Ich möchte Ihnen aus der unter dem Namen Liezi bekannten alten Sammlung taoistischer Allegorien und Parabeln noch eine weitere erzählen, wie sie Thomas Cleary im Buch “Vitality, Energy, Spirit: A Taoist Sourcebook” wiedergibt.

Eines Tages, als Konfuzius mit einigen Schülern unterwegs war, begegnete er zwei streitenden Knaben. Konfuzius fragte die Knaben, was der Grund ihrer Auseinandersetzung sei. Sie erzählten ihm, dass sie uneins darüber waren, ob die Sonne am Morgen näher und zu Mittag weiter weg, oder ob sie am Morgen weiter weg und zu Mittag näher sei. Der eine Knabe meinte, weil die Sonne am Morgen größer und zu Mittag kleiner aussieht, müsse sie am Morgen näher und zu Mittag weiter weg sein. Der andere Knabe hielt dagegen, dass es am Morgen kühl und zu Mittag heiß ist, also müsse die Sonne am Morgen weiter weg und zu Mittag näher sein. Konfuzius konnte nicht entscheiden, wer von beiden Recht hatte.  Die Knaben verhöhnten ihn: “Wer sagte, du wärest so schlau?”

Cleary erklärt: “[Die Geschichte] illustriert die Grenzen des diskursiven Argumentierens und weist somit indirekt auf einen umfassenderen Bewusstseinsmodus hin. Hier als ein Scherz auf Kosten von Konfuzius präsentiert illustriert sie, wie Logik innerhalb der Grenzen ihrer eigenen Postulate schlüssig aber trotzdem in einem größeren Zusammenhang ineffektiv oder unrichtig sein kann.”

Wir haben schon festgestellt, dass so viel von dem, was wir als real, wahr und möglich betrachten, eine Folge der Geschichte ist, in die wir eingebettet sind. Wir haben erkannt, dass die Logik der Separation unvermeidlich in die Verzweiflung führt. Wir haben verstanden, dass das Böse eine Konsequenz von empfundener Separation ist. Wir haben uns bewusst gemacht, dass das ganze Gebäude der Zivilisation auf einem Mythos errichtet ist. Wir haben begriffen, wie die Zivilisation tatsächlich ihren eigenen Postulaten, ihrer Ideologie von immer stärkerer Kontrolle als Abhilfe gegen das Versagen von Kontrolle in die Falle gegangen ist. Wir haben schließlich eingesehen, wie viele unserer Bemühungen, die Welt zu verändern, selbst Gewohnheiten der Separation sind und dazu führen, dass wir unausweichlich immer dasselbe in unendlicher Verfeinerung wiederholen.

Um dieser Falle zu entgehen, müssen wir, wie Cleary vorschlägt, aus einem größeren Kontext heraus agieren, einem umfassenderen Bewusstseinsmodus. Das bedeutet nicht nur in einer anderen Geschichte zu leben, sondern auch im Bewusstsein von Geschichte zu arbeiten. Wenn schließlich unsere Zivilisation auf einem Mythos beruht, dann müssen wir, um die Zivilisation zu verändern, den Mythos verändern.

Mittlerweile sollte es klar sein, dass das kein Rezept für Untätigkeit oder nur für Worte ist. Jede Tat, die offen für symbolische Interpretation ist, kann Teil der Erzählung einer Geschichte sein. Und das ist jede Tat. Wir Menschen sind sinnstiftende Tiere, wir sind ständig bestrebt, den Sinn der Welt zu verstehen. Als Pancho Ramos Stierle mit freundlichem Respekt zum gewalttätigen Polizisten sprach, erzeugte er einen Riss in der Geschichte von der Welt dieses Mannes.

Paradoxerweise sind Handlungen, die als symbolisch gedacht sind, meist weniger wirksam im Unterbrechen von Geschichten als Handlungen, die im Ernst durchgeführt werden. Ich habe vom Stamm der Shuar in Ecuador gelesen, die gelobten, mit Gewalt gegen die Zerstörung ihres Regenwaldes durch Minengesellschaften, die nach Kupfer und Gold suchen, Widerstand zu leisten. Es sagte Domingo Ankuash, ein Shuar Häuptling: “Der Wald hat uns immer gegeben, was wir brauchten, und wir beabsichtigen, ihn zu verteidigen wie es unsere Vorfahren getan hätten: mit der Kraft des Speers. Um an das Gold zu kommen, werden sie vorher jeden Einzelnen von uns töten müssen.”

Untersuchen wir die Macht dieser Worte. Sie waren kein kalkuliertes PR-Instrument. Schon haben die Shuar Bohrtrupps von mehreren vorläufigen Standorten vertrieben. Dieser unerschütterliche Stamm ist augenscheinlich willens zu sterben, um sein Land zu beschützen. Ihre Worte sind wahr, durch und durch.

Auf der anderen Seite, wenn sie Erfolg haben, dann nicht deshalb, weil ihre Speere stärker als die Panzer, Maschinengewehre, Helikopter, Entlaubungsmittel und Bulldozer gewesen wären, die die Regierung vielleicht aufbieten wird, um die Minengesellschaften zu beschützen. Sie haben nicht die geringste Chance, die industrielle Zivilisation mit Gewalt zu besiegen. Die industrielle Zivilisation ist schließlich die Meisterin der Gewalt, da sie sich jede mögliche Quelle von gespeicherter Energie zunutze macht, um auf die materielle Welt Gewalt auszuüben. Gewalt ist die Essenz unserer Zivilisation und unserer Technologie. Die Shuar werden die industrielle Zivilisation nicht mit ihren eigenen Waffen schlagen. Aber die Shuar werden gewinnen. Versuchen wir zu verstehen, warum. Welches Spiel spielen sie? Wenn wir, die ambitionierten Agenten des Wandels, das verstehen können, dann können vielleicht auch wir gewinnen.

Welches Spiel auch immer sie spielen, wir könnten es als das gleiche wiedererkennen, das Diane Wilson gegen Famosa Plastics, das gleiche, das Pancho spielte, und vielleicht das gleiche Spiel, das die indigenen Frauen im Westen Kanadas in der Idle No More Bewegung spielen, um der Verwüstung ihres Landes Einhalt zu gebieten. In gewisser Hinsicht sind all diese Menschen naiv. Solche Bewegungen haben nicht immer Erfolg – oder doch, nur auf eine nicht so offensichtliche Weise? Was ist mit all den vernichteten Stämmen, die bei dem Versuch, ihre Ökosysteme, die es jetzt nicht mehr gibt, zu beschützen, starben? Waren ihre Bemühungen umsonst? Werden unsere Bemühungen, eine schönere Welt zu schaffen, vergebens sein?

Was mir als erstes bei den Shuar auffällt, ist, dass sie sich dem Land, dem Wald, dem Stamm und dem, was ihnen heilig ist, verpflichtet haben. Es ist keine auf Angst beruhende Reaktion auf eine Bedrohung; ja sie setzten sich sogar einem viel größeren persönlichen Risiko aus, wenn sie gegen den Vormarsch des Fortschritts Widerstand leisten, als wenn sie sich ihm fügten.

Zweitens fällt mir auf, dass sie nicht gegen etwas kämpfen; sie kämpfen für etwas. Sie haben eine Vision davon, wie ihr Land sein sollte. Sie haben sich etwas Größerem verpflichtet. Ich vermute, dass ihre Vision von der Sache, der sie dienen, wachsen wird, je mehr sie sich für den Widerstand einsetzen. Im Gegensatz dazu sind viele Aktivisten heute ganz damit beschäftigt, dies und jenes aufhalten zu wollen; nur selten formulieren sie ihre Vision in Bezug auf das, was sie erschaffen wollen oder welcher größeren Sache sie dienen. “Nachhaltigkeit” als Ziel ist ein Symptom dieses Mankos. Was genau soll denn nachhaltig sein, was wollen wir erhalten? Ist es wirklich der Sinn des Lebens, gerade mal zu überleben? Haben die einzigartigen kreativen Kräfte der Menschen keine Bestimmung in der sich entfaltenden Ordnung der Natur? Wir brauchen eine Vision dessen, was möglich ist, der wir uns verpflichten können.

Eine dritter Umstand ist, dass die Widerstandsaktionen der Shuar, auch wenn sie nicht als symbolische konzipiert waren, dennoch starke Bedeutungsträger sind. Sie machen es viel schwieriger, die Geschichte aufrechtzuerhalten, dass es völlig in Ordnung ist, Rohstoffe aus dem Amazonasgebiet zu entnehmen. Die Minengesellschaften tun ihr Bestes, um diese Geschichte zu konstruieren: die Bäume werden wieder neu gepflanzt, die Abwässer werden in sicheren Auffangbecken gelagert, und nebenbei: die Shuar töten selber Wildtiere, wenn sie jagen, und sie schicken ihre Kinder nicht zur Schule. – Aber all diesen Absurditäten noch eine weitere hinzuzufügen, dass nämlich die Shuar unwissende Wilde seien, die keine Ahnung haben, was gut für sie ist, ist sogar für diese Geschichte zu viel, angesichts der Entschlossenheit der Shuar ihr eigenes Leben für ihre Überzeuging zu opfern.

Wenn es den Shuar gelingt, ihr Stammland zu bewahren, dann nicht, weil ihre Speere die Maschinengewehre der Zivilisation besiegten. Sie werden gewinnen, weil die Geschichte, die ihre Tötung und die Aneigung der Rohstoffe rechtfertigen sollte, nicht stark genug gewesen sein wird, um ihrer Anfechtung zu widerstehen. Sie werden gewinnen, weil genügend Menschen in Schlüsselpositionen abgelehnt haben werden, auf Gewehre, Bomben und Bulldozer zurückzugreifen. Sie werden gewinnen, weil wir – die industrialisierte Welt – darauf verzichtet haben werden, die uns zur Verfügung stehende Gewalt zu nutzen. Mit einer starken Geschichte könnte man alles vernünftig begründen und rechtfertigen, um dieses Gold zu bekommen. Vor einem halben Jahrhundert hätten wenige Menschen gezögert zuzustimmen, dass es eben leider notwendig ist, die Indianer zu beseitigen, die dem Fortschritt im Weg stehen. Bis vor sehr Kurzem hatten wir keine Bedenken, sie “bis auf den letzten Mann” zu töten. Aber heute ist unsere Geschichte gebrechlich geworden.

Wenn eine Geschichte jung und kerngesund ist, hat sie eine Art Immunsystem, das die, die an sie glauben, vor kognitiver Dissonanz schützt. Neue Datenpunkte, die nicht in die Geschichte passen, werden schlicht verworfen. Sie erscheinen seltsam. Das Immunsystem reagiert auf verschiedene Arten. Es kann den Überbringer der störenden Information angreifen: “Was ist denn die Qualifikation dieses Kerls?” Es kann ein paar oberflächlich überzeugende Widerlegungen aufbieten und so tun, als hätte der Angreifer diese nicht bedacht und keine Antwort darauf: “Aber die Technologie hat die menschliche Lebenszeit gewaltig verlängert, also brauchen wir diese Rohstoffe von irgendwo.” Es kann sich auf die implizit angenommene Richtigkeit des Systems berufen: “Aber natürlich haben Wissenschaftler und Ingenieure bestätigt, dass hier auf die ökologisch verträglichste Art und Weise abgebaut wird.” Schließlich kann es ungelegene Informationen der Gegenseite als Anomalie abtun oder sie einfach verschweigen und verdrängen.

Wenn eine Geschichte altert, funktionieren alle diese Immunantworten nicht mehr so gut. Inkonsistente Daten, selbst wenn sie verworfen werden, hinterlassen einen schwelenden Zweifel. Wie ein alternder Körper oder ein Mutterleib kurz vor der Geburt, fühlt sich die Geschichte immer weniger wohl. Das ist der Grund, warum die Shuar vielleicht Erfolg haben werden, wo andere wie sie seit mittlerweile tausenden von Jahren gescheitert sind. Ihr Widerstand könnte uns aus der Geschichte vertreiben, innerhalb der die Plünderungen gerechtfertigt scheinen.

Die Shuar sind kein friedliches Volk, und sie haben Untersuchungstrupps und Maschinen unter Androhung von Gewalt vertrieben. Sie sind aber trotzdem gewissermaßen nicht im Krieg, weil es nicht ihr Ziel ist einen Feind zu besiegen. Im Gegensatz dazu versteht unsere Kultur mit ihrer Kriegsmentalität unter Sieg meist die gewaltsame Vernichtung des Übeltäters. Daher besiegen zum Beispiel im Film “Avatar”, der von einer Situation handelt, die der Lage der Shuar sehr ähnelt, die fiktiven Na’vi die Raumschiffe und Artillerie der menschlichen Eindringlinge mit Speeren, Pfeil und Bogen und mit großen Tieren. Mit der Tötung des obersten Generals der Menschen ist der Sieg vollkommen. Es kann nicht anders sein, weil er als unersetzlich dargestellt wird. Glücklicherweise scheinen die Shuar nicht mit dem Virus der Ideologie vom “Bösen” infiziert zu sein. Sie bekämpfen nicht die Bergbaugesellschaften. Sie bekämpfen den Bergbau.

Ich hätte mir für den Film “Avatar” ein anderes Ende gewünscht. Ich hätte gern gesehen, dass der Planet in das Nervensystem der Menschen eindringt, so dass sie, wenn sie den Welt-Baum zerstören, selbst seine Schmerzen fühlen, wodurch die Spaltung “wir gegen sie” aufgelöst wäre, die sie überhaupt erst in die Lage versetzte, den Planeten als eine reine Rohstoffquelle zu betrachten. Genau das ist die Wahrnehmungsveränderung, die unsere Zivilisation durchlaufen muss. Denn ich glaube nicht, dass die Shuar uns mit ihren Speeren besiegen werden.

Sie könnten allerdings mit ihren Speeren, ihren Worten und anderen Taten unsere Geschichten besiegen. Und darin könnten wir es ihnen gleich tun und von ihnen lernen. Was ist der Unterschied zwischen der symbolisch starken Gewalt, die die Shuar anwenden und der Allerweltsgewalt und dem Terrorismus? Es ist schließlich nur ein kleiner Schritt vom notwendigerweise asymmetrischen Kampf, den die Shuar führen, hin zu dem, was man heute Terrorismus nennt. Ich wäre nicht überrascht, wenn die Regierung von Ecuador den Shuar bald diesen Vorwurf machte.

Ich werde hier nicht versuchen, in das Dickicht von Unterscheidungen zwischen Terrorismus und asymmetrischer Kriegsführung und den möglichen Rechtfertigungen dafür einzudringen. Ich stelle nur fest, dass wir gefährliches Territorium betreten, wenn wir uns vom Konkreten (diesen Bulldozer davon abzuhalten die Bäume hier vor uns zu fällen) auf das Abstrakte (einen Anschlag auf einen Feind oder einen symbolischen Anschlag für eine Sache zu verüben) zubewegen.

Man kann, um Martin Luther King Jr. zu paraphrasieren, die Hassenden töten, aber nicht den Hass. Tatsächlich wird man sogar noch mehr Hass erzeugen, wenn man es auch nur versucht. Außerdem muss man in der jetzigen Welt damit scheitern, weil einen die Mächtigen ganz einfach ausradieren können.

Wie tief eingefleischt die Gewohnheit der Separation “das Böse zu besiegen” ist, kann man daran erkennen, dass wir jeden Versuch, soziale oder politische Veränderung herbeizuführen, als “Schlacht”, “Kampf” oder “Kampagne” bezeichnen. Alles militärische Metaphern. Wir sprechen davon, “unsere Verbündeten zu mobilisieren”, politischen “Druck” auszuüben, um unsere Opponenten “dazu zu zwingen” “aufzugeben”.

Wieder, ich sage nicht, dass es nie Zeit wäre zu kämpfen, und ich beabsichtige auch nicht, hier die lange und differenzierte Debatte über Gewaltlosigkeit beizulegen. Wenn man sie nur umfassend genug interpretiert, ist Gewalt – als das, was die Grenzen einer anderen Person verletzt – unumgänglich. Ein öffentlicher Protest, der einen Verkehrsstau verursacht, fühlt sich für den armen Pendler, der sich täglich zwischen seinem Arbeitsplatz und dem einkommensschwachen Vorort eine Stunde in jede Richtung hin- und herquält, wie eine Verletzung an. Beim Übergang in eine neue Welt ist der Zusammenbruch der alten unabwendbar. Aber wenn die Gewalt aus dem Hass und der Verteufelung des Anderen kommt, gründet sie auf einer offensichtlichen Unwahrheit. Lügen wir uns doch nicht selbst was vor, damit wir die vertrauten, komfortablen Taktiken und Metaphern der Gewalt verwenden können, wenn uns viel mächtigere Werkzeuge für den Wandel zur Verfügung stehen.

Der Grund, dass der offene Ungehorsam der Shuar uns bewegt, ist nicht, dass sie bereit sind, für ihre Sache zu töten, sondern, dass sie bereit sind, dafür zu sterben. Das ist in reiner Form der Dienst an etwas Größerem als man selbst. Das ist es, dem wir nacheifern müssen, wenn wir die schönere Welt, von deren Möglichkeit unsere Herzen wissen, miterschaffen wollen. Das ist auch ein Weg, um das separate Selbst zu transzendieren; denn wenn man sich demütig in den Dienst einer Sache stellt, wird man Teil von etwas Größerem, dessen Macht Veränderung herbeizuführen, unser Verständnis von Kausalität übersteigt. Dann kann das Unerwartete, das Unwahrscheinliche, das Wunderbare passieren.

Je sicherer wir in einer größeren Geschichte vom Selbst stehen, einer Geschichte vom Interbeing, umso effektiver werden wir die alte Geschichte der Separation unterbrechen. Ich denke, dass Fragen über Gewalt und Gewaltlosigkeit, Ethik und Prinzipien, richtig und falsch uns in ein gedankliches Labyrinth führen. Siehst du? Die Sonne ist zu Mittag näher! – Nein, am Morgen! Alles Böse und jede je auf dieser Erde verübte feige Untätigkeit wurde durch ein Prinzip gerechtfertigt – die Logik einer Geschichte. Wenn wir langsam von unserem Rausch von der Geschichte der Separationwieder nüchtern werden, haben wir die Gelegenheit, in einen “umfassenderen Bewusstseinsmodus” von Geschichten einzutreten. Darin fragen wir uns selbst: “In welcher Geschichte soll ich leben?”