Die Konfrontation mit etwas, das das uns als “böse” erscheint, stellt eine Bedrohung für die Selbsterhaltung des Ego dar. Angesichts dieser Bedrohung sind wir so damit beschäftigt, unsere Existenz zu schützen, dass wir die Sache überhaupt nicht klar sehen können.(Chögyam Trungpa)

Manchmal werde ich in Fragerunden oder Internetkommentaren mit der Anschuldigung konfrontiert, ich ignorierte “die dunkle Seite der menschlichen Natur”. Ich würde diese Aussage gern näher beleuchten. Was ist die dunkle Seite der menschlichen Natur? Dabei geht es sicherlich um mehr als darum, dass “Menschen manchmal ziemlich schlimme Dinge tun”, denn offensichtlich wäre sie nicht besonders dunkel, wenn es nicht jemandes Fehler oder Absicht war, Schaden anzurichten. Außerdem wird jeder, der meine Arbeiten gelesen hat, wissen, dass ich mir sehr wohl der schrecklichen Dinge, die wir Menschen einander und der Welt angetan haben, bewusst bin. Nein, wenn wir von der dunklen Seite der menschlichen Natur sprechen, dann stellen wir eine dispositionale Behauptung auf: dass wir böse Dinge tun, weil das Böse in uns ist. Wir tragen in uns das Schlechte, das Böse, Selbstsucht, Gier, Brutalität, Grausamkeit, Gewalttätigkeit, Hass und Kaltherzigkeit.

Einerseits stimmt das auf triviale Weise: All das gehört zur menschlichen Erfahrung. Selbst wenn die Umstände es hervorrufen, muss es schon vorhanden sein, damit es überhaupt hervorgerufen werden kann. Aber wenn das die einzige Erklärung wäre, dann genügte die Antwort der Situationisten: ändere die Umstände, die das Böse hervorbringen. Keine leichte Aufgabe, das: diese “Umstände” umfassen das gesamte Gebäude unserer Zivilisation bis hinunter zu seiner grundlegenden Mythologie von Separation und Aufstieg. Und doch ist eine schönere Welt im Prinzip noch immer möglich.

Soweit ich das beurteilen kann, meinen die Kritiker noch etwas anderes: “Das Böse ist nicht nur ein Produkt unserer Institutionen, obwohl manche von ihnen, wie etwa das Geldsystem, sicherlich Böses hervorbringen und belohnen. Das Böse geht ihnen voraus; tatsächlich wurden unsere bösen Institutionen nämlich von bösen Menschen erschaffen und uns aufgezwungen. Und solche Menschen sind außerdem auch noch heute unter uns. Sie werden dir nicht erlauben, das System zu ändern. Es gibt das Böse in der Welt, Charles, das grundlegend Böse. Wenn du dich mit Phantasien darüber hinwegtröstest, wie es geheilt werden kann, wird es dich einfach zu seinem Vorteil ausnutzen. Dem Bösen muss man sich stellen und es besiegen.”

Einige dieser Kritiker verorten das Böse im Außen, in Gestalt einer üblen Verschwörung von Illuminaten, die die Welt im Verborgenen regieren; andere vertreten vielleicht eine etwas differenziertere Position und verorten das Böse auch in sich selbst. So oder so sehen sie es durch die essentialistische Brille.

Bevor ich auf diese Kritik eingehe, scheint es mir notwendig klarzustellen, dass ich um das schlimmste, das in der Welt geschehen ist und noch immer geschieht, weiß. Ich weiß, was die Menschen meinen, wenn sie vom institutionalisierten und vom persönlichen Bösen reden. Wovon sprechen sie sonst, wenn internationale Geldgeber Zinszahlungen aus Ländern eintreiben, in denen Kinder hungrig bleiben? Oder wenn Frauen im Kongo mit Bajonetten vergewaltigt werden? Oder wenn Kleinkinder am Galgen enden? Oder wenn Menschen mit Bohrmaschinen und Zangen gefoltert werden? Oder wenn Babys vor pornografischen Webcams vergewaltigt werden? Oder wenn Kinder vor den Augen ihrer Eltern zur Strafe für deren Engagement bei der Gewerkschaft ermordet werden? Oder wenn die Kinder amerikanischer Ureinwohner in Internate gezwungen werden, wo sie ihre Sprache und manchmal auch ihr Leben verlieren? Oder wenn Urwälder aus Profitinteresse abgeholzt werden? Oder wenn Giftmüll in der Erde vergraben wird? Oder wenn Städte rein zu Demonstrationszwecken mit Atombomben dem Erdboden gleich gemacht werden? Die Brutalität und Heuchelei auf diesem Planeten kennt keine Grenzen. Die schlimmsten Dinge, die ein Mensch dem anderen nur antun kann, wurden getan. Wenn nicht das Böse der Grund für das alles ist, was dann?

Jede Weltsicht, die die Tatsache nicht anerkennt, dass all das existiert, wird letztlich daran scheitern, uns eine Quelle für Optimismus, Hoffnung und Mut zu sein. In eine Welt hineingeboren, in der diese Dinge geschehen, sind wir alle von ihnen geprägt. Seien Sie sich dessen also lieber gewahr. Für mich ist es manchmal wichtig, über den Genozid unserer Tage zu lesen, ein Foto vom Teersandtagebau zu betrachten, vom weltweiten Rückgang der Wälder zu lesen, und mich von persönlichen Menschenschicksalen im Krieg oder in der Gefängnisindustrie und so weiter berühren zu lassen. Nur dann, wenn ich das Allerschlimmste sehe, kann mein Optimismus authentisch sein. Es sind für gewöhnlich die kleinen, persönlichen Schicksale, die mir am tiefsten unter die Haut gehen. Zum Beispiel war da diese Frau, die ich in Kalifornien traf. Sie weigerte sich, ihren Sohn mit noch einem weiteren Medikament, das ihm verschrieben worden war, zu behandeln, weil ihn, wie sie sagte, jede neue Behandlung immer nur kränker gemacht habe. Man hatte ihm mehr als zwanzig Medikamente verschrieben, und sie hatte einfach genug. Deshalb nahm ihr das Jugendamt ihren Sohn weg. Er verstarb einen Monat später. Ich trage diese Geschichte und viele andere wie sie überall, wo ich hingehe, in mir.

Wenn Sie Augen haben zu sehen und Ohren zu hören, werden Ihnen häufig solcherart schreckliche Geschichten begegnen, und sogar noch schlimmere. Können Sie in diesen Abgrund der Hoffnungslosigkeit blicken, ohne hineinzufallen? Können Sie ihre Aufforderung zu Hass, Wut und den Impuls auf das Böse einzuschlagen ertragen, ohne dieser Aufforderung nachzukommen? Diese Aufforderung ist der Verzweiflung nicht unähnlich: Nach dem Kalkül des Kriegs ist das Böse stärker als das Gute. Es hat keine Gewissensbisse. Es wird alle nötigen Mittel ergreifen. Deshalb gibt es keine Hoffnung in Geschichten, in denen unverbesserlich böse Illuminaten alle Regierungen, Konzerne, das Militär und die Banken der Welt kontrollieren.

Ich möchte auf eine andere Aufforderung hinweisen, die solch erschreckende Geschichten aussprechen; und zwar zu geloben: “Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um zu einer Welt beizutragen, in der so etwas nicht mehr geschieht.” Solche Geschichten in mein Bewusstsein einzubeziehen immunisiert mich gegen die noch immer dominante Geschichte von der Welt, in der die Dinge im Grunde so sind, wie sie sein sollten.

Vor Jahren besuchte meine damalige Frau Patsy eine Kleinkinderbetreuung durch Tagesmütter, mit der Absicht, für Philip einen Ort zu finden, an dem er mit anderen Kleinkindern für eine oder zwei Stunden am Tag zusammen sein könnte (keiner von uns beiden hielt etwas von Kindertagesstätten). Das Szenario, das sie vorfand, waren zwei Frauen, die sich um zwölf Kinder zwischen null und vier Jahren kümmerten, unter Zuhilfenahme des elektrischen Babysitters – des Fernsehers. Eines der Babys, um die neuen Monate alt, begann gerade zu krabbeln. Er konnte allerdings nicht krabbeln, denn er war in einem kleinen “Laufstall” – mit anderen Worten, einem Käfig. Er weinte nicht; er saß nur da. So eingepfercht tat er Patsy Leid. “Warum kann er nicht herauskommen?” fragte sie. Die diensthabende Frau sagte, “Schauen sie, wie beschäftigt wir sind. Er kommt überall dazwischen. Wir können ihn nicht rauslassen bei den vielen Kindern, die wir zu füttern, zu wickeln und zu beaufsichtigen haben…”

“Ich werde auf ihn aufpassen”, schlug Patsy vor. Die Frau war einverstanden, und das Kleinkind konnte für eine Weile herausgelassen werden.

Also nahm ihn Patsy aus dem Laufstall. Sobald er frei gelassen wurde, leuchtete sein Gesicht vor Freude auf. Endlich konnte er krabbeln! Hierhin krabbeln und dahin und sich unter die anderen Kinder mischen. Er war im Himmel. Er hatte fünfzehn Minuten. Dann musste Patsy gehen, und der Kleine kam zurück in den Käfig. Fünfzehn Minuten waren alles, was dieses Baby bekam.

Als ich diese Geschichte hörte, wallte in mir das Gelübde auf: “Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um eine Welt zu schaffen, in der Babys nicht in Käfige gesperrt werden.” Eine winzige Fußnote, so scheint es, im langen Katalog der Gräuel, die unsere Zivilisation hervorbringt, aber sie ging mir unter die Haut. Und ich sah, wie sie verbunden ist mit allem, was heutzutage geschieht, wie Menschlichkeit der Effizienz geopfert, wie das Intime zu Geld gemacht, und wie jeder Bereich des Lebens dem Regime der Kontrolle untergeordnet wird. Ich fragte mich aufs Neue: “Wie sind wir nur in diesen äußersten Armutszustand geraten, wo Babys eingepfercht werden müssen?” Ein Baby in einem Käfig ist ein kleiner und integraler Strang in unserer summierten Geschichte von der Welt.

Eine Welt, in der Babys in Käfige gesperrt werden, abgesehen davon, dass in dieser Welt auch Babys mit Macheten umgebracht werden, ist nicht hinnehmbar. Eine gute Definition der Hölle ist: keine Wahl zu haben, das nicht Hinnehmbare hinnehmen zu müssen. Unsere Geschichte von der Welt zeigt uns keinen Weg, das aufzuhalten, denn das Böse – sei es in Gestalt von genetischem Eigeninteresse oder dämonischen Mächten – ist eine Urgewalt in ihrem Universum. Und man selbst ist nur ein kümmerliches Individuum in einem Meer des Anderen, Fremden. Deshalb wirft uns unsere Geschichte von der Welt in die Hölle.

Die Frau, die jene Kinder betreute, war offensichtlich nicht bösartig. Sie war unter Druck, beschäftigt und lebte in einer Geschichte, in der alles, was sie tat, in Ordnung war. Die Frage nach dem Bösen lässt sich vielleicht folgendermaßen stellen: Ist es ein Kontinuum von dieser Frau über den übereifrigen Staatsanwalt, zum korrupten Politiker bis hin zum sadistischen Folterer? Oder gibt es da eine Diskontinuität, die gewöhnliche Menschen mit ihren Fehlern von den wahrhaft bösen trennt? Bevor wir voreilige Schlüsse ziehen, sollten wir unser Bestes versuchen zu verstehen, welche Arten von “Situation” sogar die abscheulichsten Taten hervorbringen können.

Vielleicht ist, was wir als das Böse in der menschlichen Natur ansehen, eine bedingte Reaktion auf Umstände, die so allgegenwärtig sind und so alten Ursprungs, dass wir sie nicht mehr als bedingt wahrnehmen können. Das “Zum-Anderen-machen”, das uns gestattet, Schaden anzurichten, und die Geschichten, in denen dieses Zum-Anderen-machen eine Rolle spielt, sind in gewissem Ausmaß sogar bei indigenen Völkern vorhanden und bilden das A und O der modernen Gesellschaft. Wir wissen nicht, was die menschliche Natur in einer Umgebung wäre, die auf der Geschichte des Interbeing basiert. Wir wissen nicht, wie es wäre, in einer Gesellschaft aufzuwachsen, die unsere Verbundenheit bekräftigt und die zugehörigen Wahrnehmungen, Gefühle, Gedanken und Überzeugungen kultiviert. Wir wissen nicht, wie sich das Leben anfühlte, wenn wir nie Selbstablehnung und Wertung gelernt hätten. Wir wissen nicht, wie wir auf Bedingungen der Fülle statt des Mangels reagierten. In “Ökonomie der Verbundenheit” schrieb ich: “Gier ist eine Reaktion auf empfundenen Mangel.” (Wenn jeder ausreichend hat und die Gesellschaft eine Ökonomie des Teilens pflegt, in der Großzügigkeit belohnt wird, dann ist Gier widersinnig.) Vielleicht können wir das erweitern und sagen: “Das Böse ist eine Reaktion auf empfundene Separation.”

Auf einem Retreat habe ich einmal die Teilnehmer gebeten, als separate Selbste herumzulaufen. Sie sollten die Sonne nur als eine Kugel fusionierenden Wasserstoffs betrachten, die Bäume als verholztes Gewebe; sie sollten die Lieder der Singvögel als genetisch programmierte Paarungsrufe und Revierverhalten ansehen, einander als besitzergreifende, eigennützige Egos, und die Welt als einen Kampfplatz für Konkurrenz. Und sie wurden daran erinnert, dass die Uhr tickt. In der Nachbesprechung sagte eine der Teilnehmerinnen: “Ich habe einfach begonnen, Wut zu spüren. Ich wollte jemanden schlagen, etwas töten.”

Diese Sichtweisen der Separation, die ich die Teilnehmer einzunehmen bat, sind die Luft, die wir als Mitglieder der modernen Gesellschaft atmen. Sie sind Teil der impliziten Annahmen unserer Kultur. Kein Wunder, dass wir so wütend sind. Kein Wunder, dass wir so gewalttätig sind. In so eine Welt getaucht – wer wäre es nicht?

Damit will ich keineswegs die Tatsache leugnen, dass es eine ganze Menge gefährlicher Leute gibt – Leute, die so tief auf die Separation konditioniert sind, dass es ein Wunder bräuchte, sie zu ändern. Solche Wunder geschehen manchmal, aber ich würde mich nicht in jeder Situation darauf verlassen. Und noch einmal, wenn ein bewaffneter Einbrecher meine Kinder bedrohen würde, würde ich wahrscheinlich Gewalt gebrauchen, um ihn aufzuhalten, egal ob ich verstehe, dass seine Handlung in irgendeinem Kindheitstrauma begründet liegt oder nicht. Der Moment der Gefahr ist vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt, solch ein Trauma zu heilen.

Auf der anderen Seite kann er es natürlich auch sein. Ich habe erkannt (und andere haben dies in viel extremeren Situationen als ich erlebt), dass das Handeln auf Basis der Einsicht in das Einssein statt aus Angst erstaunliche Effekte in spannungsgeladenen Situationen haben kann. Feindseligkeit erzeugt Feindseligkeit, und Vertrauen erzeugt Vertrauen. Ich kann nicht sagen, dass es jedes Mal “funktioniert”, aber den normalen Verlauf eines Geschehens zu unterbrechen birgt immerhin die Möglichkeit eines anderen Ergebnisses. Auf jemanden ohne Furcht zu reagieren signalisiert: “Du bist nicht gefährlich. Ich weiß, du bist ein guter Mensch.” Das eröffnet die Möglichkeit für einen neuen Handlungsverlauf, auf den der andere sich einlassen kann. Er kann das natürlich auch ablehnen, aber immerhin besteht die Möglichkeit.

Vor kurzem verkaufte mein Sohn einem anderen Kind aus der Nachbarschaft einen Gegenstand für 75 Dollar. Er traf sich mit dem Jungen, aber statt zu zahlen, griff sich der Junge den Gegenstand und rannte davon. Jimi rannte hinterher, konnte ihn aber nicht einholen. Ein anderer Junge, Mitglied einer ortsansässigen Bande, sah die Szene und fragte Jimi, warum er den anderen verfolgte. Jimi erzählte es ihm, woraufhin der eine Pistole hervorzog und sagte: “Ich werde dir helfen, die Sache zu regeln. Ich weiß, wo er wohnt.” Jimi sagte: “Ich komme darauf zurück.” An dem Abend erzählte er mir die Geschichte und fragte: “Was denkst du sollte ich tun, Papa?”

Ich dachte einen Moment darüber nach und sagte: “Naja, du bist hier in einer Position der Stärke und könntest wahrscheinlich dein Geld mit Gewalt zurückbekommen. Aber wenn du den Dieb mit dem pistolenschwingenden Jungen besuchen gehst und deinen Gegenstand zurückbekommst oder das Geld, dann weißt du, wie sich die Geschichte weiter entwickeln wird. Der Junge wird sich rächen wollen, entweder an dir, oder wahrscheinlicher noch, an jemand Schwächerem. Der Kreislauf der Gewalt wird sich fortsetzen. Warum nicht stattdessen die Situation umwandeln? Du könntest dem Bandenmitglied eine Nachricht senden, in der du sagst: ‘Weißt du, wenn er das Ding wirklich so gerne haben möchte, sag ihm, dass ich es ihm schenke. Wirklich. Es ist nur ein Ding.'” Ich erklärte Jimi weiter, dass dieser Ansatz nicht funktionieren würde, wenn er nicht schon die Oberhand hätte, denn sonst würde es als Kapitulation angesehen werden. Aber in der jetzigen Situation wäre diese Botschaft vollkommen ungewöhnlich.

Jimi sagte, er wolle darüber nachdenken. Er folgte meinem Vorschlag nicht, aber lassen Sie mich erzählen, was weiter passiert ist. Später in der Woche arrangierte Jimi ein Treffen mit dem Dieb. Er ließ sich von seinem Freund M. begleiten, einem Kampfsportspezialisten. Der Dieb brachte ebenfalls zwei Freunde mit. Er sagte, er wolle den Gegenstand auf jeden Fall behalten und nichts dafür bezahlen. Seine zwei Freunde begannen, ihn und Jimi aufzustacheln darum zu kämpfen. Jimi (der 1,88 Meter groß ist und auch der Kampfkunst kundig) sagte: “Vergiss es, ich werde nicht mit dir um dieses unwichtige materielle Objekt kämpfen. Behalt es. Ich will dein Geld nicht.”

Der Dieb war wie vor den Kopf gestoßen. Dann sagte er: “Weißt du, das fühlt sich nicht richtig an. Ich hätte es mir nicht so nehmen sollen. Lass mich dir wenigsten etwas Geld geben. 50 Dollar vielleicht? Das ist alles, was ich mir leisten kann.”

Wo beide einander zuvor in einer Geschichte der Feindschaft gehalten hatten, war nun Menschlichkeit.

Pancho Ramos Stierle unterhält ein Friedenshaus an der Grenze zweier Bandenterritorien in einer der schlimmsten Wohngegenden in Oakland, Kalifornien. Leute erzählen mir, dass nicht nur einmal ortsansässige Personen das Haus mit der Absicht zu rauben oder zu töten betraten, um es dann als Friedensarbeiter wieder zu verlassen.

Vor Jahren war Pancho an Protesten an der Universität in Berkley beteiligt, wo er gerade in Astrophysik promovierte. Er war Teil einer Studentengruppe, die öffentlich fastete, um gegen die Mitwirkung der Universität an der Entwicklung von Nuklearwaffen zu protestieren. Nach neun Tagen ging der Universität die Geduld aus, und sie holte die Polizei, um ein Exempel an den Hungerstreikenden zu statuieren. Die Polizisten durchbrachen die Menschenkette, die die Protestierenden gebildet hatten, indem sie ihre Arme mineinander verschränkten, und ein Polizist hob den dünnen Pancho in die Luft, donnerte ihn auf den Betonboden und verpasste ihm Handschellen.

An diesem Punkt würden wahrscheinlich die meisten von uns in die Geschichte und die Gewohnheiten der Separation zurückfallen. Wir würden vielleicht mit Hass und Sarkasmus reagieren und den Polizisten verurteilen. Weil wir nicht die physische Kraft haben die Polizisten zu besiegen, könnten wir stattdessen versuchen, sie öffentlich zu demütigen. Wenn ich es gewesen wäre, so stelle ich mir vor, würde ich meine lebenslange Empörung über die Ungerechtigkeiten dieser Welt auf die Person des Polizisten projizieren. Endlich jemand, den man beschuldigen und hassen kann. Je schlimmer er mich behandelt, desto zufriedener wäre ich, desto mehr wäre ich ein Märtyrer, Unschuldiger und Untadeliger. Es fühlt sich irgendwie gut an, nicht wahr, jemand Unmenschlichen zu haben, den man ohne Gewissensbisse hassen kann. Man fühlt sich entlastet. Und das Böse zu personifizieren lässt die Probleme der Welt viel einfacher erscheinen – man muss nur diese scheußlichen Leute loswerden.

Pancho reagierte anders.i Er schaute dem Polizisten in die Augen und sagte mit Liebe und ohne den Versuch, ihm Schuldgefühle zu machen: “Bruder, ich vergebe dir. Ich tue das hier nicht für mich, ich tue es nicht für dich. Ich tue es für deine Kinder und deine Kindeskinder.” Der Polizist war einen Augenblick verwirrt. Dann fragte Pancho ihn nach seinem Vornamen und sagte: “Bruder, lass mich raten, du magst bestimmt mexikanisches Essen.” [Betretene Pause.] “Ja.” “Nun, ich kenne da dieses Restaurant in San Francisco, dort haben sie die besten Carnitas, Fajitas und Quesasdillas, und ich sage dir was, wenn ich hier fertig bin, und wenn du hier fertig bist, dann möchte ich mit dir mein Fasten brechen. Was sagst du dazu?” Erstaunlicherweise akzeptierte der Polizist die Einladung.ii Wie könnte er nicht? Er lockerte Panchos Handschellen und auch die der anderen Protestierenden. Die Kraft von Panchos Aktion ergab sich daraus, dass er aus einer anderen Geschichte kam und darin so sicher stand, dass er den Raum dieser Geschichte für andere Leute wie den Polizisten, hielt, so dass dieser ebenfalls in sie eintreten konnte.

Das Daodejing sagt: “Es gibt kein größeres Unglück als deinen Feind zu unterschätzen. Deinen Feind zu unterschätzen bedeutet, ihn für böse zu halten. So zerstörst du deine drei Schätze und wirst selbst ein Feind” (Vers 69 in der Übersetzung von Mitchell). Die Geschichten von Pancho und meinem Sohn illustrieren dies. Mich schaudert bei dem Gedanken an das Unglück, das aus der “Unterschätzung” des Gegners hätte resultieren können.iii Selbst wenn der Polizist gedemütigt oder bestraft worden wäre, selbst wenn der Dieb niedergeschlagen worden wäre, der wahre “Feind” hätte triumphiert. Das Ausmaß an Hass auf dieser Welt wäre nicht gemindert worden.

Ich möchte ganz deutlich feststellen: Damit Worte wie die Panchos wirken, müssen sie absolut authentisch sein. Wenn man sie sagt aber nicht meint, wenn man sie eigentlich sagt, um seinen Unterdrücker als noch abscheulicher vorzuführen, weil er eine gewaltlose Menschenliebe zurückweist, dann wird er einem wahrscheinlich den Gefallen tun und die Rolle des Bösewichts spielen. Menschen, und vor allem Polizisten, wissen, wann sie manipuliert werden, und sie mögen es gar nicht. Das Ziel einer gewaltlosen Reaktion ist nicht zu zeigen, was für ein guter Mensch man selbst ist. Es geht noch nicht einmal darum, ein guter Mensch zu sein. Es geht einfach um das Verstehen der Wahrheit. Pancho meinte, was er sagte. Er wusste, dass der Polizist eigentlich nicht tun wollte, was er tat. Er sah ihn mit dem unerschütterlichen Wissen: “So bist du nicht wirklich. Deine Seele ist zu schön, um das zu tun.”

Ich stelle fest, Zeuge solcher Ereignisse zu sein oder von ihnen zu lesen, stärkt meine eigene Standfestigkeit in der Geschichte des Interbeing. Vielleicht werde ich mit dem Wissen um Panchos Geschichte in einer Situation, die meine Standfestigkeit in der neuen Geschichte herausfordert, ebenfalls fähig sein, sie entschiedener zu halten. Sicherlich begegne ich solchen Herausforderungen jeden Tag. Ich wurde nicht von der Polizei geschlagen, aber täglich sehe ich Menschen, die Dinge tun, die mich einladen, sie zu “Anderen” zu machen, sie zu dämonisieren, und zu versuchen, sie zu bestrafen oder zu manipulieren. Manchmal scheint es so, als wären ganze Zeitungen eigens dafür gemacht, den Leser in diese Denkart zu drängen. Sie ziehen uns in eine Welt der unentschuldbaren, schlechten Menschen und machen uns dafür anfällig, in unseren sozialen Beziehungen dementsprechend zu handeln.

Vor ein paar Wochen sprach ich in England über die sich ändernde Mythologie unserer Kultur. Um die wissenschaftliche Dimension dieser Verschiebung zu beschreiben, bezog ich mich nicht nur auf relativ gut aufgenommene Paradigmenwechsel wie den horizontalen Gentransfer und ökologische Inderdependenz, sondern auch auf kontroversere Beispiele wie morphische Felder und das Wassergedächtnis. Einer aus dem Publikum (es war ein kleiner Raum) rollte die Augen und schnaubte: “Ach komm schon!” Die Emotion hinter dem Protest war mit Händen greifbar, und ich fühlte mich in der Defensive. Was sollte ich tun? Mit der Mentalität von Gewalt wäre meine Reaktion zu versuchen, den Mann zu besiegen, und ich muss zugeben, dass ich auch damit begann. Ich sprach von meiner Bekanntschaft mit Rustum Roy, einem der größten Wissenschaftler des zwanzigsten Jahrhunderts, der nahezu von allen Materialwissenschaftlern als der Vater dieses Felds verehrt wird, und der Mechanismen der Nanostrukturierung und Mikrostrukturierung von Wasser aufgeklärt hat. Ich holte zu einem wissenschaftlichen Plädoyer für das Wassergedächtnis aus, bei dem ich die Forschungen Gerald Pollacks von der Universität Washington anführen würde und dann die Rufmordkampagne gegen Jacques Benveniste und so weiter, als ich den missmutigen Ausdruck im Gesicht meines Herausforderers bemerkte. Offensichtlich war seine Ablehnung des Wassergedächtnisses ideologisch und nicht durch irgendeine Lektüre begründet, und daher hätte er unvorbereitet keine Chance gehabt, mich in einer Debatte zu besiegen. Es würde ihn nur demütigen. Ich würde gewinnen, na und? Würde der Mann seine Meinung ändern? Vermutlich nicht. Er würde wahrscheinlich zu dem Schluss kommen, dass ich einen verzerrten Fall präsentierte, und er würde nach Hause gehen und den Eintrag über Wassergedächtnis auf www.skepdic.com lesen. Womöglich würde sich seine Ansicht nur verhärten.

Weil ich nicht im Dienste der Demütigung stehen wollte, nahm ich einen anderen Kurs. Ich beschrieb dem Publikum meine Beobachtung, dass hinter dieser Frage beträchtliche emotionale Energie steckt. Warum? Offensichtlich, sagte ich, haben wir es hier nicht nur mit einer intellektuellen Meinungsverschiedenheit zu tun. Woher kommt die Emotion? Es könnte es sein, mein Herr, dass sie sich große Sorgen um diesen Planeten machen, und dass sie unkonventionelle Ansichten als eine Ablenkung von der notwendigen praktischen Arbeit, die wir leisten müssen, betrachten. Vielleicht ist es, weil sie den Schaden sehen, den die Ignoranz der Wissenschaft in Bereichen wie dem Klimaschutz angerichtet hat. Es könnte sein, dass wundersame Möglichkeiten uns ängstigen, weil wir in einer Zivilisation leben, in der die wundersamen Möglichkeiten des menschlichen Lebens von unseren Systemen wie Bildung, Kindererziehung, Religion, Ökonomie und Rechtsprechung systematisch verraten wurden. Es könnte sein, dass wir uns vor der Auflösung unserer Weltsicht fürchten, die große Paradigmenwechsel so mit sich bringen.

Der Mann war nicht besänftigt; wenig später stand er auf und ging. Aber einige Leute sagten mir hinterher, dass dies einer der stärksten Momenten des Nachmittags war. Wer weiß, vielleicht fügte dieses Erlebnis von Begegnung statt Demütigung seinem Erfahrungsschatz ein weiters Federgewicht von Liebe hinzu.

Der beste Sieg, sagt Sunzi, ist der, bei dem der Verlierer nicht merkt, dass er verloren hat. In der alten Geschichte besiegen wir das Böse und lassen unsere Gegner jammernd und zähneknirschend im Staub zurück. Das soll nicht mehr sein. Und alle kommen auf diese Reise mit. In der neuen Geschichte verstehen wir, dass jeder, der zurückgelassen wird, das Ziel ärmer macht. Wir betrachten jeden Menschen als jemand mit einer einzigartigen Sichtweise auf die Welt. Wir fragen uns: “Welche für mich unsichtbare Wahrheit konnte dieser Mann von seinem Standpunkt aus sehen?” Wir wissen, dass da etwas sein muss; dass in der Tat jeder von uns in der Matrix allen Seins einen anderen Platz besetzt, genau um eine einzigartige Erfahrung zu unserer sich entwickelnden Gesamtheit beizutragen.

Ich weiß nicht, ob Panchos Begegnung mit dem Polizisten das Leben dieses Mannes direkt verändert hat. Ich weiß aber, dass jede Erfahrung von Liebe genauso wie jede Erfahrung von Hass einen Abdruck in unserem Inneren hinterlässt. Jede Begegnung mit der Liebe schubst uns in Richtung der Geschichte des Interbeing, weil sie nur in diese Geschichte passt und der Logik der Separation zuwiderläuft.

Ich denke, diese Geschichten machen klar, dass das Handeln aus dem Interbeing nicht gleichzusetzen ist damit, ein Fußabtreter oder passiv zu sein oder Gewalt zuzulassen. Es ist gewiss auch nicht dasselbe wie zu ignorieren, was in der Welt vor sich geht. Manchmal werde ich aus einer ganz anderen Richtung kritisiert als von denen, die mich naiv nennen, und zwar etwa so: “Charles, verstehst du es nicht? Alles ist gut. Wir sind alle eins. All diese ‘schlechten’ Dinge geschehen, damit wir an ihnen wachsen. Konzentrieren wir uns doch auf unsere Wohltaten und machen wir einen Bogen um alles Negative. Du kritisierst Technologie, aber schau – das Internet erlaubt es mir, mit meinem Sohn in China zu kommunizieren. Alles entfaltet sich perfekt.” Ich bin mit diesem Standpunkt nicht einverstanden, oder vielmehr denke ich, dass er ein lückenhaftes Verständnis eines metaphysischen Prinzips darstellt. Sich eine rosafarbene Brille aufzusetzen, um willentlich den Schmerz und die Hässlichkeit der Welt zu übersehen, ist so, als asphaltierte man eine Giftmülldeponie und hoffte, dass sie dadurch verschwände. Auf einer gewissen Ebene stimmt es, dass “alles gut ist” – aber das schließt auch unsere Wahrnehmung mit ein, dass etwas schrecklich falsch läuft. Erst diese Wahrnehmung mit dem Feuer, das sie in uns entfacht, eine schönere Welt erschaffen zu wollen, lässt wiederum erst wahr werden, dass “alles gut ist”. Die vollkommene Entfaltung schließt das Unvollkommene mit ein. Gegen die “negativie Einstellung” Widerstand zu leisten, ist selbst eine Form von Negativität, weil sie bestätigt, dass Zweifel, Furcht und so weiter tatsächlich negativ sind. Aber sie erfüllen eine wichtige Funktion, so wie alles andere auch. Das zu leugnen, die Furcht und den Schmerz zu leugnen, wäre in der Tat ein Augenverschließen vor der dunklen Seite. Aus dem Interbeing heraus zu handeln, heißt, keine einzige Tatsache oder Erfahrung, die sich uns darbietet, auszuklammern. Es erfordert aber, dass wir unsere gewohnheitsmäßigen Interpretation solcher Erfahrungen abstreifen. Das kann schwierig sein, weil diese Interpretationen nicht nur durch unsere Kultur subtil aber wirkmächtig verstärkt werden, sondern weil sie auch wie ein Pflaster für die tiefen Wunden der Separation sind, die die meisten von uns tragen.

Lassen Sie mich das wiederholen. Hass und die Geschichte vom Bösen sind ein Verband für die Wunde der Separation. Wir müssen diesen Verband abschälen und der Wunde Aufmerksamkeit schenken, damit sie heilen kann. Andernfalls werden wir fortfahren, selbst aus der Separation heraus zu handeln, und wir werden durch all unsere Taten unbeabsichtigt mehr davon erzeugen. Und wieder, können Sie in den Abgrund schauen, der sich auftut, ohne in den Hass abzustürzen? Können Sie bei der klaffenden, schmerzvollen Wunde bleiben, die diese Geschichten enthüllen? Können Sie sie schmerzen lassen und wieder schmerzen lassen und wissen, dass Sie, wenn Sie diesen Schmerz verinnerlicht haben, mit einer Weisheit, einer Klarheit und einer Wirksamkeit agieren werden, die die Vernichtung von Feinden bei weitem übertrifft?

Ich war drauf und dran zu sagen, dass ein Handeln aus dem Interbeing alles andere als eine hasenfüßige Kapitulation vor dem Bösen ist, sondern beachtlichen Mut erfordert. Aber dann wurde mir klar, dass sich eine solche Formulierung in die Denkform der Separation einklinkt. Sie würde nahelegen, dass jenen, die das nicht tun, der Mut fehlt, und dass Sie üben sollten mutig zu sein, um aus Liebe handeln zu können. Aber eigentlich ist es unser Eintauchen in die Geschichte des Interbeing, das uns mutig macht.

Zugegeben, es mag Situationen geben, in denen gewaltlose Mittel nicht ausreichen, aber wir, für die das Konzept des Bösen, das Paradigma der Gewalt und die Angewohnheit des “zum Anderen Machens” so selbstverständlich sind, neigen dazu, fast jede Situation in diese Kategorie einzuordnen. Die Gewalt ist vielleicht sehr subtil, zum Beispiel verkleidet in Absichten wie “sie zur Verantwortung zu ziehen”, was meist für Beschämung, Demütigung und Vergeltung steht. Selten nur haben wir die Vorstellungskraft, den Mut oder die Fähigkeit, aus einem echt gefühlten Verstehen der Menschlichkeit des Aggressors, oder des Undankbaren oder des Dummkopfs zu handeln. Allein dass Wörter wie Undankbarer, Dummkopf, Idiot, Lügner, Miesepeter, Steigbügelhalter, Imperialist, Rassist und so weiter existieren, fordert uns schon zu der dispositionalen Sicht auf, dass Menschen dies alles sind. Separation ist in unsere Sprache selbst eingebaut.iv Können Sie nun erkennen, wie tief die Revolution des menschlichen Seins gehen wird, die wir uns vornehmen? Können Sie sehen, wie machtvoll unsere Rahmenbedingungen uns darauf konditionieren, das Böse als eine Tatsache der Welt zu betrachten?

Selbst wenn der Leser nicht überzeugt ist, dass es das elementare, dem Wesen nach Böse nicht gibt, sollte immerhin klar geworden sein, dass die meiste Zeit das, was wir dem Bösen zuordnen, eigentlich aus der Situation heraus entsteht. Selbst wenn der Leser noch immer denkt, dass es eine “Diskontinuität gibt, die den gewöhnlich fehlbaren vom wirklich bösen Menschen trennt”, ist es klar, dass wir oft erstere als letztere einstufen. Das ist extrem wichtig, weil nämlich das Böse nur durch eine überlegene Macht besiegt werden kann, während alles andere dadurch geändert werden kann, dass man die Situation, die Gesamtheit aller äußeren und inneren Gegebenheiten, ändert. Zum großen Teil bestehen diese Gegebenheiten aus Geschichten, Schicht über Schicht, bis ganz hinunter zu unserer persönlichen und kulturellen Geschichte vom Selbst.

Das ist die Ebene, auf der wir arbeiten müssen, wenn wir eine andere Gesellschaft erschaffen wollen. Wir müssen zu Geschichtenerzählern einer neuen Welt werden. Wir erzählen die Geschichte nicht nur in Worten sondern auch in Taten, die der Geschichte entspringen. Jede dieser Taten zeigt allen, die sie sehen, dass es da draußen eine andere Welt gibt, einen anderen Weg zu sehen und zu sein, und dass sie nicht verrückt sind, wenn sie denken, dass es sie gibt.

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Jeder Akt von Großzügigkeit ist eine Einladung zur Großzügigkeit. Jeder Akt von Mut ist eine Einladung zum Mut. Jeder Akt von Selbstlosigkeit ist eine Einladung zur Selbstlosigkeit. Jeder Akt von Heilung ist eine Einladung zur Heilung. Ich bin sicher, Sie haben diese Einladung auch gespürt, wann immer Sie solche Akte miterlebt haben.

Ich las einmal eine Meldung über einen Zugunfall in Peru. Die Reisenden und Touristen waren in einer kalten, bergigen Region liegengeblieben, ohne Heizung oder Nahrung. Viele hätten in der Nacht sterben können, wenn nicht die Dorfbewohner vor Ort mit Nahrung und Decken gekommen wären. Dies waren arme Leute, und sie gaben ihre einzigen Decken. Ich erinnere mich, wie belanglos mir meine eigene materielle Unsicherheit erschien, als ich diese Geschichte las, wie eng mein Herz, wie winzig meine Großzügigkeit. Ich merkte, wie sich etwas öffnete. Wenn diese ärmlichen Dorfbewohner ihre letzten Decken gaben, dann brauche ich sicher nicht über meine finanzielle Zukunft besorgt zu sein. Ich kann geben. Es wird gut gehen.

Eine Möglichkeit, diese Geschichte zu interpretieren, ist schlusszufolgern, dass diese scheinbar ärmlichen Dorfbewohner offenbar viel wohlhabender sind als ich. Probieren wir einmal eine neue Definition von Wohlstand: “Die Leichtigkeit und Freiheit, großzügig sein zu können.” Vielleicht haben diese Dorfbewohner genau das, was wir mit unserem Streben nach Geld und seiner illusorischen Sicherheit zu erreichen suchen. Zum einen sind sie in Gemeinschaft und wissen, dass sich jene, die sie umgeben, um sie kümmern. Das gilt so nicht in einer Geldwirtschaft wie unserer. Zum anderen haben sie eine tiefe Verbindung zum Land und ein Gefühl der Zugehörigkeit. Durch ihre Beziehungen wissen sie, wer sie sind. Das ist ein Reichtum, den keine Menge Geldes ersetzen kann. Wir Modernen, die Unverbundenen, habe eine Menge Wiederaufbau zu leisten. Menschen wie diese Dorfbewohner und jeder Mensch, der noch aus dem Interbeing heraus lebt, erinnern uns an unseren potentiellen Wohlstand und die Grundwahrheit des Interbeing. Ihre Großzügigkeit bereichert uns allein schon dadurch, dass wir davon erfahren.

Jeder von uns hat das ein oder andere Mal das Glück gehabt, Zeuge von Großzügigkeit zu werden und zu spüren, wie uns das öffnet. Und doch, wenn Sie sind wie ich, dann kennen Sie auch diese Stimme, die sagt: “Aber was, wenn es nicht gut wird?” Was, wenn ich gebe und nur ausgenutzt werde? Was, wenn ich gebe, und dann selbst nichts mehr habe, und dann niemand da ist, der sich meiner annimmt?” Hinter diesen wehleidigen Fragen steckt noch eine andere, viel tiefer gehende: “Was, wenn ich allein bin in diesem Universum?” Das ist die Urangst des separaten Selbst. In seiner Logik ist es wahnwitzig zu geben. Wenn ich und die Welt aber eins sind, dann tue ich das, was ich der Welt tue, auch mir – dann ist Großzügigkeit ganz natürlich. Aber wenn ich von der Welt getrennt bin, gibt es keine Garantie, dass irgendetwas von dem, was ich tue, zu mir zurückkommt. Ich muss es so einfädeln, muss mir einen Weg für den Rücklauf zurechtbasteln, mich rückversichern. Wenn ich gebe, muss ich eine Art Handhabe über den Empfänger erwirken, gesetzlich oder emotional, um sicherzustellen, dass ich auch etwas zurück bekomme. Zumindest muss ich sicherstellen, dass andere Leute meine Großzügigkeit mitbekommen, damit sie beeindruckt sind und ich einen sozialen Gewinn erziele. Sie erkennen sofort, dass diese ganze Denkart dem Geist des Schenkens ganz und gar entgegensteht.

Diese Fragen: “Was, wenn sich niemand meiner annimmt? Was, wenn es nicht gut wird? Was, wenn ich allein bin im Universum?” liegen auch dem Bedenken zugrunde, eine Philosophie des Einsseins oder des Interbeing ignoriere die “dunkle Seite”. Wenn jemand versucht, mich dazu zu bringen, die Existenz des Bösen anzuerkennen, spricht er von etwas Schmerzhaftem. Ich kenne es wohl, weil es auch in mir ist. Es ist ein Gefühl der Entrüstung, Frustration und Hilflosigkeit. Es gibt dort draußen ein unerbittliches, übelwollendes Anderes, das das gesamte Universum durchwirkt, und so ist es immer ein bisschen töricht zu vertrauen, töricht zu geben, und es ist niemals wirklich sicher zu lieben. Freilich, wir leben ja in einer Welt, wo wir genau das oft erfahren haben. Kein Wunder, dass wir es für eine fundamentale Eigenschaft der Wirklichkeit halten und jede Leugnung als gefährlich naiv ansehen. Doch in Wahrheit projizieren wir unsere Erfahrung auf die Wirklichkeit, und dann sehen wir alles auf Basis dieser Projektion und geben ihr weitere Substanz, indem wir innerhalb ihrer Logik handeln.

Das Böse ist nicht nur eine Antwort auf die empfundene Separation, es ist auch ihr Produkt. Wie begegnen wir diesem unerbittlichen, übelwollenden Bösen? Weil Gewalt die einzige Sprache ist, die es es versteht, sind wir gezwungen, auch Gewalt anzuwenden; so wie der Orwellsche Dialog zeigt, den ich vorhin zitiert habe, werden auch wir böse. Im Namen des Siegs über das Böse haben die Menschen seit Jahrtausenden grauenvolle Taten begangen. Die Identität des Bösen verändert sich stets – die Türken vor Wien! die Ungläubigen! Die Bankiers! Die Franzosen! Die Juden! Die Bourgeoisie! Die Terroristen! – doch die Denkart bleibt die gleiche. Wie auch die Lösung: Gewalt. Wie auch das Resultat: mehr Böses. Müssen wir für immer gegen das Abbild unserer eigenen Wahnvorstellung kämpfen? Wir sehen die Resultate überall auf unserem vernarbten Planeten. Es gibt das Sprichwort: “Das größte Werkzeug des Teufels ist der Glaube, es gäbe ihn nicht.” Vielleicht ist genau das Gegenteil wahr: “Das größte Werkzeug des Bösen ist die Idee, es gäbe so etwas wie das Böse.”

Nehmen Sie sich ein wenig Zeit die Raffinesse dieses Paradoxons zu erfassen. Es sagt nicht aus: “das Böse existiert nicht.” Im Wesentlichen sagt es, dass das Böse eine Geschichte ist. Heißt das, es ist nicht real? Nein. Das Böse ist so real wie der Wilderer, der dem Elefanten die Stoßzähne abschneidet, wie Monsanto, die genetisch manipulierte Samen an indische Bauern verkauft, wie eine Regierung, die Drohnenangriffe auf Trauerzüge anordnet. Dies sind die Spitzen des Eisbergs, kleine Erschütterungen inmitten der Beben, die unseren Planeten zerstören.

Das Böse ist real – nicht weniger real, als jede andere Geschichte. Was sind solche anderen Geschichten? Amerika ist eine Geschichte, Geld ist eine Geschichte, sogar das Selbst ist eine Geschichte. Was könnte realer sein als Ihr Selbst? Und doch kann sogar das Selbst als illusorisches Konstrukt durchschaut werden, wenn wir durch Gnade oder Übung von seiner Geschichte befreit werden. Der Punkt ist nicht, dass wir das Böse als etwas Unwirkliches behandeln. Der Punkt ist, dass wir es auf der Ebene von Geschichten behandeln, statt seine eigenen unbewussten Voraussetzungen und seine Logik zu akzeptieren. Tun wir letzteres, dann werden wir seine Kreatur. Wenn wir ihm aber auf der Ebene von Geschichten begegnen und durch Worte und Taten die Mythologie, in der es lebt, dekonstruieren, dann gewinnen wir, ohne es zu besiegen. Die nächsten Kapitel behandeln eingehender das Arbeiten auf der Ebene von Geschichten: die alte zu unterbrechen und eine neue zu erzählen.

Wir haben einige Paradoxien erwogen: dass “alles gut” ist, weil wir erkennen, dass alles schrecklich falsch läuft; dass des Teufels größte Waffe die Vorstellung ist, es gäbe so etwas wie den Teufel; dass das Böse von der Vorstellung vom Bösen kommt. Um ein verbliebenes loses Ende in dieser Ontologie des Bösen noch zu verbinden, muss ich, fürchte ich, noch ein weiteres Paradox draufpacken. Nicht nur das Böse ist sowohl “real” als auch eine Geschichte; auch das “Reale” ist sowohl real als auch eine Geschichte. Unser Gebrauch des Wortes “real” verschlüsselt Annahmen über ein objektives Universum, die, wie wir im Kapitel “Wissenschaft” gesehen haben, höchst fragwürdig sind. Wir können nicht einmal sagen: “Realität ist nicht real”, denn damit schmuggeln wir einen objektiven Hintergrund ein, vor dem die Realität entweder real ist oder nicht. Ich könnte fragen: “Was, wenn die Realität für Sie real ist, aber nicht für mich?”, doch selbst dann schmuggelt das Wort “ist” dasselbe mit ein. Nachdem das gesagt ist, würde ich Sie bitten, für einen Moment die Gewohnheit des Objektivismus fallen zu lassen und zu überlegen, ob es möglich wäre, dass das Böse in der Geschichte der Separation existiert, und dass es in der Geschichte des Interbeing nicht existiert. Ich meine nicht, dass die eine Geschichte es gutheißt und die andere nicht. Ich meine, dass wir, indem wir zwischen Geschichten wechseln, zwischen Realitäten wechseln. Wie bewerkstelligt man diesen Wechsel? Darum geht es in diesem ganzen Buch.

Die absolute Trennung zwischen Subjekt und Objekt in Frage zu stellen führt zur Überlegung, was die Erfahrung des Bösen in einem selbst enthüllt, und auch welcher Seinszustand einen dazu bewegt, an das absolut Böse zu glauben oder nicht. Hatten Sie jemals eine persönliche Begegnung mit einer unerbittlichen, übelwollenden Macht, entweder in menschlicher Gestalt oder in einem veränderten Bewusstseinszustand? Wenn ja, dann kennen Sie das überwältigend intensive Gefühl machtloser Wut, Trauer und Angst, das diese Erfahrung hervorruft. Man wird zum Archetypen des Opfers: machtlos und vollkommen dem Erbarmen einer erbarmungslosen Macht ausgeliefert. Solange man diese Erfahrung nicht gemacht hat, ist es unmöglich zu verstehen, dass ein solcher Zustand in uns allen latent vorhanden ist. Die Erfahrung ist ein Vehikel der Selbsterkenntnis, die in eine sehr dunkle, unzugängliche Ecke unseres Seins führt. Als solche ist sie eine Art Medizin, gewiss eine bittere Medizin, aber vielleicht notwendig um die Ur-Wunde ans Licht der Bewusstheit und damit der Heilung zu bringen. Es würde mich interessieren zu erfahren, was Menschen, die von Psychopathen oder anderen grausamen Mächten zum Opfer gemacht wurden, gemeinsam haben. Sind sie nur zufällige Opfer, oder ist da etwas in ihnen, das solche Erfahrungen anzieht?

Jene, die, was sie machen, schamanische Arbeit nennen, stellen vielleicht dieselbe Frage über die “Entitäten”, die sich den Menschen anhaften. Sind dies beliebige, räuberische Mächte, wie die unpersönlichen Mächte der Natur, die die Unglücklichen heimsuchen? Oder gibt es da ein energetisches Loch, einen fehlenden Teil, eine Wunde, die die Konfiguration der anhaftenden Entität perfekt ergänzt? In diesem Fall erfüllt die Entität womöglich einen Dienst und verbindet sich mit dem Wirt zu einem symbiotischen Ganzen. Man könnte fragen, ob die Entität überhaupt eine getrennte Entität ist – oder könnte sie ein nicht integrierter Teil der Psyche sein? Gibt es überhaupt einen bedeutenden Unterschied zwischen diesen beiden Kategorien? Was ist denn überhaupt ein Selbst? Wenn wir Interbeings sind – die Gesamtheit all unserer Beziehungen – dann ist die Existenz eines fremden, anderen “Bösen” hoch problematisch.

Die Vorstellung, das Böse sei Teil eines größeren alchemistischen Tanzes, verkompliziert das gewöhnliche Narrativ vom Kampf auf der Seite des Guten gegen das Böse gewaltig. Wir könnten stattdessen das Böse, dem wir begegnen, als das äußere Abbild von etwas sehen, das in uns selbst verborgen ist. Im Gegensatz dazu hat das Konzept vom absoluten, unbarmherzigen Bösen große Ähnlichkeit mit den unpersönlichen, erbarmungslosen Mächten des Newtonschen Universums, das blindwütig Zerstörung über uns bringt. Es ist auch analog zu den knallhart konkurrierenden und von ihren Genen kontrollierten Robotern der Darwin´schen natürlichen Auslese. Beide sind Grundpfeiler der alten Geschichte. Liegt es nicht nahe, dass das Böse auch einer ist?

Träume, psychedelische Erfahrungen, und ein paar Erfahrungen bei wachem Bewusstsein haben mir gezeigt, dass, immer wenn ich eine Konfrontation mit einer bösartigen Macht einging, etwas in mir war, das diese Macht ergänzte. Wenn es echte Menschen waren, zog es mich in zwei Richtungen: hin zu einer Deutung der anderen Person als vollkommen böse, und einer zweiten Deutung, bei der sein oder ihr schreckliches Verhalten eine unschuldigere Erklärung hatte oder vielleicht eine Erklärung, die auch meine eigene Mitschuld einschloss. Trotz meiner größten Bemühungen war es nie möglich, mich zwischen beiden sicher zu entscheiden. Es war keine Frage von rein intellektueller Neugier. Ergreife ich präventive Maßnahmen? Behandle ich die Person als unerbittlichen Feind? Interpretiere ich eine scheinbar versöhnliche Geste als bloße List? Bietet mein Gefühl von Mitverantwortung dem Täter bloß einen Hebel, sollte ich also besser den Standpunkt einer schützenden Selbstgerechtigkeit einnehmen? Wie kann ich es sicher wissen?

Wie diese Fragen zu beantworten sind, ist von planetarischer Wichtigkeit, denn sie sind es, die die Palästinenser und Israelis, Sunnis und Schiiten, Hindus und Moslems beantworten müssen, um über Krieg und Frieden zu entscheiden. Ich stelle fest, dass es meist unmöglich ist, unwiderlegbare Beweise zur Entscheidung über diese Fragen zu finden, als könnte man da eine objektive Sachlage feststellen. Vielmehr erscheint es oft so, als würde jede Antwort, für die man sich entscheidet, wahr. Bevor die Wahl getroffen ist, scheint der Urteilende sich in einer Quantenüberlagerung verschiedener Zustände zu befinden. In jeder Geschichte, die wir in Betracht ziehen, gibt es für die andere Person eine Rolle. Durch die Wahl der Geschichte wählen wir auch ihre Rolle.

Nun zu einigen weiteren Verwicklungen. Erstens, was ist mit Situationen, in denen es naiv oder kontraproduktiv wäre, dem Gewalttäter weiterhin die Unschuldsvermutung zuzuerkennen, wie etwa in Fällen häuslicher Gewalt oder bei Suchtproblematiken? Zweitens, was ist mit Situationen, in denen die andere Partei die Einladung eine friedliche Rolle zu übernehmen nicht annimmt – was, wenn sie es ablehnt, auch in die Geschichte des Interbeing einzusteigen? Drittens ist es ja gut und schön zu sagen, dass Menschen mit einer bestimmten Psyche Erfahrungen von Verfolgung und Missbrauch anziehen, und dass die Begegnung mit dem Bösen Teil eines Entwicklungsprozesses sei, aber es erscheint doch wirklich gefühllos und arrogant, dies über Kleinkinder zu sagen, die von ihren Eltern missbraucht werden, oder ganze Bevölkerungen, die dem Genozid ausgesetzt sind.

Ich erwähne dies vor allem, um dem Leser, der Leserin zu versichern, dass ich nicht das Offensichtliche übersehen habe. Ich werden auf diesen Seiten nicht versuchen, diese und andere Punkte in aller Vollständigkeit zu beantworten; ich werde lediglich in eine Richtung deuten, wie man damit umgehen könnte und den Rest der Leserin, dem Leser selbst überlassen. Zuerst ist es wichtig zu unterscheiden, ob man die Geschichte “er ist böse” ablehnt, oder ob man sich auf die Geschichte des anderen Menschen einlässt. Ich spreche hier nicht von Kapitulation. Es ist ganz sicher möglich in der Geschichte des Interbeing zu stehen und sich liebevoll und mitfühlend zu weigern, dem Alkoholiker das Auto zu borgen, oder dem Frauenverprügler eine weitere Chance einzuräumen.

Und was den zweiten Punkt betrifft: Es ist bestimmt möglich, dass sich die andere Partei, selbst wenn Sie die Einladung in die neue Geschichte so offen halten wie Gandhi, weigert in sie einzutreten. In diesem Fall werden andere Umstände dazu führen, dass sie aus ihrer Welt hinausbefördert werden. Die, die mit dem Schwert leben, werden durch das Schwert sterben, und wir müssen es nicht auf uns nehmen die Mörder zu sein. Lao-tzu warnt: “Es gibt immer Vollstrecker. Wenn du ihre Funktion übernimmst, ist es, als würdest du versuchen, den Meisterschnitzer zu ersetzen – du wirst dir wahrscheinlich in die Finger schneiden.” Und die Bibel sagt: “Die Rache ist mein, spricht der Herr” (also ist sie nicht dein, nur Gottes).

Und wieder, ich sage nicht, es gäbe niemals eine Zeit zu kämpfen. Alle Dinge haben ihren Platz auf der Welt: der Bock kämpft gegen den Wolf, und manchmal kommt er damit durch. Es ist nur so, dass wir aufgrund unserer Ideologie die Mentalität des Kämpfens, des Ringens und der Kriegsführung weit über ihre eigentliche Domäne hinaus anwenden. Ich werde nicht versuchen Prinzipien herauszuarbeiten, die unterscheiden, wann ein Kampf “gerechtfertigt” ist; aus einem Prinzip zu entscheiden ist Teil der alten Geschichte, und außerdem sind Prinzipien leicht zu Rechtfertigungen für fast jede Gräueltat zu verbiegen. Ich möchte nur sagen, dass der Kampf, wenn er von Hass und Selbstmitleid begleitet wird, womöglich außerhalb seiner angemessenen Domäne liegt.

Der dritte Punkt eröffnet eine uralte theologische Frage über den Sinn des Bösen und des Leids in unserer Welt. Warum leiden die Unschuldigen? Hier ist ein Absatz aus einer langen Abhandlung dieser Frage aus dem Kapitel “Abgesang und Erlösung” meines Buches “Die Renaissance der Menschheit”. Sie können das ganze Kapitel (und das ganze Buch) online lesen.

Wir sehen Unglück oft als eine Art Bestrafung für frühere Vergehen, ein Thema, das die Religionen in Ost und West durchzieht. Im Osten ist es die Vorstellung, dass heutiges Leid für schlechtes Karma steht, das durch frühere Missetaten erzeugt worden ist. Im Westen haben wir das Bild eines Gottes, der die Städte Sodom und Gomorrah für ihre Sünden zerschmettert und Niniveh seiner „Verruchtheit“ wegen droht. Jedoch verlangt die offensichtliche Tatsache, dass meistens die Unschuldigen das größte Leid ertragen müssen alle Arten theologischer Verrenkungen: von früheren Leben bis zur Ursünde; von späterer Wiedergeburt bis zu Himmel und Hölle. Wie soll man sonst erklären, dass süße, unschuldige Babys auf Kinderkrebsstationen liegen? Wenn wir nicht blinden, mitleidlosen, zweckfreien Zufall dafür verantwortlich machen wollen, brauchen wir eine andere Erklärung für unsere unschuldigen Opfer. Vielleicht sind sie einfach große Seelen, die den enormen Bedarf an unschuldigen Opfern decken, den unsere Zivilisation erzeugt. „Ich werde gehen“, sagen sie. „Ich bin groß genug. Ich bin bereit für diese Erfahrung.“

Die Menschheit ist seit tausenden von Jahren auf einer Reise der Separation, und jede noch so kleine Ritze dieses Territoriums muss erforscht werden. Die Täter und die Opfer all dessen, was wir böse nennen, haben die äußersten Gebiete der Separation erforscht. Man könnte sogar das Böse definieren als die Separation: das vollkommene “zum Anderen Machen” einer Person, Nation oder der Natur, sowie die natürliche Konsequenz in ein fremdes Universum, getrennt von einem selbst, geworfen zu sein.

Denken Sie an die Übung auf dem Workshop: “Ich wollte etwas töten.” Es ist bedeutsam, dass das Etikett “böse” selbst eine umfassende Form des “zum Anderen Machens” ist. Dies ist eine andere Art zu sehen, dass das Konzept vom Bösen unweigerlich zum Phänomen des Bösen gehört.

Glücklicherweise haben wir nun, nachdem wir die Extreme der Separation erforscht haben, die Möglichkeit, uns auf die Rückreise zu machen. Wenn das Böse Teil unserer Geschichte von der Welt ist, entweder durch direkte Erfahrung oder als eine fundamentale ontologische Kategorie, dann möchte man vielleicht erforschen, wie diese Geschichte einem dient, und welcher Schmerz es ist, der einen zu ihr hinzieht. Denn noch einmal, Beweise und Logik werden die Frage nicht lösen, ob das Böse nun existiert. Ich habe ausführlich Argumente aus der situationistischen Psychologie, der Psychopathie, der Metaphysik und in zahlreichen Anekdoten geliefert, aber man könnte vielleicht jeden einzelnen Punkt entkräften, und ich könnte wieder jede Entkräftung entkräften bis in alle Ewigkeit. Wie werden Sie Ihre Geschichte wählen? Welchen Einfluss werden Sie darauf haben, wie andere ihre Wahl treffen? Ich schließe mit der Geschichte von Christian Bethelson als letztes Beispiel für die Erlösung vom Bösen und der Unterbrechung von Geschichten.

Meine Freundin Cynthia Jurs traf Christian Bethelson, als sie Friedensarbeit in Liberia leistete, das in den 1990ern unter einen grausamen Bürgerkrieg litt. Als Rebellenführer unter dem Pseudonym “General Leopard” bekannt, war Bethelson berüchtigt in einem Umfeld von Massakern, Kindersoldaten und Folter. Wenn irgendein Mensch böse ist, dann wäre er es gewesen; er war mit seinen eigenen Worten ein Mann “ohne Gewissen”. Schließlich endete der Krieg und damit auch Bethelsons Lebensgrundlage: Er konnte nichts anderes als töten. Er entschloss sich, in den nächstgelegenen Krieg zu ziehen, an der Elfenbeinküste, wo es Nachfrage nach seinen grausigen Diensten geben mochte. Auf dem Weg dahin blieb sein Auto im Schlamm stecken. Wer würde erraten, dass ein anderes Auto auf dem selben Straßenabschnitt zur selben Zeit ebenfalls im Schlamm steckte, und dass in diesem Auto Mitglieder einer Friedensgruppe namens “Everyday Gandhis” saßen? Neugierig gemacht von ihrer Unterhaltung, gab er sich als ehemaliger Rebellenführer zu erkennen. Er dachte, sie würden ihn verteufeln, ihn vielleicht sogar verprügeln, aber zu seinem Erstaunen versammelte sich die Gruppe um ihn, umarmte ihn und sagt ihm, dass sie ihn liebten. Er entschied, sich ihnen anzuschließen und sein Leben dem Frieden zu widmen.

Lassen Sie uns kein geringeres Wunder für den gesamten Planeten erwarten. Nehmen wir die Einladung in einen größeren Sinn für das Mögliche an, die es uns bietet.

iSiehe: Parabola magazine, “If You Want to Be a Rebel, Be Kind,” für eine detailliertere Beschreibung dieses Vorfalls.

iiPancho bittet mich klarzustellen, dass dieses Essen dann doch nie stattgefunden hat.

iiiIch sollte erwähnen, dass diese Textstelle äußerst uneindeutig ist. Viele Übersetzer entscheiden sich für die Interpretation, dass “seinen Feind zu unterschätzen” die konventionelle Herangehensweise ist. Mitchell hat ein subtiles, intuitives und in meinen Augen akkurates Verständnis für den Sinn des Textes und fügte daher den Satz hinzu, dass dieses Unterschätzen bedeutet, dass man den Feind für böse hält. Dieser Satz steht nicht im Original, aber er ist implizit in der nächsten Zeile, die besagt, dass, wenn Armeen aufeinandertreffen, die Mitfühlenden oder Empathischen gewinnen.

ivManche befürworten daher die Abschaffung aller erniedrigenden Bezeichnungen in unserer Sprache. Wenn wir statt “Narzisst” “Person mit narzisstischen Neigungen” und statt “Süchtiger” “Person mit einer Sucht” und statt “Lügner” “Person mit der Gewohnheit zur Unehrlichkeit” sagen, denken sie, wahren wir durch den Gebrauch unserer Sprache die Würde aller Menschen, indem wir das Verhalten von der eigentlichen Person trennen. Selbst “Held”, sagen sie vielleicht, sollte durch “Person mit heldenhaften Errungenschaften” ersetzt werden um nicht zu unterstellen, dass jene, die nicht so bezeichnet werden, nicht heldenhaft wären. Mich nerven die Verfechter – pardon, ich will sagen Menschen, denen man kämpferische Tendenzen zuschreiben kann – von politisch korrektem Schönsprech aus mehreren Gründen. Erstens, weil das eine Opfermentalität begünstigt und uns dazu verleitet, leicht beleidigt zu sein. Zweitens, weil die neuen Begriffe meist sehr schnell die alte abwertende oder abschätzige Konnotation annehmen, wie das die Entwicklung von “schwachsinnig” zu “zurückgeblieben” zu “geistig behindert” zu “Mensch mit besonderen Bedürfnissen” bis zu was auch immer der neueste Ausdruck sein mag, illustriert. Menschen können böse Absichten in ganz korrekte Worte kleiden. Auf einer tieferen Ebene können wir völlig korrekte Dinge sagen, während wir nichts tun.