ökologisch so wichtig, für das wir Aktivisten in unserer Hektik die Welt zu retten keine Zeit haben.

Die Wahrheit liegt jenseits unserer Entwürfe. Weil sie als ein Geschenk kommt, muss uns etwas passieren, das uns initiiert, damit wir in unsere volle Kraft als Agenten des Wandels kommen. Unsere Leistungen als Heiler und Agenten des Wandels entwickeln sich, wenn wir auf einer persönlichen Ebene Verlust, Zusammenbruch und Schmerz erleben. Wenn sich das eigene persönliche Unterkapitel der Geschichte von der Separation auflöst, kann man diese Geschichte zum ersten Mal als das sehen, was sie ist.

Immer wenn das passiert (und es kann so oft passieren, wie es Variationen über das Thema der Separation gibt), betreten wir diesen heiligen Raum, den Raum zwischen den Geschichten. Wir mögen denken, dass wir diesen Raum absichtlich betreten können, ohne Verlust oder Zusammenbruch, vielleicht durch Gebet, Meditation oder Abgeschiedenheit in der Natur. Vielleicht, aber was hat Sie zu einer solchen Praktik geführt? Wenn Sie nicht mit ihr aufgewachsen sind, ist wahrscheinlich irgendetwas passiert, das Sie aus der normalen Welt, in der die Leute so etwas gewöhnlich nicht tun, herausgeschleudert hat.

Im Übrigen ist eine der Funktionsweisen spiritueller Praxis, dass sie zur Enthüllung der alten Ansichten und des alten Selbstbildes führt – der Geschichte vom Selbst und von der Welt. Diese Enthüllung ist eine Art Zusammenbruch, ein Verlust, sogar eine Art von Tod. Ob nun der Auslöser für die Reise in den Raum zwischen den Geschichten eine Praktik, eine Scheidung, eine Krankheit oder eine Nahtoderfahrung ist, wir sind alle auf der gleichen Reise.

So wie unsere Zivilisation als Ganzes gerade an einem Übergang zwischen den Geschichten steht, gilt das auch für viele von uns für sich. Wenn wir auf die verschiedenen Geschichten schauen, die wir uns selbst über das Leben erzählen, werden bestimmte Muster sichtbar, und man kann in diesen Mustern zwei (möglicherweise auch mehr) vorherrschende Themen unterscheiden. Eines könnte “die alte Geschichte” vom eigenen Leben sein, und das andere die “neue Geschichte”. Die erste ist oft von verschiedenen Verletzungen begleitet, in die man hineingeboren wird, oder mit denen man als Mitglied dieser Kultur aufgewachsen ist. Die zweite Geschichte repräsentiert das, wohin man geht, und sie geht einher mit der Heilung dieser Verletzungen.

Hier ist eine Methode, genannt “Was ist wahr?”, die darauf ausgelegt ist, erstens die ständig anwesenden Geschichten, die in uns unsichtbar lauern, in unser Aufmerksamkeitsfeld zu bringen, um ihnen so die Macht zu nehmen, und zweitens führt das Mantra “Was ist wahr?” den Geschichtenträger in den Raum zwischen den Geschichten, den Raum, in dem die Wahrheit zugänglich ist. Die Methode entstand während einer Klausur 2010, die ich gemeinsam mit dem wunderbaren sozialen Erfinder Bill Kauth leitete, und sie hat sich seither beachtlich weiterentwickelt. Ich werde hier eine ziemlich originalgetreue Version davon präsentieren, die die Leserin für ihre eigene Lernerfahrung und Praxis adaptieren kann.

Zuerst sucht sich jede eine Situation oder Entscheidung aus, vor der sie gerade steht, einen Zweifel, eine Unsicherheit – etwas, von dem man “nicht weiß, wie man darüber denken soll” oder “nicht weiß, wie man sich entscheiden soll.” Auf einem Blatt Papier beschreibt man nun die nüchternen Tatsachen der Situation, und dann schreibt man zwei verschiedene Interpretationen davon auf, genannt “Geschichte Nr.1” und “Geschichte Nr.2”. Diese Geschichten beschreiben, was die Situation bedeutet, beleuchten die “Was-wäre-Wenns” rundherum, und zeigen auf, was sie über die beteiligten Menschen aussagt.

Hier ein Beispiel von mir selbst. Als ich die erste Fassung von “Die Renaissance der Menschheit” fertig geschrieben hatte, begann ich mich nach einem Verleger umzusehen. Verliebt in die Schönheit und Tiefe dieses Buches, an dem ich so viele Jahre lang geschrieben hatte, schickte ich das Manuskript mit hohen Erwartungen an verschiedene Verlagshäuser und Agenten. Sie erraten sicher, was passiert ist. Nicht ein einziger Verlag zeigte auch nur das geringste Interesse. Kein Agent wollte es annehmen. Wie könnte sich irgendjemand nicht von (wie ich es sah) der Tiefe der Aussagen des Buches und der Schönheit seiner Exzerpte verführen lassen? Nun, ich hatte zwei Erklärungen, von denen mir einmal die eine, dann wieder die andere plausibler erschien.

Die Geschichte Nr.1 ging so: “Sieh es ein, Charles, der Grund warum sie das Buch abgewiesen haben, ist einfach der, dass es nicht besonders gut ist. Wer glaubst du zu sein, dass du dich an so einer ambitionierten meta-historischen Erzählung versuchst? Du hast in keinem der Themenfelder, über die du schreibst, einen Doktortitel. Du bist ein Amateur, ein Dilettant. Der Grund, warum deine Einsichten nicht in den Büchern stehen, die du liest, ist, dass sie für jeden zu trivial und kindisch sind; keiner würde sich die Mühe machen sie zu publizieren. Vielleicht solltest du zurück in die Schule gehen und tun was Dir als Lehrer zusteht, damit Du eines Tages vielleicht einen bescheidenen Beitrag zu der Zivilisation leisten kannst, die du in deiner rebellischen Überheblichkeit so bequem in Bausch und Bogen verurteilst. Nicht unsere Gesellschaft ist vollkommen falsch, sondern du bringst es einfach nicht.”

Und das hier war die Geschichte Nr.2: “Der Grund, warum sie das Buch abweisen, ist, dass es so originell und einzigartig ist, dass sie keine Kategorie haben, in die sie es einordnen können – sie haben nicht einmal den Blick dafür, das zu erkennen. Man kann erwarten, dass ein Buch, das die Ideologie, die unsere Zivilisation definiert, so tiefgreifend in Frage stellt, von den Institutionen zurückgewiesen wird, die auf dieser Ideologie beruhen. Nur ein Generalist, der von außerhalb der etablierten Disziplinen kommt, kann solch ein Buch schreiben; weil du keinen legitimen Platz in den Machtstrukturen unserer Gesellschaft hast, ist dieses Buch überhaupt möglich geworden, und zugleich ist es das, was eine rasche Anerkennung so schwierig macht.”

Es gibt mehrere Aspekte in diesen Geschichten, die es wert sind, erwähnt zu werden. Erstens kann man zwischen ihnen nicht aufgrund von Vernunft oder Beweisen unterscheiden. Beide passen zu den Fakten. Zweitens ist es ziemlich offensichtlich, dass keine Geschichte ein emotional neutrales intellektuelles Konstrukt ist; jede ist nicht nur mit einem emotionalen Zustand verbunden, sondern auch mit einer Lebensgeschichte und einer Konstellation von Ansichten über die Welt. Drittens führt jede Geschichte ganz natürlich zu einem anderen Handlungsverlauf. Das kann man erwarten: Geschichten enthalten Rollen, und die Geschichten, die wir uns selbst über unser Leben erzählen, bestimmen die Rollen, die wir selbst spielen.

Wenn jeder eine Situation und zwei Geschichten darüber aufgeschrieben hat, werden Paare gebildet. In jedem Paar gibt es eine Sprecherin und einen Fragesteller. Die Sprecherin beschreibt, was sie geschrieben hat, idealerweise sollte das nur eine oder zwei Minuten dauern. Es braucht nur so lange, um die Essenz der meisten Geschichten zu übermitteln.

Der Zuhörer, der der Sprecherin gegenübersitzt, fragt dann: “Was ist wahr?” Die Sprecherin antwortet, in dem sie ausspricht, was immer sich in der Gegenwart eines aufmerksamen Zuhörers wahr anfühlt. Sie könnte vielleicht sagen: “Die Geschichte Nr.1 ist wahr” oder “Die Geschichte Nr.2 ist wahr”, oder sie sagt vielleicht: “Eigentlich denke ich, dass diese dritte Sache wahr ist, nämlich…” oder “Wahr ist, dass ich mir wünsche, ich könnte die Geschichte Nr.2 glauben, aber ich fürchte, dass die erste Geschichte wahr ist.”

Nach der Antwort fährt der Fragesteller fort: “Was ist noch wahr?” oder, wenn die Antwort eine weitere Geschichte war, dann vielleicht mit: “Ja, und was ist wahr?” Andere hilfreiche Fragen sind: “Wenn das wahr ist, was ist dann noch wahr?” und: “Was ist in diesem Augenblick wahr?” Eine andere Möglichkeit den Prozess zu gestalten, ist einfach die anfängliche Frage zu wiederholen: “Was ist wahr?” wieder und wieder.

Das ist ein subtiler, unvorhersehbarer und höchst intuitiver Prozess. Die Idee ist es, einen Raum zu eröffnen, in dem die Wahrheit erscheinen kann. Das kann gleich zu Beginn sein, oder es kann mehrere Minuten dauern. An einem Punkt werden die Sprecherin und der Zuhörer spüren, dass die Wahrheit, die herauskommen wollte, herausgekommen ist, und dann kann der Fragesteller sagen: “Bist du jetzt ganz fertig?” Die Sprecherin wird wahrscheinlich ja sagen, oder vielleicht sagt sie: “Es gibt da eigentlich noch etwas…”

Die Wahrheiten, die herauskommen, sind oft die echten Gefühle der Sprecherin über die Angelegenheit oder etwas, das sie jenseits aller Zweifel weiß. Wenn das herauskommt, macht sich ein Gefühl der Erleichterung bemerkbar, das manchmal von einem befreiten Seufzer begleitet wird. Damit es dazu kommt, kann es notwendig sein, dass die Sprecherin eine kleine Krise durchmachen muss, einen Versuch, die Wahrheit zu vermeiden, indem sie die Situation intellektualisiert. Die Aufgabe des Fragestellers ist es, diese Täuschung kurzzuschließen und wieder und wieder zurückzukommen auf das: “Was ist wahr?”. Wenn die verborgene Wahrheit herauskommt, ist sie meist sehr offensichtlich und oft, paradoxerweise, auch ein wenig überraschend, etwas “direkt vor meiner Nase, das ich nicht sehen konnte.”

Um eine bessere Vorstellung davon zu geben, was bei diesem Prozess herauskommen kann, hier einige Beispiele für Wahrheiten, die ich auftauchen gesehen habe:

  • “Wem mache ich noch etwas vor? Ich habe meine Entscheidung schon getroffen! All diese Rationalisierungen sind nur meine Art, um mir selbst die Erlaubnis zu geben.”

  • “Weißt du, die Wahrheit ist, dass es mir einfach egal ist. Ich habe mir selbst gesagt, es sollte mir etwas bedeuten, aber ehrlich gesagt: Das tut es nicht.”

  • “Die Wahrheit ist, ich habe einfach Angst, was die Leute denken werden.”

  • “Die Wahrheit ist, dass ich die Angst meine Ersparnisse zu verlieren als eine Schutzbehauptung verwende für das, wovor ich mich eigentlich gefürchtet habe: dass ich mein Leben verschwende.”

Wenn die Sprecherin weiter um die Wahrheit herumtanzt, kann der Fragesteller, wenn er es erkennt, ein Angebot machen in Richtung: “Ist es wahr, dass…”

Die Haupt-“Technik” bei diesem Prozess ist, was manche Menschen “einen Raum offen halten” nennen. Die Wahrheit kommt als ein Geschenk, sie tritt zwischen den Rissen in unseren Geschichten hervor. Sie ist nicht etwas, das wir uns ausdenken können; sie kommt eher trotz unserer Versuche uns etwas auszudenken. Sie ist eine Offenbarung. Einen Raum für sie offen zu halten kann eine Menge Geduld erfordern, selbst Stärke, wenn die Geschichten und die sie begleitenden Emotionen versuchen, uns in sie hineinzuziehen.

Wenn die Wahrheit einmal herausgekommen ist, gibt es nichts weiter zu tun. Der Prozess ist beendet, und nach einem Augenblick der Stille tauschen Sprecherin und Fragesteller die Rollen.

Manche Prozesse wie dieser verleiten den Sprecher dazu, eine Art Erklärung oder eine Verpflichtung zu formulieren basierend auf der Wahrheit, die er erkannt hat. Ich rate davon ab. Die Wahrheit übt ihre eigene Kraft aus. Wenn man solche Erkenntnisse gehabt hat, werden Handlungen, die einst undenkbar erschienen, zur Selbstverständlichkeit; vermeintlich hoffnungslos verfahrene Situationen werden kristallklar; beklommene interne Debatten verstummen von selbst, ohne einen Kampf, um sie loszuwerden. Die “Was ist wahr”- Methode bringt etwas Neues ins Feld der Wahrnehmung und daher in unser Selbst. Hinter “Was ist wahr?” lauert eigentlich noch eine andere Frage. Diese andere Frage ist: “Wer bin ich?”

Das gilt auch für Erlebnisse von Natur, Tod, Verlust, Stille und so weiter. Die Wahrheit, die sie bringen, verändert uns, lockert den Griff der Geschichte. Nichts muss getan werden, und trotzdem wird viel geschehen.

Mir ist aufgefallen, dass das Leben selbst eine Art “Was ist wahr?”-Dialog mit jedem von uns spielt. Erfahrungen brechen über die Geschichte, in der wir leben, herein, reißen uns aus der Geschichte, bringen uns zurück zur Wahrheit und laden uns ein, Teile von uns selbst wiederzuentdecken, die unsere Geschichte ausgelassen hat. Und das Leben ist gnadenlos in seiner Rolle als Fragesteller.

Was das Leben mit uns macht, können wir, die wir Teil des Lebens anderer sind, für sie tun, sowohl auf einer persönlichen Ebene als auch auf der Ebene von gesellschaftlichem, spirituellem und politischem Aktivismus. Auf einer persönlichen Ebene können wir die häufigen Aufforderungen ablehnen, an den Dramen teilzunehmen, die die Menschen inszenieren, und die eine Geschichte, in der es um Anschuldigung, Verurteilung, Verbitterung, Überlegenheit und Ähnliches geht, verstärken. Eine Freundin ruft an, um sich über ihren Ex zu beklagen. “Und dann hatte er auch noch die Nerven im Auto zu sitzen und zu warten, dass ich ihm nachlaufe, um ihm seine Brieftasche nachzutragen.” Es ist vorgesehen, dass Sie die Entrüstung der Freundin teilen und die Geschichte bekräftigen: “Ist er nicht unmöglich, und bist du nicht gut?” Statt dessen könnten Sie: “Was ist wahr?” (in verdeckter Form) spielen, vielleicht einfach, indem Sie diesen Eindruck benennen und ihm Aufmerksamkeit widmen. Es kann sein, dass sich ihre Freundin über Sie ärgert, weil Sie sich weigern, in ihre Geschichte einzusteigen; manchmal wird das als ein Verrat gesehen – wie jede Weigerung zu hassen einer ist. Sie werden vielleicht sogar die Erfahrung machen, dass sie, indem Sie die alte Geschichte zurücklassen, auch ihre Freunde zurücklassen, die gemeinsam mit Ihnen in ihr lebten. Das ist ein weiterer Grund für die Einsamkeit, die ein Charakteristikum für den Raum zwischen den Geschichten ist.

Die Reise hinaus aus der alten Normalität in eine neue war für viele von uns eine einsame Reise. Innere und äußere Stimmen sagten uns, dass wir verrückt wären, verantwortungslos, unvernünftig, naiv. Wir waren wie Schwimmer, die sich durch bewegte See kämpfen und nur gelegentlich einen verzweifelten Atemzug erringen, gerade genug, um weiter zu schwimmen. Die Luft ist die Wahrheit. Jetzt sind wir nicht mehr allein. Wir haben einander um einander zu stützen. Ich entkam den Selbstzweifeln rund um mein Buch gewiss nicht vermöge einer heroischen persönlichen Anstrengung, meines Mutes, oder meiner Standhaftigkeit. Ich lebe, so weit ich es tue, in einer neuen Geschichte dank der entscheidenden Hilfe in Schlüsselmomenten. Meine Freunde und Verbündeten halten mich dort, wenn ich schwach bin, so wie ich sie halte, wenn ich stark bin.

Selbst wenn Sie die Erfahrung des universellen Einsseins gemacht haben, wenn Sie ohne Unterstützung zurück in Ihr Leben, ihren Job, Ihre Ehe und Ihre Beziehungen kommen, haben diese alten Strukturen die Tendenz, Sie zurück in Übereinstimmung mit ihnen zu ziehen.

Ansichten sind ein soziales Phänomen. Mit seltenen Ausnahmen (wie zum Beispiel Frank im Kapitel “Wahnsinn), können wir unsere Ansichten nicht ohne die Bestärkung durch Menschen rund um uns aufrechterhalten. Ansichten, die beträchtlich vom allgemeinen sozialen Konsens abweichen, sind besonders schwer aufrechtzuerhalten, und es braucht meist eine Art Zufluchtsstätte wie eine Sekte, in der die abweichende Ansicht beständig Bestätigung erhält, und durch die die Interaktion mit dem Rest der Gesellschaft eingeschränkt wird. Aber das Gleiche kann auch über verschiedene spirituelle Gruppen, Intentional Communities, und selbst Konferenzen wie die, bei denen ich spreche, gesagt werden. Sie stellen eine Art Brutkasten für die zerbrechlichen aufkeimenden Sichtweisen der neuen Geschichte dar, die erst entsteht. Dort können sie Wurzeln bilden, die sie am Leben erhalten trotz der Angriffe durch das raue Klima der Ansichten außerhalb.

So einen Brutkasten zu finden kann Zeit brauchen. Wenn man erst frisch eine konventionelle Weltsicht verlassen hat, kann man sich sehr allein dabei fühlen sie abzulehnen. Neue Ansichten tauchen in einem auf, die man als alte Freunde wiedererkennt, Instanzen aus der Kindheit, aber wenn diese Ansichten nicht auch von jemand anderem geäußert werden, können sie sich nicht festigen. Deshalb ist es wiederum so wichtig, dass es die Prediger vor dem Kirchenchor gibt, damit man das laute Singen des Chors hören kann. Manchmal entdeckt man ein vollkommen neues Stück der Geschichte vom Interbeing, das bisher noch keiner ausgesprochen hat, für das es bis jetzt weder einen Prediger noch einen Chor gibt. Aber selbst dann finden sich Seelenverwandte, die darauf warten; wir sind immer mehr, jetzt, wo die neue Geschichte dabei ist, eine kritische Masse zu erreichen.

Das geschieht in unserer Zeit. Schon wahr, die Institutionen, die auf der Separation gebaut sind, erscheinen größer und stärker denn je, aber ihr Fundament ist löchrig. Immer weniger Menschen glauben wirklich an die herrschenden Ideologien unseres Systems und deren Zuweisung von Wert, Bedeutung und Wichtigkeit. Ganze Organisationen haben Grundsätze, denen für sich kein einziges ihrer Mitglieder zustimmt. Um eine abgedroschene Analogie zu verwenden: Kein glaubwürdiger Beobachter hätte nur einen Monat vor dem Fall der Berliner Mauer vorhergesagt, dass so etwas in absehbarer Zeit geschehen könnte. Sehen Sie nur wie mächtig die Stasi ist! Aber die Grundlagen der Wahrnehmungen der Menschen waren schon lange ausgehöhlt.

So wie unsere. Ich sagte eben, dass die neue Geschichte dabei ist, eine kritische Masse zu erreichen. Aber hat sie sie erreicht? Wird sie sie erreichen? Vielleicht noch nicht ganz. Vielleicht ist sie gerade an einem Umschlagpunkt, in einem Zustand des Gleichgewichts. Vielleicht braucht es nur noch einen einzigen Menschen, der einen Schritt mehr ins Interbeing tut, damit die Waage kippt. Vielleicht sind Sie dieser Mensch.