Was am meisten Aufmerksamkeit braucht, ist der Teil in uns, den zu fühlen wir möglichst vermeiden. Wenn wir uns ihm zugewendet haben, dann sind wir verändert, und die Welt verändert sich mit uns. (Dan Emmons)

Darf ich Ihnen einen meiner inneren Monologe als Beispiel geben, das das Nicht-Tun als aktives Prinzip veranschaulicht? Eines Morgens brachte ich mein Auto für die TÜV-Plakette zur Werkstatt und, statt meine damals schwangere Frau Stella zu bitten, früh aufzustehen um mich abzuholen, ging ich die acht oder zehn Kilometer zu Fuß nach Hause. Hier muss ich klarstellen, dass das für mich überhaupt nichts Unangenehmes war – ich liebe das Gehen, ich trug bequeme Schuhe, und das Wetter war kalt aber klar. Als ich so ging, begann ich zu denken: “Mann, das dauert aber ganz schön lange. Ich frage mich, wie ich da was für mich rausholen könnte. Ich weiß es: Wenn ich heimkomme, werde ich ein bisschen Theater spielen und mich müder und hungriger geben, als ich es bin, damit Stella denkt, ich hätte ihretwegen eine Entbehrung auf mich genommen. Dann wird sie extra nett zu mir sein.”

Das schien ein bisschen zu platt, also überlegte ich mir etwas Besseres. “Ich kann ein tapferes Gesicht aufsetzen und sagen, ich sei nicht müde oder hungrig, aber auf subtile Weise signalisieren, dass ich es doch bin. Dann werde ich damit punkten, dass ich nicht nur ein Opfer für sie gebracht habe, sondern auch noch heldenhaft versuchte, es nicht zu zeigen.”

Als ich beide Pläne als Gewohnheiten der Separation erkannte (Knappheit von Liebe, das Verlangen zu manipulieren und zu kontrollieren, psychologische Gewalt gegen eine “Andere” auszuüben, die sich sonst nur um sich selbst kümmern würde), entschied ich mich, sie nicht umzusetzen. Das war der Moment, in dem Plan C entstand. Ich würde meine Müdigkeit wirklich geheim halten. Ich würde sie in Stille ertragen und keine kindischen Spielchen spielen. Aber halt, das ist auch nicht gut: Ich würde so die Rolle eines Märtyrers spielen, immer noch eine Gewohnheit der Separation, weil sie die Anstrengung aufwertet und mich sowohl von Stella als auch von der Dankbarkeit abschneidet. Weiter zu Plan D: Ich würde jemand sein, der über all das hinaus ist. Dann könnte ich mit mir selbst zufrieden sein und – – würde ich mir dann etwas darauf einbilden und auf andere herunterschauen, die solche Dinge immer noch tun? Nein! – Ich würde tolerant und nicht wertend anderen ihren eigenen Weg zugestehen.

Mir wurde schnell klar, dass dummerweise auch das aus der Separation kam. Warum bin ich so darauf erpicht, mich selbst als gut zu erweisen und irgendeiner Norm von Tugend zu entsprechen? Auch das kommt aus einem Mangel. In der Wiedervereinigung sind Selbstliebe und Selbstakzeptanz ganz natürlich, ein Grundzustand. Sogar ein positives Selbsturteil ist immer noch ein Urteil: Es ist eine vorbehaltliche Anerkennung.

Das führte zu Plan E. Ich würde das als Gelegenheit nutzen, um eine nüchterne Bestandsaufnahme meiner Gewohnheiten der Separation vorzunehmen und sie hinter mir zu lassen. Ich würde jemand sein, der ernsthaft an sich selbst arbeitet, jemand der keine Zeit für Selbstmitleid, Selbstlob oder andere Oberflächlichkeiten hat, die die wichtige Arbeit, die vor mir lag, behindern würden. Ups. Hier konstruiere ich ein hübsches Selbstbild, das ich mögen kann. Noch mehr Separation.

Vielleicht hätte ich als allerletzten Plan beschließen können, mich für all diese Pläne und für mich selbst zu schämen und mir so eine Absolution verdient, weil ich mich zumindest selbst widerlich finde. Den habe ich damals gar nicht in Betracht gezogen, aber Sie sind herzlich eingeladen ihn auszuprobieren, wenn Sie mögen.

Wie mir erzählt wurde, haben Meditierende oft solche stufenweisen Erkenntnisse und sind erstaunt, wie raffiniert das Ego bei dem Versuch ist, für sich selbst etwas herauszuschlagen. Hey, ich habe eine Idee. Wenn wir darüber hinweggekommen sind, das Ego zu bekämpfen oder von ihm angewidert zu sein, können wir zumindest in reumütiger Verwunderung die Köpfe schütteln, so, als stünden wir demütig vor der enormen Aufgabe, die vor uns liegt, über die wir uns nichts mehr vormachen. Das wäre reif, oder nicht?

All diese Pläne gingen mir in zirka fünfzehn Sekunden durch den Kopf. Am Ende habe ich keinen von ihnen umgesetzt. (Gut, vielleicht ein bisschen vom Plan A – da müssen Sie Stella fragen). Aber nicht deswegen, weil mir Plan F eingefallen wäre, nämlich keinen der anderen umzusetzen. Ich setzte sie einfach nicht um. Es war überhaupt keine Entscheidung im herkömmlichen Sinn.

Eine der subtileren Gewohnheiten der alten Geschichte ist es Pläne zu machen, um zielorientiert nach Selbstverbesserung zu streben. Wir wenden diese Technik vielleicht sogar unbewusst dann an, wenn wir uns vornehmen, die Gewohnheiten der alten Geschichte hinter uns zu lassen, aber wenn wir das tun, werden wir sie auf einer subtilen Ebene wieder nachspielen. Wenn ich meinen Bericht oben noch einmal lese, fällt mir auf, dass meine Beschreibung impliziert, ich hätte jeden Plan verworfen, weil er eine Gewohnheit der Separation darstellt, aber das ist missverständlich. Es ist nicht so, dass ich durch meinen Tag gehe und wachsam meine Beweggründe analysiere um sicherzustellen, dass ich alles aussortiere, was aus der Separation kommt. Ich nehme eher ihre Verbindung zur Separation zur Kenntnis, um mir darüber klar zu werden, wie sich jede Entscheidung anfühlt, und woher sie kommt.

Gründe ich darauf dann auch meine Entscheidung? Nein! Es ist fast korrekt zu sagen: “Ich treffe meine Entscheidungen danach, ob sie sich gut anfühlen,” aber nicht ganz. Das vermittelt den Eindruck, ich würde ein Prinzip für Entscheidungsfindung vorlegen: Wählen Sie das, was sich gut anfühlt. Ich habe ein solches Prinzip in meinen früheren Büchern empfohlen, weil es hilft, die Gewohnheit der Selbstablehnung abzubauen, wenn man das Angenehme als einen Verbündeten annimmt. Nichtsdestotrotz suggeriert das immer noch, dass man sich entscheidet, indem man bewusst zwei Alternativen gegeneinander abwägt, bewertet welche sich besser anfühlt, und diese durch einen Willensakt auswählt.

Aber was, wenn wir uns selbst etwas vormachen, indem wir glauben, dass wir unsere Entscheidungen nach dem einen oder anderen Prinzip treffen? Was, wenn die Entscheidungen in Wirklichkeit ganz wo anders her kommen und all die Gründe, die wir für unsere Entscheidung nennen, eigentlich Rationalisierungen sind? Es gibt tatsächlich eine ganze Reihe sozialpsychologischer Untersuchungen, die genau das demonstrieren. Unbewusste Motive wie sozialer Konformismus, Selbstbild, Übereinstimmung mit Glaubenssystemen, Bestätigung der Gruppennormen und Weltsichten und so weiter üben nachweislich einen viel größeren Einfluss aus, als die meisten Menschen vermuten.i

Diese Erkenntnisse stimmen mit bestimmten spirituellen Lehren vom “Automatismus der Menschen” überein, die besagen, dass die meisten (aber nicht notwendigerweise alle) scheinbaren Entscheidungen eigentlich keine Entscheidungen sind, sondern das automatische Resultat von Entscheidungen, die lange Zeit vorher getroffen worden sind. Das bedeutet nicht, wir sollten aufhören zu versuchen uns selbst oder die Welt zu verändern – wie wir sehen werden, ist es geradezu das Gegenteil – aber es legt eine ganz andere Herangehensweise nahe, das zu tun.

Also, wie gehen wir es an? Was, wenn Sie Gewohnheiten der Separation wie meine haben und sie verändern möchten? So viele Seminare zur Persönlichkeitsstärkung schließen mit einer Art Verkündung des neuen Selbst und dem Bekenntnis zur persönlichen Verantwortung und Entscheidung, aber mit der Zeit machen viele Menschen die Erfahrung, dass die alten Gewohnheiten viel stärker sind, als es im Moment der Verkündung schien. Man sagt vielleicht: “Ich entscheide mich jetzt und für immer dafür, mit liebevoller Geduld auf meine Kinder einzugehen,” oder: “Mutige Urteilsfreiheit, das macht mich aus”; vielleicht tritt man einer Gruppe bei, in der man “einander zur Rechenschaft zieht”; und wenn man sich dabei ertappt, genau die Dinge zu tun, denen man abgeschworen hat, oder nach den alten Mustern zu leben, empfindet man eine tiefe Enttäuschung oder Scham, und man beschließt von neuem, sein Wort zu halten. Und man tut es auch – eine Zeit lang – und ist zufrieden mit sich selbst. Es ist gar nicht so anders als bei jemandem, der eine Diät macht. Willenskraft und all die Techniken aus dem motivationalen Arsenal funktionieren nur temporär, solange sich nicht grundlegend etwas geändert hat. Und wenn dieses grundlegende Etwas sich geändert hat, halten wir es vielleicht uns selbst und unserer Willenskraft zugute, aber das ist eine Illusion. Wir sind es gewohnt, Erfolg auf eine Kraftanwendung zurückzuführen. Dafür steht die Willenskraft: für eine Art psychologische Kraft oder Gewalt, mit der man einen Feind überwindet: sich selbst.

Bevor ich meine Frage “Wie gehen wir es an?” beantworte, würde ich gern erklären, warum ich denke, dass das so eine wichtige Frage ist. Ich gab oben ein ziemlich belangloses Beispiel: Wäre ich es gewohnt, nach Plan A zu handeln, wäre das Ergebnis nichts Schlimmeres, als dass Charles Eisenstein eine ziemlich infantile Beziehung zu seiner Frau hat. Sie kennen wahrscheinlich viele Paare, bei denen die Frau ein bisschen zu sehr eine Mami ist. Jetzt bitte keine Namen nennen! Nicht gerade sexy, aber auch nicht das Ende der Welt. Aber überlegen Sie, was es für eine Heilerin, eine Aktivistin oder überhaupt jemanden mit hohen Idealen bedeutet, unbewusst solch kleinkarierten Ego-Motivationen zu unterliegen, wie ich sie oben beschrieben habe. Ihr Aktivismus hätte eine geheime Agenda. Ihre Energie würde zugleich auf einander entgegengesetzte Ziele hinarbeiten.

Wem dienen wir? Dienen wir wirklich der schöneren Welt, von deren Möglichkeit unsere Herzen wissen? Oder ist das nur das Banner, unter dem wir unsere persönlichen Zielvorgaben wie Suche nach Anerkennung, Identitätsstiftung, Selbstbestätigung, Eitelkeit und Selbstrechtfertigung verfolgen? Wie viel von den politischen Diskussionen online ist wie ein großes Spiel voller: “Siehst du, ich habe Recht! Und die anderen liegen falsch. Wie können sie nur? Wie dumm. Sind sie nicht furchtbar? Bin ich nicht gut?” Wenn sich unsere Energie aufspaltet und der Großteil in solche egoistischen Ziele fließt, dann werden sie das sein, was wir erreichen, während sich sonst nicht viel ändern wird.

Ich möchte, dass Sie den letzten Absatz noch einmal lesen und versuchen, ob Sie es aus einer Geschichte heraus können, die keine Scham, Entrüstung oder Verachtung hervorruft. Es klingt, als hätte ich eine furchtbare Anschuldigung gemacht, indem ich Wörter wie Suche nach Anerkennung, Eitelkeit und Selbstrechtfertigung verwendete. Lassen Sie uns also herausfinden, woher das Bedürfnis nach solchen Dingen kommt. Es sind die Reaktionen eines verletzten Menschen, der von den intimen Verbindungen abgeschnitten wurde, die eine stabile Identität bilden, und der schon im zarten Alter durch bedingte Akzeptanz und Ablehnung auf eine tiefsitzende Selbstablehnung konditioniert wurde, die ihn immer hungrig nach Anerkennung bleiben lässt. All diese Gewohnheiten der Separation sind Symptome und nur in zweiter Linie Ursachen unserer gegenwärtigen Verfasstheit.

Ein zweiter Grund, warum diese Frage so wichtig ist: Was für die individuelle Ebene zutrifft, gilt auch auf der kollektiven. Unsere Zivilisation hat sich in Muster verstrickt, die wir scheinbar selbst nicht mehr verändern können. Man braucht nur einen Blick auf die mitreißenden Ankündigungen des Klimagipfels in Rio 1992 zu werfen, um das zu erkennen. Organisationen und Nationen vertreten routinemäßig Politiken, die nur ein kleiner Teil ihrer Mitglieder unterstützt – oder manchmal im Fall von Organisationen: die kein einziger unterstützt. Wie ist das möglich? Sicher, ein Teil der Erklärung hat mit den Interessen der Eliten zu tun, die finanzielle oder politische Macht ausüben, aber wir dürfen nicht vergessen, dass diese Macht letztlich aus sozialen Übereinkünften und nicht von den Superkräften der Herrschenden kommt. Darüberhinaus sind Ereignisse wie die globale Erwärmung oder das Risiko eines Nuklearkrieges auch nicht im Interesse der Eliten. Also sind wir wieder zurück in der Sphäre der Selbsttäuschung. Die Frage, die ich stelle, ist: “Wie kann das Gemeinwesen, die menschliche Spezies als Ganzes, ihre destruktiven Gewohnheiten ändern?” Ich untersuche die Frage deshalb auf individueller Ebene, weil sie vielleicht eine metaphorische oder mehr als metaphorische Bedeutung für die kollektive Ebene hat – wie man es erwarten würde in einem Universum, in dem das Selbst und das Andere, der Makrokosmos und der Mikrokosmos, der Teil und das Ganze einander widerspiegeln.

Der Grund, dass ich (in diesem speziellen Fall – Sie glauben doch nicht im Ernst ich würde Ihnen jetzt die Male eingestehen, in denen ich mich egozentrisch und melodramatisch aufgeführt habe?) nach meinem Fußmarsch nicht aus den Gewohnheiten der Separation heraus handelte, ist nicht, dass ich versuchte oder mich dafür entschied, es nicht zu tun. Es war die Aufmerksamkeit, die ich den Gewohnheiten selbst und den Gefühlen dahinter gewidmet hatte. Einer Gewohnheit Aufmerksamkeit zu widmen, schwächt ihre Zwanghaftigkeit. Der Verfasstheit, die der Gewohnheit zugrunde liegt, Aufmerksamkeit zu schenken, beraubt sie ihrer Motivation. Das Gefühl, das all meinen kleinen Plänen zugrunde lag, war eine zarte, hilflose Einsamkeit. Ich widmete diesen Dingen Aufmerksamkeit ohne die leiseste Absicht, mich selbst daran zu hindern, auf ihrer Grundlage zu handeln. Ich vertraute darauf, dass die Macht der Aufmerksamkeit ihr Werk tun würde. Vielleicht würde das Ergebnis sein, dass ich am Ende den Plan A ausführte. Ich machte mir darüber keine Gedanken.

Was wäre passiert, wenn ich statt dessen meinen geheimen Plan, aus meinem Marsch ein paar Vorteile für mich herauszuschlagen, erkannt hätte, um dann zu beschließen, mich um jeden Preis davon abzubringen? Was wäre passiert, wenn ich mir selbst mit Bestrafung gedroht hätte (Schuld, Scham, Selbstzüchtigung, verbalen Missbrauch durch meine innere Stimme, die sagt: “Was ist bloß los mit dir?”) und mich selbst mit Belohnungen motiviert hätte (Selbstakzeptanz, mir selbst zu sagen, dass ich reif sei, besser als Onkel Bob etc.)? Ich kann Ihnen sagen, was passiert wäre. Ich hätte mir Plan A oder B nach außen hin versagt, ihn aber trotzdem vollzogen, und zwar so, dass ich es vor meinem eigenen Bewusstsein glaubwürdig hätte verleugnen können. Denn wenn es mein Ziel ist, vor meinem eigenen inneren Richter zu bestehen, dann werden dieser Richter und andere Teile von mir zusammen etwas aushecken, um einen Freispruch zu erwirken. Ich muss hier nicht weiter ausführen, welche Begabung wir Menschen in der Selbsttäuschung besitzen. Wenn das Motiv Selbstakzeptanz ist, dann wird es Selbstakzeptanz sein, die wir bekommen – und sei es auf Kosten von allem, was schön ist.

Das hört sich erschreckend an, nicht wahr? Meine Absicht ist hier nicht, sie durch Angst dazu zu bringen, sich zu verändern. Vielleicht würde ich es sogar, wenn ich könnte, aber das hier ist nicht die Art von Veränderung, in die man aus Angst getrieben werden kann. Ich könnte Ihnen vielleicht genug Angst machen, dass sie es versuchen, aber das Ergebnis wäre das gleiche wie in meinem Schema von Belohnung und Androhung oben. Nein, dies hier ist die Art von Veränderung, die dann geschieht, wenn es für sie Zeit ist zu geschehen.

Nicht nur, dass sich die Gewohnheiten der Separation der Aufmerksamkeit ergeben, sie suchen sogar die Aufmerksamkeit, die sie für ihr Absterben brauchen, wenn ihre Zeit gekommen ist. Sie tun das zum Beispiel, indem sie Situationen hervorrufen, die ganz schön erniedrigend sein können, in denen sie erkannt werden. Oder eine andere Person spiegelt sie wider: Die Eigenschaften von anderen, die unser Urteil provozieren, sind oft auch unsere eigenen. Sie müssen nicht unbedingt direkt widergespiegelt werden – zum Beispiel könnte jemandes ständige Besorgnis um ganz triviale Sachen meinen eigenen Mangel an Aufmerksamkeit für eine große Sache widerspiegeln – aber ich habe festgestellt, dass durch die auslösende Person meist etwas in mir nach Aufmerksamkeit ruft. Noch ein anderer Weg, auf dem sich eine versteckte Gewohnheit zu erkennen geben kann, sind spirituelle Lehren und besonders Geschichten, die wiederum unserem Selbst einen Spiegel vorhalten.

Ich hoffe, dass die Geschichten und Aufzählungen von Gewohnheiten der Separation hier in einigen von Ihnen, liebe Leser, eine neugierige Aufmerksamkeit dafür wecken, welche dieser Gewohnheiten in Ihnen wohnt. Bitte versuchen Sie nicht, sie mit Gewalt zu bremsen. Wenn Sie das tun, wird es wahrscheinlich nicht funktionieren; Sie werden nur sich selbst täuschen. Es wäre in der Tat sogar eine Gewohnheit der Separation, mit Scham, Enttäuschung und dem Wunsch zu reagieren, eine neue Seite aufzuschlagen, wenn Sie eine Gewohnheit der Separation bemerken. Es geht nicht darum, dass wir immer bessere Menschen werden. “Gut zu sein” ist Teil der alten Geschichte. Das spiegelt eine internalisierte Suche nach Anerkennung wider, die in der modernen Erziehung, Beschulung und Religion wurzelt. Das Ringen darum, gut zu sein, ist Teil des Kriegs gegen das Selbst und des Kriegs gegen die Natur, der sich darin abbildet.

Hier ist noch ein Paradox: Wir werden nur dann bessere Menschen, wenn wir das Streben danach, bessere Menschen zu werden, aufgeben. Dieses Streben kann nur einen Anschein dessen erreichen, worum es sich eigentlich bemüht. Keiner ist so sehr zum Bösen fähig wie die Selbstgerechten. In einer amüsanten Studieii wurden den Teilnehmern Verpackungen von Bio-Lebensmitteln oder von Futter für die Seele wie Brownies gezeigt. Die, denen die Bio-Lebensmittel gezeigt wurden, bekundeten weniger Empathie und fällten strengere moralische Urteile als jene, denen man die Brownies gezeigt hatte. Wenn man ehrlich zu sich selbst ist und zugibt, dass man den Brownie genauso sehr möchte wie der Mensch gegenüber, wird man ganz natürlich weniger streng urteilen. Studien wie diese werden oft als Aufruf zur Bescheidenheit interpretiert. Bedauerlicherweise ist Bescheidenheit nicht etwas, das man durch harte Arbeit oder einen Willensakt erreichen kann. Wäre das möglich, dann könnten wir uns auch zu Recht unsere eigene Bescheidenheit als Verdienst anrechnen. Hüten Sie sich vor denen, die nach Bescheidenheit streben – meist ist das, was sie erreichen, nur ein Anschein von Bescheidenheit, mit dem sie am Ende nur sich selbst zum Narren halten. Es ist vielleicht sogar bescheidener mit Freuden unbescheiden zu sein.

Wenn Sie die Gewohnheit der Selbstgerechtigkeit bemerken, wissen Sie, was zu tun ist: Widmen Sie ihr Aufmerksamkeit. Beachten Sie alle Gefühle von Enttäuschung oder Frustration ohne zu versuchen diese Gefühle zu bremsen. Lassen Sie die Aufmerksamkeit, die Sie Ihren Gewohnheiten und den ihnen zugrundeliegenden Gefühlen zukommen lassen, so sanft sein wie nur irgend möglich: liebevoll, verzeihend und friedlich. Sie können sogar der Gewohnheit dafür danken, dass sie ihre Aufgabe so lang gemacht hat, weil Sie wissen, dass sie sich in einem späten Stadium ihrer Lebenszeit befindet und bald sterben wird.

Es kann aber auch sein, dass Sie manchmal die Erfahrung machen, eine Gewohnheit sehr plötzlich und dramatisch loszulassen. Es gibt sogar eine Zeit für Absichtserklärungen und Willenskraft. Das wäre in dem Fall, wenn das unmissverständliche Gefühl stark in Ihnen auftaucht: “Es ist Zeit, dass das aufhört!” Das ist dann kein beklemmendes Gefühl, bei dem man sich wünscht, es möge doch aufhören; es ist eine klare, direkte Wahrnehmung, die mit Selbstvertrauen und einer Endgültigkeit kommt. Wenn Sie mit solch einem Gefühl gesegnet sind, dann können Sie die Zigaretten weglegen, oder die Gewohnheit zur Angeberei aufgeben, oder die Gewohnheit immer das letzte Wort haben zu wollen, und sie nie wieder aufgreifen. Aber bitte glauben Sie nicht, dass Sie deswegen aus einem härteren spirituellen Holz geschnitzt wären als der Mensch neben Ihnen. Ich nehme das zurück – machen Sie weiter und stellen Sie sich das vor. Und beobachten Sie sich dabei, wie Sie es sich vorstellen. Und zollen Sie allen Versuchen, Ihren inneren Richter zu beeinflussen, damit er das Urteil “gutes Mädchen” oder “guter Junge” fällt, Aufmerksamkeit, weil das die schädlichste der Gewohnheiten der Separation ist, die es gibt.

Vielleicht stellen Sie fest, dass meine Antwort auf die Frage: “Wie gehen wir es an?” ein bisschen paradox ist. So ziemlich alles, was wir in die Kategorie des “Tuns” einordnen, ist selbst wieder eine Gewohnheit der Separation, ein Ringen mit sich selbst, oder eine andere Form von Urteil. In Wirklichkeit ist die Antwort: “Sie sind schon dabei etwas dagegen zu tun.” Das zu begreifen fällt dem Geist der Separation schwer. Es klingt, als ob ich Ihnen erzählte, Sie sollten gar nichts tun. Und es gibt ja auch eine Zeit um nichts zu tun, aber früher oder später kommt aus dem Nicht-Tun ein natürlicher Impuls, der von der eigenen vollen, ungespaltenen Energie getragen ist. Ich hoffe, dass für manche von Ihnen dieses Buch einen Prozess in Gang gesetzt oder einen schon vor langer Zeit begonnen Prozess beschleunigt hat. Sie werden sich selbst dabei ertappen, Dinge zu tun und Dinge nicht zu tun, für die Sie früher blind waren, oder die außerhalb Ihrer Macht zu liegen schienen.

Wenn Menschen mich bei Vorträgen nach etwas Praktischem fragen, nach etwas, das man tun kann, habe ich manchmal das Gefühl, als forderten sie mich auf, sie zu beleidigen. Es ist, als fragte mich ein Raucher: “Was soll ich gegen meine Gewohnheit zu rauchen tun, die mich umbringt?” in der Hoffnung ich würde sagen: “Hören Sie zu rauchen auf. Sie werden sich mehr anstrengen müssen.” Wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der die Menschen noch nicht wissen, was die Probleme sind. Das war in den 1970ern. Damals wussten wenige Menschen von den globalen Umweltbedrohungen. Wir leben auch nicht mehr in den Zeiten, in denen die Menschen nicht wussten, was die Lösungen sind. Das war in den 1980ern oder 90ern. Heute gibt es viele Lösungen, auf allen Ebenen, von der persönlichen bis zur globalen, aber auf jeder Ebene setzen wir sie nicht um. Und wir können sie mit unseren gewohnten Strategien nicht umsetzen. Ist das mittlerweile nicht offensichtlich?

Bleiben Sie einen Augenblick bei dem Gedanken: “Ich muss überhaupt nichts tun. Die Veränderung, die ich anstrebe, passiert schon.” Weckt das in Ihnen die gleichen Gefühle wie in mir? Gefühle von Hohn, eine anschwellende Empörung und ein geheimes Sehnen nach etwas, das zu gut ist um wahr zu sein? Der Hohn und die Empörung sagen: “Das ist ein Rezept für Selbstzufriedenheit und damit für ein Desaster. Wenn ich meine Anstrengungen aufgebe, so schwach sie zugegebenermaßen auch sind, dann besteht überhaupt keine Hoffnung mehr.” Sie rühren auch an das tiefe Unbehagen, das von einer Weltsicht kommt, die uns in ein sinnloses, fühlloses Universum wirft. Wenn Sie in dieser Welt der Gewalt nicht veranlassen, dass etwas geschieht, dann wird nichts geschehen. Sie können nie loslassen und einfach vertrauen. Aber da ist auch dieses geheime Sehnen, das genau das tun will. Wird es gut gehen? Oder wird die Feindlichkeit des Universums, die uns unsere Ideologie gelehrt hat, und die unsere Gesellschaft verkörpert, noch einmal unsere Verletzlichkeit ausnützen?

Ja, es macht Angst nicht zu tun, oder vielmehr sich das Tun nicht aufzuzwingen. Die meisten von uns sind in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der wir von Kindesbeinen an darin trainiert werden, die Dinge zu tun, die wir eigentlich nicht tun wollen, und Dinge zu unterlassen, die wir tun wollen. Das wird Disziplin, Arbeitsmoral oder Selbstbeherrschung genannt. Spätestens seit dem Heraufdämmern der Industriellen Revolution wurde das zu einer Kardinaltugend. Schließlich waren die meisten Tätigkeiten in der Industrie nichts, was ein gesunder Mensch freiwillig tun würde. Bis zum heutigen Tag sind die meisten der Tätigkeiten, die die Gesellschaft, wie wir sie kennen, am Laufen halten, genau so. Verlockt von künftigen Belohnungen und gezüchtigt durch Bestrafungen stellen wir uns der unerbittlichen Notwendigkeit der Arbeit. Das wäre alles vertretbar, wäre diese Arbeit wenigstens wirklich notwendig, trüge sie zum Wohlbefinden der Menschen und des Planeten bei. Aber mindestens 90% davon tun das nicht. Ein Teil der Revolution ist die Wiedervereinigung von Arbeit und Spiel, Arbeit und Kunst, Arbeit und Freizeit, des Müssens und des Wollens.iii

Unser Unbehagen gegenüber Sprüchen wie: “Du musst gar nichts tun” kommt teilweise aus unserer gründlichen Indoktrination mit der Arbeitsmoral, die besagt, dass ohne die Disziplin, etwas zu tun, nichts erledigt wird. Drohten keine Schulnoten, lockte kein Gehaltscheck am Ende der Woche, und gäbe es keine andere, von ähnlichen Instrumenten erzeugte, internalisierte Arbeitsgewohnheit, dann würden die meisten Menschen nicht mehr das tun, was sie tun. Nur die, die aus Liebe an der Sache arbeiten, würden weitermachen – nur die, deren Arbeit ihnen das deutliche Gefühl gibt, einer Sache zu dienen, zu etwas beizutragen, oder etwas Sinnvolles zu tun. Um uns auf eine solche Welt vorzubereiten, und um diese Welt vorzubereiten, lassen Sie uns die folgende Gewohnheit pflegen: Lassen Sie uns, wann und wo immer es sinnvoll ist, dem Impuls zu arbeiten vertrauen, und wenn er nicht da ist, begleiten wir einander durch die Panik, Unsicherheit und die Schuldgefühle, die dann vielleicht entstehen.

Ihnen mag aufgefallen sein, dass das Unbehagen hinter “Du musst überhaupt nichts tun” mit dem Zynismus verwandt ist, der unseren Glauben daran in Frage stellt, dass eine schönere Welt möglich ist, oder daran, dass selbst die Kriegsherren und Konzernchefs eine Sehnsucht danach haben, dieser Welt zu dienen, oder dass unsere individuellen Entscheidungen eine Bedeutung für den Planeten haben. Das alles kommt aus der gleichen Wunde der Separation. Du bist nicht vertrauenswürdig. Ich bin nicht vertrauenswürdig. Sie sind nicht vertrauenswürdig. Was ich in meinem Herzen weiß, ist nicht vertrauenswürdig. Es gibt keinen Sinn, keine sich entfaltende Ganzheit, keine Intelligenz im Universum außerhalb unserer selbst. Wir sind allein in einem fremden Universum.

Ich werde aus diesem Thema mit einem Paradox aussteigen. Sie müssen nichts tun – warum? Nicht weil nichts getan werden muss. Sie müssen nichts tun, weil Sie etwas tun werden. Der unbezwingbare Drang, auf eine größere und weisere Art zu handeln, als Sie es überhaupt für möglich hielten, wurde schon in Gang gesetzt. Ich rate Ihnen dringend, darauf zu vertrauen. Es ist nicht notwendig, dass Sie sich ausdenken, wie Sie sich motivieren, bei sich Schuldgefühle wecken, oder sich antreiben zu handeln. Handlungen, die von dort kommen, werden weniger stark sein als die, die unaufgefordert entstehen. Vertrauen Sie auf sich, dass Sie wissen werden, was zu tun ist, und dass Sie wissen werden, wann es zu tun ist.

Weil unsere Gewohnheiten, uns selbst zu etwas zu zwingen, so tief sitzen und oft recht subtil sind, könnte es hilfreich sein, ein Kriterium zu haben um unterscheiden zu können, woher Ihre Handlungen kommen. Manchmal ist mir nicht klar, ob ich etwas aus einem direkten, ungekünstelten Verlangen zu dienen getan habe, oder ob das wahre Motiv war, mir selbst oder anderen zu zeigen, dass ich gut bin, mein Dazugehören zu einer angesagten Gruppe zu bestätigen, Selbstkritik oder die Kritik von anderen zu vermeiden, oder meine Pflicht als ein ethischer Mensch zu erfüllen. Ich stelle aber fest, dass im ersteren ein viel größeres Vergnügen liegt. Weil der Wunsch zu geben eine ursprüngliche Ausdrucksform unserer Lebenskraft ist, bringen Handlungen, die aus dem Geist des Schenkens kommen, ein Gefühl mit sich, ganz und gar am Leben zu sein. Das ist das Gefühl, nach dem es Ausschau zu halten gilt.

Falls Sie denken, dass dieser Rat nur in ein Selbsthilfebuch gehört, lassen Sie mich Ihnen eine Geschichte von meiner Freundin Filipa Pimentel erzählen, einer Führungsperson im Transition Town Movement, die dieses Prinzip in einem aktivistischen Umfeld angewendet hat. Sie war an einer Transition Initiative in einer der am meisten heruntergekommenen Regionen Portugals aktiv, die noch einmal in einer eigenen Wirtschaftsdepression mit einer Arbeitslosenrate von 25% versunken war. Die Gruppe litt unter großem Druck, fühlte sich ausgebrannt, und sie dachten, dass nichts, was sie taten, auch nur annähernd ausreichend wäre. Angesichts des überwältigenden Ausmaßes der Krise und der Anforderungen wollten sie sich nach innen zurückziehen.

Eines Tages, sagte sie, mussten sie sich eingestehen, dass die Gruppe am Auseinanderbrechen war. Die, die die Flamme hauptsächlich am Brennen gehalten hatten, führten ein langes Gespräch und einigten sich nach vielen Stunden auf folgenden Konsens:

  • Sie würden liebevoll und beschützend aufeinander aufpassen, und wenn es einem nicht gut ging, würden die anderen für diese Person da sein.

  • Ihre Initiativen würden aus einer reinen Absicht kommen: der Großzügigkeit.

  • Sie würden laufend auf ihre persönliche, von der Gruppe unterstützte, Entwicklung achten. Und am wichtigsten:

  • Dass alles, was sie tun würden, aus Freude, aus einem wirklichem Verlangen, und aus ihren Aha-Erlebnissen geschehen solle. Sie entschieden sich, keine Opfer mehr zu bringen oder und nicht mehr solchen Aktionen Priorität zu geben, die irgendjemand für am dringendsten notwendig hielt.

Dieses letzte Prinzip war die Reaktion auf eine Situation, in der eine vom Kernteam eine Aktivität organisiert hatte, bei der es um Tausch ging. Vielleicht war das angesichts der riesigen ungestillten Bedürfnisse in dieser Stadt nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber sie hatte Spaß dabei und erweiterte wirklich ihre Komfortzone. Dann begannen einige Leute aus dem Netzwerk, ihr Projekt zu kritisieren. Es sei ineffizient. Es sollte ein Secondhand-Markt sein, nicht nur ein Tauschen, weil der Effekt dann viel größer wäre. Bald fragte sie sich: “Wird das wirklich einen Unterschied machen?”, verlor den Mut und verfiel in eine Lähmung. In ihrer Besprechung erkannten sie, wie Filipa es sagt: “In dieser Stadt muss so viel passieren, es sollte einen Geschenksaustausch, einen Secondhand-Markt und einen Bauernmarkt geben – all diese Dinge bräuchte es. Wir können nicht alles machen. Aber nur weil wir nicht alles machen können, heißt das nicht, dass wir nicht zumindest etwas machen sollten.” Also entscheiden sie sich jetzt für das, was sie verbindet, und was ihnen Spaß macht. Sie sagt: “Das ist das erste Kriterium, wenn wir uns die lange Liste von Dingen anschauen, die gemacht werden können, und die wahrscheinlich alle dringend notwendig sind. Wenn jemand bei einer speziellen Aktivität, die er organisiert, Anzeichen von Stress und Müdigkeit zeigt, fragen wir immer: “Fühlst du dich noch mit dem in Verbindung, was du tust? Macht es dich glücklich oder hast du das Gefühl, du musst dich dafür aufopfern? Wenn es sich wie `Arbeit´ anfühlt, hör auf damit!”

Wenn sie nur das tun, womit sie sich gut fühlen, nur das, was ihnen das Gefühl von Verbundenheit gibt, und nur das, was sich nicht wie Arbeit anfühlt… heißt das etwa, dass sie jetzt weniger zustande bringen im Vergleich zu früher, als sie von der Dringlichkeit getrieben waren und versuchten, noch effizienter zu sein? Nein. Sie bringen jetzt mehr zustande. Filipa sagt: “Die Gruppe hat einen viel stärkeren Zusammenhalt; wir haben die Freiheit, unsere Gefühle auszudrücken ohne gleich wieder an den Rand des Abgrunds zu kommen oder das Gefühl zu haben, für all den negativen Kram verantwortlich zu sein. Ich habe das Gefühl, dass es in gewisser Weise für die Menschen rund um mich und für mich selbst viel einfacher ist, uns dem, was wir tun, ohne Angst zu widmen, mit echter Freude und einem Gefühl der Zugehörigkeit. Irgendwie scheint mir, dass die anderen rund um die Gruppe das spüren, und dass wir in vielen kritischen Situationen jetzt nicht mehr blockiert sind – wenn es in der Gruppe nicht fließt, geraten die Dinge an einem gewissen Punkt ins Stocken. Seit damals tun wir viel mehr, auf eine viel positivere Art und Weise.”

Würden Sie nicht auch gerne viel mehr tun, und das auf eine positivere Art und Weise? Wagen Sie es aufzuhören mit dem, was sich wie Arbeit anfühlt? Wie viel effektiver werden Sie sein, wenn Sie sich “dem, was Sie tun, mit echter Freude und einem Gefühl der Zugehörigkeit” hingeben?

Nicht, dass Arbeit falsch wäre. Arbeit und Spiel, Arbeit und Freizeit… es ist an der Zeit, diese Gegensätze zu hinterfragen. Das bedeutet nicht gleich Trägheit. Als ich am Bau arbeitete, war die Arbeit manchmal sehr anstrengend, aber sie war nie eine Qual. Ich hatte nicht das Gefühl mit mir selbst zu kämpfen, oder mich zu zwingen. Es gibt eine Zeit für große Anstrengungen, eine Zeit mit den eigenen Fähigkeiten an die Grenzen zu gehen. Uns sind diese Fähigkeiten schließlich aus einem Grund gegeben worden. Aber der Kampf sollte nicht der Normalzustand im Leben sein.

Das Gleiche gilt auch für die spirituelle Praxis. Sie haben vielleicht festgestellt, dass mein Rezept, um die Gewohnheiten der Separation abzulegen, sehr eng mit den buddhistischen Lehren und Praktiken der Achtsamkeit übereinstimmt. Ah, endlich etwas zu tun! Jetzt können wir uns alle daran machen, heroisch nach Achtsamkeit zu streben. Wir können jene bewundern (speziell uns selbst, die wir, wenn auch nicht so achtsam wie vielleicht Thich Nhat Hanh, dann doch zumindest achtsamer als die meisten Leute sind, nicht wahr?), die noch achtsamer sind, und mit Geringschätzung auf jene herabsehen oder gönnerhafte Nachsicht mit jenen üben, die es weniger sind. Wir können genau den gleichen psychologischen Apparat auf ein neues Ziel ausrichten: Achtsamkeit.

Ich hoffe, nachdem Sie jetzt schon so weit gelesen haben, dass Sie gegenüber diesem Plan eine gewisse Skepsis hegen. Wäre es möglich, dass auch die Achtsamkeit als ein Geschenk kommt, wenn uns die Umstände von neuem achtsam für das machen, was unterhalb unserer Aufmerksamkeitsschwelle lag? Ich rate Ihnen dringend, die Achtsamkeit als ein Geschenk zu sehen und sie als ein solches wertzuschätzen. Nehmen Sie dieses Geschenk ganz an und geben Sie sich ihm hin. Wahrscheinlich ist der Weg zur Achtsamkeit nicht der eines erbitterten Willensaufgebots. Wir können nicht wollen was wir wollen – das Wollen kommt auch als ein Geschenk.

iFür einige Beispiele lesen Sie: Jon Hanson und David Yosifon, “The Situation: An Introduction to the Situational Character, Critical Realism, Power Economics, and Deep Capture,” University of Pennsylvania Law Review 152 (2003–2004): 129.

iiKendall J. Eskine, “Wholesome Foods and Wholesome Morals? Organic Foods Reduce Prosocial Behavior and Harshen Moral Judgments,” Social Psychological and Personality Science (März 2013).

iiiWie ich ausführlich in “Ökonomie der Verbundenheit” argumentiere, haben lokale, dezentralisierte, peer-to-peer und ökologische Produktionsmethoden den Zusatznutzen, dass sie Arbeit einschließen, die weniger langweilig und sinnvoller ist. Denken Sie zum Beispiel an den Unterschied zwischen der Fließbandproduktion von Wegwerfprodukten und der Reparaturarbeit an gut entworfenen, dauerhaften Produkten. Denken Sie an den Unterschied zwischen dem Anbau von Monokulturen und dem Gärtnern im kleinen Maßstab, zwischen der Arbeit als Zimmermädchen in einem Hotel und dem Betreiben einer kleinen Frühstückspension oder dem Beherbergen eines Couch-Surfers. Natürlich werden immer einige langweilige Tätigkeiten übrig bleiben, aber sie werden einen anderen Charakter annehmen, wenn sie keine ökonomische Notwendigkeit, acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche, Jahr für Jahr sind.