Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.  ( Friedrich Nietzsche)

Wenn man einen Gegner als Mensch betrachtet, kann das für Verbündete, die noch immer in der Geschichte des Hasses leben, herausfordernd sein. Sie betrachten die neue Haltung vielleicht als Schwäche oder Verrat. “Wie kannst du nur solche Menschen entschuldigen?”

Ein Freund von mir, ein dem Frieden verpflichteter Veteran, erzählte mir die Geschichte von seinem Freund, der die Gelegenheit hatte, als persönlicher Koch von niemand geringerem als Dick Cheney zu arbeiten, einem Mann, den Millionen liberal eingestellter Amerikaner als einen schrecklichen Menschen, einen seelenlosen, falschen, intriganten Kriegstreiber betrachten. Mein Freund, der eine Bestätigung seiner Sichtweise erwartete, fragte seinen Freund, wie es so sei, für Cheney zu arbeiten. “Großartig,” war die Antwort. “Du kannst eine Menge über jemandes Charakter sagen, wenn du dir anschaust, wie er Untergebene behandelt, und er hat mich immer mit Wärme, Würde und Respekt behandelt, obwohl ich bloß ein Koch war.”

Dies ist keine Billigung von Dick Cheneys politischen Ansichten oder Verhaltensweisen. Der springende Punkt ist, dass ein vollkommen anständiger Mensch mit denselben Grundbedürfnissen und Ängsten wie jeder andere auch, in einem Zusammenhang schreckliche Dinge und bewundernswerte in einem anderen tun kann.

Der Irrtum, schlechtes Verhalten darauf zurückzuführen, dass jemand als Person böse ist, hat ein Spiegelbild, das tatsächlich eine Art Verrat zur Folge hat: und zwar zu denken, dass, weil Cheney oder irgendein Konzernboss freundliche, intelligente Leute sind, ihre Ansichten wohl auch nicht so verkehrt sein können. Dies führt zum “Realo-Phänomen”- das jene beschreibt, die so lange eng mit ihren Gegenspielern in der Regierung und in Unternehmen zusammengearbeitet haben, dass sie vieles von deren Weltsicht und, noch heimtückischer, von ihrem Verständnis darüber, was möglich, praktisch und legitim ist, angenommen haben. Es ist eine echte Herausforderung, einer Sache wahrhaftig treu zu bleiben, ohne jene geringzuschätzen, die sich ihr nicht verschrieben haben.

Wäre es nicht nett, wenn das Problem tatsächlich die Gier und Bosheit einiger niederträchtiger Individuen wäre, die die Zügel der Macht in Händen halten? Die Lösung wäre dann so einfach: Man entferne diese Leute von der Macht, und schon ist die Welt von allem Übel gereinigt. Aber das ist bloß mehr vom selben Krieg gegen das Böse, der uns schon begleitet, seit die ersten bäuerlichen Zivilisationen das Konzept des Bösen überhaupt erfunden haben. Mehr vom Selben wird nur mehr vom Selben bringen. Die Zeit ist wohl reif für eine tiefergehende Revolution.

Die Transition-Aktivistin Marie Goodwin kommentiert: “Das Lösungskonzept das `Böse´ mit der Wurzel auszureißen würde die Beseitigung aller Weltprobleme, die doch so unlösbar erscheinen, zu einer schaffbaren Aufgabe innerhalb unseres gegenwärtigen Weltbildes machen. Deshalb verteidigen wir es um jeden Preis. Ich denke, dass die Menschen heute vom fortwährenden Sperrfeuer schlechter Nachrichten und Katastrophenmeldungen überwältigt werden, die alle (so wird uns erzählt) dadurch gelöst werden können, dass wir, zumeist mit Gewalt, den Kampf Gut gegen Böse gewinnen.”

Das beruhigt, weil dadurch viele Probleme auf eines reduziert werden, und uns die Welt auf eine Art erklärt wird, die unsere tiefere Mythologie nicht in Frage stellt.

Auf verrückte Weise begehen wir tatsächlich, wenn wir es ablehnen zu hassen, einen Verrat. Wir verraten den Hass selbst; wir verraten die Geschichte von der Welt, die Gut gegen Böse gegeneinander antreten lässt. Indem wir dies tun, wecken wir Verachtung und Zorn bei unseren alten Verbündeten, die uns als Weichlinge verspotten und es für naiv halten zu glauben, man könnte ihre Gegenspieler anders denn als unerbittliche Feinde behandeln.

Ich erinnere mich noch an eine Kolumne des brillianten und aggressiven Linken, Alexander Cockburn, in der er sich eine prägende Erfahrung während seiner Ausbildung als politischer Journalist ins Gedächtnis ruft. Ein Redakteur fragte ihn: “Ist dein Hass auch rein?” – ein Refrain, den Cockburn so manchem Praktikanten gegenüber wiederholte. Cockburns Welt war eine von Heuchlern und Aufschneidern, von Käuflichkeit und Gier, von schamlosen Lügnern und bewusst grausamen Führern und von den Kriechern und Anreißern, die es ihnen ermöglichten, so zu sein. Ich muss mein unheiliges Vergnügen darüber zugeben, wie er mit Witz und Vitriol seine Gegner erledigte, aber ich war mir auch des psychologischen Drucks bewusst, seiner Weltsicht zuzustimmen (unabhängig von den Beweisen oder Argumenten, die er lieferte), wenn ich nicht zu den Betrogenen und Apologeten gezählt werden wollte, die er so bösartig kritisierte.

Mit demselben Eifer, wenn auch vielleicht mit weniger Finesse, gehen die Experten der Rechten vor. Unter der Schlacke von Meinungen herrscht die gleiche Denkart vor. Auch wenn wir persönliche Angriffe als ungerecht und irrelevant erkennen, sind wir nicht in der Lage, der Versuchung zu widerstehen sie selbst zu führen, weil unsere Glaubenssätze von Dispositionsdenken durchwirkt sind. Die und die stimmt mir nicht zu, weil sie ein schlechter Mensch ist. Anstelle von “schlecht” setzten wir vielleicht alle möglichen anderen Adjektive ein, doch die Wertung bleibt immer offensichtlich.

Ich habe es aufgegeben, Kommentare zu meinen Artikeln zu lesen, weil ich ständig durch persönliche Schmähungen waten muss. Kommentatoren unterstellen mir alle möglichen intellektuellen und moralischen Mängel. Ich sei naiv. Ich sei ein narzisstischer Möchtegern-Hippie, der nie irgendwelche echten Erfahrungen hatte. Ich sei nur irgendein arroganter, weißer Mann, der sich in den Vordergrund stellt. Ich habe einen trivialen logischen Fehler in meiner Argumentation übersehen. Ich sollte mir einen richtigen Beruf zulegen. Und auf der anderen Seite projizieren meine Unterstützer verschiedenste Eigenschaften eines Heiligen auf mich, die ich offensichtlich nicht besitze, zumindest nicht mehr als jeder andere auch.

Das fühlt sich gut an. Das Problem ist nur, sobald man erst mal auf einem Sockel steht, geht es rundherum nur bergab. Das kleinste Fehlverhalten auf meiner Facebook-Seite provoziert heftige Kritik. Ich stelle ein Foto meines Teenager-Sohnes mit seiner Partnerin beim Abschlussball ein und werde dafür kritisiert, Frauen zu Objekten zu machen (weil ich sie als sein “Abschlussball-Rendezvous” bezeichnet habe). Ich stelle ein Foto meines kleinen Sohnes ein, der auf meinem Schoß schläft, während ich schreibe, und werde dafür kritisiert, dass ich ihn dem Elektrosmog aussetze, statt ihm einfühlsam Aufmerksamkeit zu schenken. Ich will mich hier nicht verteidigen – die Kritik hat sicherlich gewisse Berechtigung. Was hier bedeutsam ist, sind die Aussagen mancher Kritiker, wie: “Jetzt muss ich an Ihrer Botschaft zweifeln,” oder: “Ihre Arbeit kann ich nun nicht länger guten Gewissens befürworten”. Das ist alarmierend: Ich möchte ganz bestimmt nicht, dass es von meiner persönlichen moralischen Unbeflecktheit abhängt, ob jemand, sagen wir, meine Vorschläge aus “Ökonomie der Verbundenheit” gutheißt. Wenn Sie dieses Buch lesen, weil Sie unter dem Eindruck stehen, dass ich eine Art Heiliger bin, dann können Sie das Buch genauso gut gleich weglegen, damit Sie nicht später auf meiner Facebook-Seite entdecken, dass ich nicht besser bin, als irgendein anderer Mensch, sich daraufhin betrogen fühlen, und meine Botschaft als die Schwärmereien eines Heuchlers abtun. Ich hoffe, dass Sie diese Ideen um ihrer selbst willen und nicht aufgrund meiner Verdienste beurteilen.

Persönliche Angriffe sollen die Botschaft diskreditieren, indem man den Überbringer diskreditiert – eine Taktik, die das Dispositionsprinzip (wer Schlechtes sagt, ist ein schlechter Mensch) umkehrt: Kann man zeigen, dass es sich um schlechte Menschen handelt, dann muss auch das, was sie sagen, schlecht sein. Der Situationist weiß, dass diese Sicht fehl geht, und dass Taktiken, die darauf beruhen, sehr wahrscheinlich kontraproduktiv sind. Ja, wir sollten weiter die historischen Wahrheiten und die Weltvorgänge offenlegen, aber wenn wir wollen, dass diese Wahrheiten gehört werden, müssen wir aufhören, diese Entlarvungen in den üblichen Halbschatten von Schuldzuweisungen zu stellen. Die Logik der Kontrolle sagt uns, dass wir die Täter ändern, indem wir sie beschämen, aber tatsächlich treiben wir sie nur tiefer in ihre Geschichte. Wenn ich angegriffen werde, suche ich mir Verbündete, die mich verteidigen. “Nein, es sind die Umweltaktivisten, die sich schämen sollten, nicht du!” Und so drehen wir uns weiter und weiter auf dem Karussell der gegenseitigen Anschuldigungen.

Wenn wir solche rhetorischen Schnörkel aufbieten wie: “Die Schuld liegt bei den nimmersatten Bankstern, die sich keinen Deut um die Sorgen des kleinen Mannes oder die Zerstörung der Umwelt kümmern”, dann machen wir uns selbst vor den Bankiers lächerlich, denn auch sie sorgen sich wie die meisten Menschen um ihre Mitmenschen und den Planeten. Wenn wir sie erreichen wollen, müssen wir bei der Formulierung des Problems vermeiden, ihnen zu unterstellen böse Menschen zu sein, und doch sollte sie kompromisslos in der Analyse der Problemdynamik sein. Ich kann keine Patentlösung dafür anbieten. Die richtigen Worte und Strategien entstehen von selbst aus dem Mitgefühl: der Einsicht, dass ich genauso handeln würde, wäre ich an des Bankiers oder sonst jemandes Stelle. Anders ausgedrückt kommen mitfühlende (und damit wirkungsvolle) Worte aus der tief empfundenen Erkenntnis der uns gemeinsamen Menschlichkeit. Und dies ist nur in dem Ausmaß möglich, in dem wir das Gleiche auch auf uns selbst anwenden. Um wirklich ein effektiver Aktivist zu sein, braucht es einen entsprechenden inneren Aktivismus.

Wenn wir selbst in einer anderen Geschichte als der von Schuld und Hass leben, werden wir fähig, auch andere von dort wegzubringen. Unsere friedvollen Herzen ändern die Situation, indem sie die Geschichte unterbrechen, in der Hass von selbst entsteht, und indem sie eine Erfahrung bieten, die auf eine neue Geschichte hinweist.

Warten Sie. Vielleicht sage ich dies nur, weil ich naiv bin. Vielleicht hat mich meine bequeme, verhätschelte Erziehung blind gemacht für die Realität des Bösen und für die Notwendigkeit, es zu bekämpfen. Es stimmt, dass ich nicht aus erster Hand die schlimmsten Dinge erfahren habe, die Menschen einander antun können. Aber lassen Sie mich hier die Geschichte des südkoreanischen Aktivisten und Bauern Hwang Dae-Kwon anführen.i Hwang war in den 1980er Jahren ein militanter antiimperialistischer Demonstrant – damals, in der Zeit des Kriegsrechts, eine gefährliche Angelegenheit. Er wurde 1985 von der Geheimpolizei verhaftet und sechzig Tage lang gefoltert, bis er schließlich gestand, für Nordkorea zu spionieren. Danach musste er dreizehn Jahre im Gefängnis in Einzelhaft verbringen. In dieser Zeit, so sagt er, waren die Fliegen, Mäuse, Wanzen und Läuse seine Zellenkumpane und einzigen Freunde, zusammen mit den Unkräutern im Gefängnishof. Diese Erfahrung machte ihn zum Ökologen und zum Praktizierenden der Gewaltlosigkeit. Er erkannte, sagte er mir, dass alle Gewalt, die er ertragen hatte, ein Spiegel der Gewalt in ihm gewesen war.

Sein erstes Gebot für den Aktivismus ist es nun ein friedvolles Herz zu bewahren. Kürzlich auf einer Demonstration marschierte eine Riege Polizisten in Straßenkampfmontur auf die Demonstranten zu. Hwang ging mit einem breiten Lächeln auf einen der Polizisten zu und umarmte ihn in aller Herzlichkeit. Der Polizist erstarrte vor Angst – Hwang sagte, er konnte den Schrecken in seinen Augen sehen. Hwangs Friedfertigkeit machte ihm die Gewaltausübung unmöglich. Damit dies “funktioniert”, muss die Friedfertigkeit allerdings echt und tief sein. Das Lächeln muss wahrhaftig sein. Die Liebe muss wahrhaftig sein. Wenn es da eine Intention gibt zu manipulieren oder den anderen vorzuführen, die Brutalität herauszustreichen, indem man sie mit der eigenen Gewaltlosigkeit kontrastiert, dann ist die Macht des Lächelns und der Umarmungen um vieles weniger stark.

iIch hörte Hwang von diesen Erfahrungen auf einer Konferenz und in persönlichen Gesprächen reden. Er schrieb auch Memoiren über seine Gefangenschaft betitelt “A Weed Letter”, die ein Bestseller in Korea waren.