Wenn wir, sagtest du, die Menschen nur nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter. Wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind. (Goethe)

Hinter der allgemeinen Ansicht, dass das Problem der Welt das Böse sei, und dass die Lösung darin bestehe, es zu besiegen, steckt ein nicht erfülltes psychologisches Bedürfnis nach Selbstbestätigung. Zwei Drittel unseres politischen Diskurses drehen sich um unser Bedürfnis recht zu haben und uns auf der Seite der Guten zu wissen. Wenn ein Mensch anderer Meinung ist als ich, weil er dumm, naiv, fehlgeleitet oder böse ist, dann muss ich klug, umsichtig, geistig unabhängig und gut sein. Sowohl positive als auch negative Wertungen dienen stillschweigend als Bezugspunkt (faul heißt: “fauler als ich”, und verantwortlich bedeutet: “verantwortlich wie ich”).

Warum besuchen Sie die Internetseiten, die Sie aufrühren und entrüsten? Wie auch immer Sie es vor sich selbst begründen (beispielsweise um “informiert zu bleiben”), vielleicht ist der wahre Grund die emotionale Befriedigung, die Erinnerung daran, dass Sie gerecht und klug, mit einem Wort, gut sind. Sie sind Teil der moralischen Elite. Wenn Sie noch mehr Rückversicherung möchten, können Sie eine Online-Diskussionsgruppe gründen, wo Sie und eine handvoll anderer Leute zusammenkommen, um sich darüber auszutauschen, wie recht Sie haben, und wie schlimm, unbegreiflich, böse und krank diese anderen Leute sind. Leider macht diese Befriedigung süchtig, und Sie werden nie genug davon bekommen. (Das wahre Bedürfnis ist hier die Selbstakzeptanz, und der angebotene Ersatz kann und wird es nicht stillen.) Bald schon wird jeder noch rechtschaffener sein wollen – rechtschaffener als bestimmte andere Leute in der Gruppe, in der schließlich die internen Kämpfe und persönlichen Angriffe ausarten.

Vielleicht wollen Sie sogar noch rechtschaffener sein. Gut, dann begehen Sie doch zivilen Ungehorsam, und lassen Sie sich verhaften oder von der Polizei verprügeln. Demonstrieren Sie durch ihr Leid, wie monströs die Mächtigen sind. Schaut, was sie mir angetan haben!

Nun sage ich nicht, dass Protest und Protestaktionen immer oder auch nur meistens in Selbstgerechtigkeit wurzeln. Beides sind machtvolle Wege, die Geschichte, die der Ungerechtigkeit Vorschub leistet, zu stören. Sie können die Hässlichkeit unter der Fassade des Normalen aufdecken. Zweifellos spielen bei den meisten Vollblutaktivisten beide Motive eine Rolle – sowohl echte Hingabe als auch Selbstgerechtigkeit. Je nachdem wie sehr Selbstgerechtigkeit ein Motiv war, werden die Ergebnisse dies widerspiegeln. Man wird sein Ziel erreichen: gut zu erscheinen und rechtschaffen zu sein und seine Gegner als böse erscheinen zu lassen. Und man wird den Hass in der Welt vergrößern. Die Sympathisanten werden hassen und wütend auf die Übeltäter sein. Ich nehme an, die unausgesprochene Hoffnung ist, dass diese Wut einmal so stark anschwillt, dass wir alle uns erheben und die Eliten stürzen. Aber was werden wir an deren Stelle errichten, erfüllt, wie wir sind, von Selbstgerechtigkeit und der Ideologie des Kriegs?

Militanz hat den weiteren Nachteil, dass sie die Unbeteiligten verprellt, die spüren, dass hinter dem vorgeblichen Ziel die Gesellschaft zu verändern ein anderes liegt, nämlich rechtschaffen zu erscheinen. Wenn Leute gegenüber wütenden Feministinnen, fanatischen Veganern und militanten Umweltaktivisten feindselig eingestellt sind, dann verteidigen sie nicht nur ihre Geschichte von der Welt und die damit verbundene Selbstzufriedenheit; sie verteidigen auch sich selbst gegen einen impliziten Angriff. Wenn Ihr Aktivismus, ob nun für sozialen Wandel oder für die Einführung einer gesünderen Ernährungsweise in Ihrer Familie Feindseligkeit hervorruft, dann mag das ein Spiegel für einen inneren Konflikt sein.

Selbst wenn die Reaktion auf Militanz nicht feindselig ist, kann der Militante leicht abgeschrieben werden: Sein Engagement gilt eigentlich nicht der Sache, sondern dem Kampf.

Die Aktivistin Susan Livingston schrieb mir über ihre Erfahrung mit einer Occupy-Gruppe am Caltech-Institut, die gegen einen Vertrag des Instituts mit BP über Biokraftstoffe protestierte. Sie sagte: “Ich war in Sorge über die militante Haltung von einigen Leuten beim Teach-in. Ich vermisste die in meinen Augen nötige Rücksicht auf die Leute am Ort des Geschehens – die Vielzahl an kleinen Bürokraten, Kleinanlegern und kleinen Geschäftsleuten, deren Lebensunterhalt von BP abhängt. Was sind die – ein Kollateralschaden? Und insbesondere nachdem ich den Film “The Drilling Fields” über die Zerstörungen an Mensch und Natur in Nigeria durch die Firma Shell gesehen hatte, war mir nicht daran gelegen, als Reaktion auf den Unmut einiger privilegierter Studenten, die auch ein Stück vom Kuchen wollen, nur BP herauszugreifen. Aber irgendwo müssen wir anfangen, und mit dem Privileg kommt die Möglichkeit überhaupt eine effektive Widerstandskampagne aufzubauen.”

In diesem Kommentar stellt Susan einen entscheidenden Zusammenhang zwischen Privilegiertheit und Militanz her. Militanz, die Kriegsmentalität, bringt immer Kollateralschäden mit sich. Immer muss irgendetwas für die Sache geopfert werden. Andere Menschen zu opfern (die Leute am Ort des Konflikts) ist auch die Mentalität, die das Elitedenken definiert: Aus welchem Grund auch immer sind jene anderen weniger wichtig als ich, meine Klasse, mein Anliegen. Die Privilegierten opfern immer andere zu ihrem (der anderen) eigenen Besten. Wenn sie manchmal auch sich selbst opfern, so tut dies ihrem Elitedenken keinen Abbruch.

Das solll nicht heißen, den Ölgesellschaften sollte erlaubt werden, mit dem fortzufahren, was sie tun, nur um den Lebensunterhalt von Tankstellenbesitzern zu gewährleisten. Es bedeutet nur, dass ein jeder gesehen und nicht abgeschrieben werden soll. Die Militanten denken, dass den Kampf aufgeben gleichbedeutend damit sei, die Bösen machen zu lassen, was sie wollen. Wäre die Welt tatsächlich zwischen den Guten und den Bösen aufgeteilt, könnte das stimmen, aber auch wenn uns das in vielen Filmen so erzählt wird, ist die Welt nicht so polarisiert. Alternativen zum Kampf können deshalb mehr und nicht weniger wirksam sein, um Veränderung zu bewirken.

Meist enden Aktionen, die aus Selbstgerechtigkeit unternommen werden, damit, dass die Selbstgerechtigkeit durch die feindseligen Reaktionen, die sie provoziert, bestätigt wird. Seht ihr? Ich habe doch gesagt, diese Menschen sind schrecklich! Protestaktionen, Proteste, Hungerstreiks und so weiter sind nur wirksam, solange Selbstgerechtigkeit keine Rolle spielt. Wenn sie als bewusste Hingabe an eine Vision dessen, was sein könnte, unternommen werden, dann sind sie tatsächlich machtvoll. Es müssen keine kriegerischen Handlungen sein; es können Akte der Ehrlichkeit, der Güte oder der Hingabe sein. Wie können Sie erkennen, dass Ihr Tun wirklich so motiviert und kein als Liebe maskierter Krieg ist? Wie können Sie erkennen, was Ihre eigenen Motive für Ihre politischen Aktivitäten im Internet oder auf der Straße sind? Nun, wenn Sie sich gegenüber anderen, die nicht so engagiert sind, überlegen fühlen, wenn Sie jene verurteilen, die es einfach nicht kapieren (und Sie daher an deren Stelle edelmütig Opfer bringen müssen) oder ihnen gegenüber eine gönnerhafte Nachsicht üben, dann spielt das Motiv, Ihr Gutsein unter Beweis stellen zu wollen, fast sicher eine Rolle. Und genau das werden Sie auch erreichen. Sie können sich dann voller Bewunderung für sich selbst zu Grabe tragen lassen. Sie können sich auf den Grabstein gravieren lassen: “War Teil der Lösung, nicht des Problems – im Gegensatz zu anderen Leuten.” Aber wollen Sie nicht lieber die Welt verändern?

Fragen Sie sich selbst, ob Sie denken, dass die Reichen, die Mächtigen, die Konservativen, die Sozialdemokraten, die Großwildjäger, die Bosse in der Fleischindustrie, die Ölbarone oder irgendeine andere Menschengruppe böse ist (oder schamlos, abstoßend, widerlich, etc.): Wären Sie bereit, diese Ansicht aufzugeben, wenn Sie das zu einem effektiveren Agenten der Veränderung machte? Sind Sie bereit, einen Blick darauf zu werfen, wie sehr Ihr Glaubenssystem ein großes Spiel ist, bei dem es darum geht, ein positives Selbstbild aufrecht zu erhalten?

Wenn Sie eine Abneigung gegenüber der Denkart, die ich hier beschrieben habe, ein Urteil gegenüber jenen, die darin verhaftet sind, oder eine Abwehrhaltung gegenüber der Frage, ob all das womöglich auf Sie zutrifft, empfunden haben, dann sind Sie vielleicht nicht ganz frei davon. Das ist in Ordnung. Diese Denkart hat ihren Ursprung nämlich in einer tiefen Wunde, die die Zivilisation fast jedem von uns zugefügt hat. Es ist der Schrei des separaten Selbst: “Und was ist mit mir?” So lange wir von dort aus agieren, spielt es keine Rolle, wer den Krieg gegen das Böse (was immer als solches gesehen wird) gewinnt. Die Welt wird nicht aus ihrer Todesspirale ausscheren.

Viele Leute (ich hoffe, ich bin nicht der Einzige!) treffen ethisch oder moralisch erscheinende Entscheidungen mit einem geheimen Ziel im Hinterkopf: um sich selbst und anderen ihre Tugenden zu demonstrieren; um sich die Erlaubnis zu geben, sich selbst zu mögen und gut zu heißen. Untrennbar mit diesem Ziel verbunden ist die Wertungsmentalität all jenen gegenüber, die nicht dieselben Entscheidungen treffen. “Ich bin ein guter Mensch, weil ich recycle (im Gegensatz zu manchen anderen).” “Ich bin ein guter Mensch, weil ich Veganer bin.” “Ich bin ein guter Mensch, weil ich Frauenrechte unterstütze.” “Ich bin ein guter Mensch, weil ich Geld für gute Zwecke spende.” “Ich bin ein guter Mensch, weil ich sozial verantwortlich investiere.” “Ich bin ein guter Mensch, weil ich die Belohnungen der Gesellschaft aufgegeben und mich auf die Seite der Unterdrückten geschlagen habe.” “Ich bin ein guter Mensch, weil ich Wurzeln und Beeren essend im Wald lebe mit einem CO2-Fußabdruck von Null.” Wir nehmen unsere eigene Selbstgerechtigkeit nicht wahr, aber andere können sie zehn Meilen gegen den Wind riechen. Die Feindseligkeit, die wir Aktivistinnen und Gutmenschen erregen, hat uns etwas zu sagen. Sie ist ein Spiegel für unsere eigene Gewalttätigkeit.

Derrick Jensen sagte einmal über Audre Lordes Ausspruch: “Es ist mir egal, wessen verdammte Werkzeuge ich verwende.” Der Grund dafür, nicht des Herren Werkzeuge zu verwenden ist nicht der, irgendeine Art moralischen Makel zu vermeiden. Es geht nicht darum, uns von den Mächtigen zu distanzieren und allen (und speziell uns selbst) zu demonstrieren, dass wir es vermeiden, die Methoden der Unterdrücker zu verwenden. Der Grund ist vielmehr, das diese Werkzeuge letztendlich unwirksam sind.

Wenn der Aufbau eines positiven Selbstbildes das Ziel unserer Aktionen ist, dann ist es genau das, was wir erreichen werden, nicht mehr und nicht weniger. Wie werden durch das Leben gehen und uns die ganze Zeit zu unserer überlegenen Ethik gratulieren, alle anderen bedauern, die das Licht nicht sehen, und es all jenen verübeln, die nicht wie wir Opfer gebracht haben. Aber die Trostlosigkeit unseres Sieges wird mit der Zeit immer offensichtlicher, wenn die Welt um uns herum brennt, und unser tieferes Bedürfnis, ohne jeden Zweifel zu wissen, dass wir zu einer schöneren Welt beitragen, unerfüllt bleibt.

Von einem Leser bekam ich eine äußerst kritische Reaktion auf einen Artikel von mir über die Demokratische Republik Kongo, in der er konstatierte, dass meine Erwähnung der lokalen Kriegsherren das Narrativ von den afrikanischen Wilden, die die Hilfe des weißen Mannes brauchen, stützen und die Schuld der wahren Täter in westlichen Firmen und Sitzungssälen verschleiern würde. Eigentlich war das erste Drittel des Textes den externen Wurzeln des Problems im Kolonialismus, der Sklaverei, dem Bergbau und der Weltfinanz gewidmet. Ich schrieb, dass es unter unserem gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzsystem immer einen Kongo geben wird. Ich kritisierte sogar ausdrücklich die Denkart des “Großen Weißen Retters”. Worüber hat sich der Leser also eigentlich so geärgert?

Mein anschließender Dialog mit dem Leser gibt einen Hinweis darauf, was das sein könnte. Ich antwortete ihm, ich stimme ihm zu, dass die Kriegsherren sowohl Opfer als auch Täter seien, aber dass selbiges auch über die Firmenbosse und Bankiers gesagt werden könne, und auch über uns alle, die Mobiltelefone nutzen, in denen seltene Erden enthalten sind, die mit viel Gewalt und Zerstörung in Ländern wie dem Kongo abgebaut werden. Wir seien alle sowohl Opfer als auch Täter, sagte ich. Der wahre Verursacher sei das System; deshalb gehe jede Strategie fehl, die eine bestimmte Gruppe niederträchtiger Menschen als Verursacher sehe, und müsse schlussendlich scheitern.

Die Antwort erzürnte meinen Kritiker. “Wie können Sie es wagen, eine moralische Ebenbürtigkeit zwischen diesen Kriegstreibern aus den Sitzungssälen, die wissentlich Elend über Millionen von Menschen bringen, und gewöhnlichen Konsumenten zu postulieren, die bloß ein Mobiltelefon nutzen? Diese Menschen müssen entlarvt, vor Gericht gestellt und zur Verantwortung gezogen werden.”

Aha, dachte ich. Er ist wütend, weil mein Artikel seinen rechtschaffenen Ärger nicht bestätigt. Natürlich gehört die Funktionsweise des Systems auf allen Ebenen, einschließlich der Sitzungssäle, entlarvt. Aber wenn dieses Bemühen der Annahme entspringt, es handle sich um moralisch verwerfliche Menschen, und das Problem könne grundsätzlich gelöst werden, indem man sie bestraft und “zur Verantwortung zieht”, dann lassen wir das eigentliche Problem unberührt. Wir werden vielleicht vorübergehende, räumlich umschriebene Verbesserungen verzeichnen, aber der Hauptpegel der Flut von Hass und Gewalt wird stetig steigen.

Einige Menschen sind jedes Mal aufgebracht, wenn sie etwas lesen, das nicht auf irgendeine Weise die Geschichte bestätigt, dass “diese widerlichen Leute da draußen gestoppt werden müssen.” Sie bringen Bezeichnungen wie “naiv” in Stellung oder beschuldigen den Autor, sich verkauft zu haben, ein Rassist oder ein Gelackmeierter zu sein, der das Böse in den Mächtigen nicht sieht. (Jener Kritiker unterstellte mir, dass ich meine Geschichte abgemildert hätte, um sie für Entscheidungsträger bei prestigeträchtigen Magazinen schmackhafter zu machen.) In Wahrheit verteidigen sie nur ihre Geschichte. Die Heftigkeit der Attacken offenbart auch eine persönliche, emotionale Dimension in ihrer Verteidigung. Wenn man eine Handvoll schlechter Menschen als das Problem betrachtet, fällt man selbst in die Kategorie der “guten Menschen” und entschuldigt die eigene Mittäterschaft. Jede Bedrohung dieser Geschichte ist damit eine Bedrohung des eigenen Gutseins und der Selbstakzeptanz, was wiederum fast wie eine Bedrohung des eigenen Lebens empfunden wird; deshalb diese erbitterte Reaktion.

Eine typische Art sich gegen jemanden zu verteidigen, der glaubt, man sei böse, ist, dem Angreifer das Gleiche vorzuwerfen. Schauen Sie sich die Kommentarspalten von Artikeln im Internet an. Auch wenn sich die oberflächlichen Meinungen auf rechts- oder linksgerichteten Seiten unterscheiden, ist die darunter liegende Geschichte die gleiche: Der anderen Seite fehle es grundsätzlich am menschlichen Anstand. Sie seien ignorant, selbstgerecht, dumm, unmoralisch, unentschuldbar, krank. Und das geschieht nicht nur im politischen Bereich – man findet es in jeder polarisierten Debatte. Der Physiker Max Tegmark, Mitautor der Umfrage des M.I.T. zu Wissenschaft, Religion und Ursprung (und selbst ein Atheist), war überrascht über die beißenden Kommentare nicht nur von religiösen Fundamentalisten, sondern sogar mehr noch von denen der Atheisten. Er merkte an: “Ich kann nur erstaunt darüber sein, wie sehr sich der Diskussionsstil mancher Leute sowohl im religiösen, als auch im anti-religiösen Lager ähnelt.”i

Offensichtlich können nicht beide Seiten mit der impliziten These recht haben, dass in ihrem Lager die besseren Menschen sind. Deshalb ist es so fruchtbar, Gegner, die einander dämonisiert haben, in einem Raum zusammen zu bringen und dabei Bedingungen zu schaffen, in denen ihre gegenseitige Menschlichkeit offensichtlich werden kann (zum Beispiel durch aufmerksames Zuhören oder das zeitweilige Unterlassen von Wertungen). Israelis und Palästinenser, Abtreibungsbefürworter und -gegner, Umweltaktivisten und Unternehmensleiter lernen, dass ihre bequeme Erklärung “die sind einfach böse” nicht stimmt. Sie werden vielleicht ihre Meinungsverschiedenheiten beibehalten, und die größeren Systeme, die ihre Interessenkonflikte hervorbringen, werden weiterhin gelten; sie werden weiterhin Gegner, aber keine Feinde mehr sein.

Wenn beide Konfliktparteien die Niederlage und Erniedrigung der jeweils anderen Seite feiern, dann sind sie faktisch auf derselben Seite: der Seite des Krieges. Und ihre Differenzen sind viel oberflächlicher als ihre unausgesprochene und gewöhnlich unbewusste Einigkeit in der Auffassung, dass das Problem der Welt das Böse sei.

Diese Einigkeit ist fast allgegenwärtig. Schauen Sie sich die Handlung so vieler Hollywoodfilme an, in denen die Lösung des Dramas die totale Niederlage eines unverbesserlichen Schurken ist. Von großangelegten Filmen wie “Avatar” bis hin zu Kinderfilmen wie “Der König der Löwen” oder “Ralph reicht´s”, ist die Lösung immer die gleiche: besiege das Böse. Bezeichnenderweise haben neben Kinderfilmen vor allem “Action”-Filme eine solche Handlungslogik. Da verwundert es nicht, dass der Sieg über den Schurken so oft auch die unhinterfragte programmatische Annahme hinter diversen politischen Aktionen ist. Ich brauche weiters nicht zu erwähnen, dass sie auch die Kriegsmentalität definiert.

Und da das Etikett “böse” ein Mittel ist, ein “Anderes” zu erschaffen, könnte man auch sagen, dass dies die prägende Mentalität in unserer Beziehung zu allem ist, was wir zu einem Anderen gemacht haben: die Natur, den Körper, ethnische Minderheiten und so weiter.

Weniger offensichtlich ist in der westlichen Auffassung von Geschichten und Handlung eine Art Krieg in die narrative Struktur des klassischen Drei- oder Fünfakters eingebaut, in dem ein Konflikt entsteht und schließlich gelöst wird. Ist eine andere Struktur möglich, die nicht langweilig ist, und die noch immer als Handlung bezeichnet werden kann? Ja. Wie der Blogger “Still Eating Oranges” feststellt, gründet die ostasiatische Geschichtenstruktur namens Kishōtenketsu nicht auf Konflikt.ii Aber für uns im Westen geht es in einer Geschichte fast durchwegs darum, dass irgendetwas oder irgendjemand besiegt werden muss. Das färbt gewiss unsere Weltsicht und lässt “das Böse” – die Essenz dessen, was überwunden werden muss – als ganz natürliche Grundlage der Geschichten erscheinen, die wir konstruieren, um die Welt und ihre Probleme zu verstehen.

Unser politischer Diskurs, unsere Medien, unsere wissenschaftlichen Paradigmen, sogar unsere Sprache selbst machen uns geneigt, Veränderung als das Ergebnis eines Kampfes, eines Konflikts und von Gewaltanwendung zu sehen. Um aus einer neuen Geschichte heraus zu handeln und eine neue Gesellschaft zu erschaffen, braucht es eine grundlegende Transformation. Trauen wir uns? Was, wenn ich falsch liege? Besehen wir uns die Natur des Bösen noch genauer.

iMax Tegmark: “Religion, Science and the Attack of the Angry Atheists,” Huffington Post (19 Februar 2013).

ii”The significance of plot without conflict”, geposted auf Tumblr am 15. Juni 2012.